Russland verfügt über ein riesiges Arsenal strategischer und taktischer Atomwaffen. Die atomwaffenfähige Interkontinentalrakete RS-24 Jars, hier bei einer Militärparade auf dem Roten Platz, gehört zu den Prestigeobjekten der russischen Waffenschmiede.

Foto: AP Photo/Alexander Zemlianichenko

Am Wochenende ließ Russlands Präsident Wladimir Putin die Welt mit einer düsteren Ankündigung erschaudern: Das Verteidigungsministerium solle die Abschreckungswaffen in Alarmbereitschaft versetzen. Nicht nur die deutlich spürbaren Sanktionen der westlichen Welt gegen Russland, sondern auch die "aggressive Rhetorik" einiger Nato-Staaten machten diesen Schritt unabdingbar, so Putin. Auch wenn der russische Präsident in seiner Rede nicht direkt von den Atomwaffen im Arsenal seiner Armee sprach, geht im Westen seither die Angst um.

Frage: Was bezweckt Putin mit der Anhebung der Alarmbereitschaft für die Abschreckungswaffen der Atommacht Russland eigentlich?

Antwort: Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass Russlands Präsident damit eine psychologische Drohkulisse aufbauen will. Einerseits sende er damit eine Botschaft an seinen Kriegsgegner Ukraine, weil die Invasion für Russland bisher nicht nach Plan verläuft, erklärt Claudia Major, die in der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik leitet, dem STANDARD. Andererseits sei aber auch der Westen ein Adressat, dem Putin auf diese Weise mitteilt, sich aus dem Ukraine-Konflikt herauszuhalten. Auch deshalb, weil der Westen, auch Deutschland, härter auf die russische Aggression reagiert, als es Moskau wohl für möglich gehalten hat. "Ich betrachte Putins Drohung als nukleare Erpressung, die nicht nur die Ukraine weiter unter Druck setzen soll, sondern auch den Westen fernhalten", sagt Major. "Wenn die Alarmstufe hochgeschaltet wird, heißt das zunächst nur, dass die zuständigen Kommandostrukturen in Kontakt gebracht werden. Es handelt sich dabei nicht um die Vorstufe zum Einsatz der Atomwaffen."

Frage: Was wissen wir über die Befehlsketten in Russlands Nuklearstreitkräften?

Antwort: Laut der russischen Verfassung liegt die Befehlsgewalt über die Atomwaffen beim Präsidenten, also Wladimir Putin. Vermutet wird aber, dass dieser einen Einsatz mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow absprechen würde. Schoigu meldete am Montag den Vollzug von Putins Befehl, die Alarmbereitschaft herzustellen. Konkret nannte er die strategischen Raketentruppen, die Nord- und die Pazifikflotte und die Fernfliegerkräfte. "Es gibt Hinweise darauf, dass in Russland ein Mehraugenprinzip gilt, also mehrere Personen im Fall eines Atomwaffeneinsatzes in die Entscheidung eingebunden sind", sagt Martin Senn, ein Politikwissenschafter von der Universität Innsbruck, der sich seit Jahren mit Atomwaffenpolitik beschäftigt. Genau, so Senn, wissen wir das aber nicht.

Frage: Wie reagiert die Welt auf Putins Drohung?

Antwort: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat sich in einer ersten Reaktion besorgt gezeigt und von einer "gefährlichen Rhetorik" gesprochen. Auch China rief "alle Seiten" dazu auf, "ruhig zu bleiben". Entscheidend, so SWP-Forscherin Major, sei aber die Reaktion der USA: "Wichtig ist, dass Washington einen kühlen Kopf behalten und nicht reziprok reagiert hat." Die USA beobachten sehr genau, wie es um die Kommunikation zwischen den russischen Kommandostrukturen steht und ob es Bewegung, etwa in den Nuklearstützpunkten, gibt. Derzeit gibt es Hinweise darauf, dass die Kommunikationskanäle zwischen Washington und Moskau intakt sind. Freilich: "Alles baut darauf auf, dass Russland rational agiert. Ob das so ist, wissen wir nicht."

Frage: Sind die Atomstreitkräfte nicht ohnehin immer in Alarmbereitschaft?

