Weißwedelhirsche sind die häufigste Hirschart in Nordamerika. Und sie sind für Ansteckungen mit Sars-CoV-2 besonders anfällig.

AP / David Duprey

Es ist schon wieder einige Zeit her, dass zwei Studien zur Verbreitung von Covid-19 bei Weißwedelhirschen für einiges Aufsehen sorgten: Beide Untersuchungen erschienen im Fachblatt "PNAS" und zeigten, dass Sars-CoV-2 bei dieser mit rund 30 Millionen Exemplaren häufigsten nordamerikanischen Hirschart überraschend weit verbreitet war.

Bereits Anfang 2021 hatten Forschende entdeckt, dass 40 Prozent der wildlebenden Weißwedelhirsche in vier US-Bundesstaaten Antikörper gegen Sars-CoV-2 aufwiesen. Eine weitere Studie, die vor einem Monat publiziert wurde, kam zu dem Schluss, dass 80 Prozent der in Iowa entnommenen Proben derselben Hirschart bei PCR-Tests CoV-positiv waren. Genetische und geografische Daten deuten zudem darauf hin, dass der Erreger mehrfach von infizierten Menschen auf Rehe übertragen wurde und sich dann weiterverbreitet hat. DER STANDARD berichtete.

Rückübertragung auf Menschen

Schon in diesen Untersuchungen äußerten die Fachleute den Verdacht, dass es zu Rückübertragungen von Tier auf Mensch kommen könnte. Das wurde bislang aber nur im Fall von Haus- bzw. Zuchttieren dokumentiert: bei Hamstern in Hongkong beziehungsweise Zuchtnerzen, was in Dänemark in Tiermassakern endete. In Sachen Omikron vermuten Forschende, dass diese Variante womöglich auf Mäuse zurückgehen könnte.

Nun könnte in Kanada genau das passiert sein, was bei Wildtieren für denkbar, aber eher unwahrscheinlich gehalten wurde: Kanadische Forschende um Jeff Bowman (Trent University, Ontario) berichten in einem Preprint auf dem Preprintserver Bioarxiv von einem ersten möglichen Fall, bei dem ein Weißwedelhirsch das Coronavirus auf einen Menschen übertragen hat. In der Studie, die vergangene Woche veröffentlicht wurde, erklären die Biologinnen und Biologen, dass mindestens dieser konkrete Fall von Covid-19 beim Menschen auf einen Virusstamm zurückgeführt werden kann, der sich bei Hirschen fand.

Kanadischer Probenvergleich

Im Rahmen der Studie hatten die kanadischen Wissenschafter Proben von knapp 300 Weißwedelhirschen genommen, die im vergangenen Herbst im Südwesten Ontarios erlegt worden waren. Dabei zeigte sich, dass 17 der 298 Hirsche positiv waren und eine neue, stark mutierte Virusvariante aufwiesen. Diese Linie zeigt 76 Mutationen auf, darunter 37, die zuvor mit nichtmenschlichen Wirten in Verbindung gebracht worden waren, und 23, die zuvor nicht bei Hirschen gefunden worden waren. Die Variante weist allem Anschein nach keine besondere Immunflucht auf.

Die engste genetische Verwandte dieses Stammes entdeckte man in Proben, die vor zwei Jahren in Michigan bei Menschen und Nerzen entnommen worden waren, twitterte Finlay Maguire (Dalhousie University) und einer der Co-Autoren der Studie:

Die Forschenden verglichen dann die genetische Zusammensetzung des Coronavirus bei den Rehen mit Virusvarianten, die bei Menschen in der Region auftraten. Tatsächlich fand das Team einen Bewohner, der einen auffallend ähnlichen Virusstamm aufwies und der mit den Wildtieren in Kontakt gekommen war. Die Autoren erklärten, dass es zwar aufgrund der begrenzten Stichprobendaten schwierig sei, die genetische Beziehung zwischen den Stämmen vollständig zu verstehen. Der Zeitpunkt und der Ort der Infektion würden aber darauf hindeuten, dass ein Hirsch die wahrscheinliche Quelle war.

Keine weiteren Übertragungsfälle

Die Fachleute sind sich nicht sicher, wie sich die Rehe ursprünglich mit dem Virus angesteckt haben. Es sei aber immerhin beruhigend, dass keine Hinweise auf eine weitere Übertragung gefunden wurden, obwohl sie viele Probennahmen und Sequenzierungen durchgeführt hätten. Dieser Ansicht schloss sich auch die kanadische Gesundheitsbehörde an: Sie bestätigte, dass es sich vermutlich um eine Einzelfall handelt. Und auf ihrer Website heißt es zum Thema Wildtiere und Covid-19: "Bis wir mehr wissen, sollten Menschen, die jagen, Fallen stellen oder eng mit Wildtieren zusammenarbeiten oder mit ihnen umgehen, Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um die mögliche Verbreitung des Virus zu verhindern." (Klaus Taschwer, 1.3.2022)