Antwort: Nicht alle, sagt Senn. Ein Teil der strategischen Atomwaffen, der etwa auf U-Booten stationiert ist und weite Strecken überwinden kann, ist permanent einsetzbar. Bei sogenannten taktischen Atomwaffen hingegen, die eher regionale Ziele erreichen können, werden der Gefechtskopf und das Transportsystem getrennt voneinander gelagert.

Frage: Warum hat die Ukraine eigentlich ihre Atomwaffen abgegeben?

Antwort: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion "erbte" die Ukraine kurzzeitig das drittgrößte Atomarsenal der Welt. Das Land hatte schon in seiner Souveränitätserklärung 1990 festgehalten, auf Nuklearwaffen verzichten zu wollen. Sorge bereitete aber der russische Verbleib als Atommacht, die Ukraine setzte auf genaue vertragliche Bedingungen zur Abrüstung. Im Budapester Memorandum 1994 verpflichteten sich die Atommächte Russland, die USA und Großbritannien, Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine (sowie auch von Kasachstan und Belarus) im Gegenzug zur nuklearen Abrüstung zu achten. Russland verstößt seit der Annexion der Krim 2014 gegen die Vereinbarung mit der Ukraine.

Frage: In der Ukraine befinden sich neben dem von russischen Truppen eingenommenen Katastrophenreaktor Tschernobyl noch vier weitere AKWs, darunter das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja. Geht von diesen Anlagen eine Gefahr für die Bevölkerung aus?

Antwort: Weniger von Tschernobyl als von den laufenden AKWs, sagt Politologe Senn. Diese hingen von der Stromzufuhr ab, um den Kühlkreislauf aufrechtzuerhalten. "Es ist ja nicht auszuschließen, dass es zu einem doppelten Problem kommt, nämlich der Unterbrechung der Stromzufuhr und der Zerstörung der Generatoren vor Ort, die das Kühlsystem im Notfall am Laufen halten. Das Risiko eines Störfalls besteht also."

Frage: Wie bereitet sich Österreich auf den unwahrscheinlichen Fall vor, dass Atomwaffen eingesetzt werden oder ein AKW beschädigt wird?

Antwort: Hier gilt es, zwei Risiken zu unterscheiden: Wenn taktische Nuklearwaffen – transportiert etwa über Raketen – im Kriegsgebiet eingesetzt werden, dann entsteht am Ort der Detonation neben der unmittelbaren Hitze- und Druckwirkung sehr viel Gammastrahlung, dies aber durch eher kurzlebige Isotope: Diese lösen bei den betroffenen Personen in der Nähe der Detonation die gefürchtete Strahlenkrankheit aus, werden aber kaum über weitere Strecken (also bis nach Österreich) transportiert. Allenfalls könnten Strahlenopfer, denen einen Flucht nach Österreich gelingt, strahlendes Material einschleppen – weshalb diese Personen dekontaminiert werden müssten.

Anders wäre ein – eventuell bewusst herbeigeführter – Reaktorunfall einzuschätzen. Nach etwa vier Tagen "übertrifft die Aktivität des Reaktorunfalls die Aktivität der Bombenexplosion", schreibt Greenpeace in einer Studie für Deutschland. Eine Reaktorkatastrophe in der Ukraine hätte ähnliche Folgen wie jene von Tschernobyl 1986. Allerdings verweist Oberst Jürgen Schlechter vom ABC-Abwehrzentrum darauf, dass die Reaktoren heute viel sicherer sind als 1986, als ein graphitgesteuerter Reaktor explodierte und durch das brennende Graphit große Mengen radioaktiver Stoffe in höhere Atmosphärenschichten befördert und durch den Wind unter anderem nach Österreich verfrachtet worden sind.

Bei den neueren Reaktoren müsste nicht nur das Containment (eine Sicherheitskonstruktion, die in Tschernobyl nicht installiert war) zerstört werden, sondern auch eine Explosion und ein Brand entstehen, der eine weiträumige Verfrachtung des Materials nach Österreich wahrscheinlich machen würde. Die regionalen Auswirkungen könnten dennoch beträchtlich sein – und Flüchtende könnten dieses langlebige radioaktive Material (Jod- und Cäsium-Isotope, insbesondere I-131 und Cs-137) mit sich tragen. (Florian Niederndorfer, Conrad Seidl, David Rennert, 1.3.2022)