Auf der Flucht: ein Kleinkind in einem Autobus an der ukrainisch-rumänischen Grenze bei Siret. Improvisierte Lagerstatt für Flüchtlinge in Voluntari, Rumänien.

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Aus dem Rückfenster des Autos blicken die schwarzen Knopfaugen eines Plüschhasen, neben dem ein Einjähriger schläft, obwohl die Siebenjährige und der Zehnjährige gerade durch Schaukeln das Auto zum Wackeln bringen. Die Reise war lang, sie waren vier Tage lang zu sechst in dem Wagen eingepfercht, und die beiden Kleinen können so gar nicht verstehen, weshalb ihr großer Bruder, der voriges Jahr 18 Jahre alt geworden ist, in Mukatschewo aussteigen musste und nicht nach Rumänien mitkommen durfte. Der Krieg hat die Familie Rybtsow nicht nur vertrieben, sondern auch noch auseinandergerissen.

Denn die Männer müssen in der Ukraine bleiben, nur Väter mit mehr als drei Kindern dürfen ausreisen. Vater Inokentii glaubt nicht, dass sein Sohn aber tatsächlich eingezogen wird. "Er war ja nie bei der Armee und hat keinerlei Erfahrung. Da gibt es andere, die viel besser mit dem Gewehr umgehen können", versucht er sich zu beruhigen. In Charkiw, seiner Heimatstadt, wurden viele Waffen an die Zivilbevölkerung verteilt. Als die Einschläge der Granaten der russischen Armee immer lauter und näher zu hören waren, sind die Rybtsows aufgebrochen. Sie wollen nach Polen zu Verwandten, wie die meisten hier, die in Richtung rumänischer Grenze reisen.

Putin kann schon sein Ende spüren

In der Ukraine könne man in Schulen, Theatern und Kinos übernachten, erzählen sie von der Fahrt in eine ungewisse Zukunft. Keiner der Flüchtlinge weiß, wie lange sie im Ausland bleiben müssen. Vielleicht ein, zwei Monate, meint die 21-jährige Suzanna Rybtsowa. "Nur Putin entscheidet, wann wir zurückkehren können", fügt sie hinzu und streicht ihre schwarzen Fransen aus der Stirn. Mutter Olha und ihr Mann Inokentii sind tapfer und versuchen in eine andere Zukunft zu denken. "Putin kann schon sein Ende spüren", meint der 43-jährige Herr Rybtsow. "Und dann werden wir unsere Heimat wiederaufbauen."

Die Menschen, die in Halmeu oder in Sighetu Marmației nach Rumänien einreisen, werden von Maltesern, Adventisten, Pfingstlern, Orthodoxen, Katholiken und dem Roten Kreuz begrüßt. "Willkommen in Rumänien!", heißt es von allen Seiten. Die Rumänen hier zeigen sich in diesen Tagen als große Europäer. Den geflüchteten Nachbarn wird zunächst eine SIM-Karte in die Hand gedrückt, damit sie umsonst die Familie in der Ukraine anrufen können. Dann gibt es heißen Tee, Esspakete und Angebote für die Weiterreise nach Tschechien, nach Polen oder sonst wohin.

Solidaritätsfähnchen

Viele machen die Türen ihrer Häuser auf, die in der Gegend mit Keramikkacheln und Malereien verziert sind, und bieten den Ukrainern Polenta mit Käse an, einen Schlafplatz, Steckdosen und vor allem Wärme. Denn die Sonne steht zwar hoch am blauen Himmel, es ist aber Winter, der Wind zieht über die Felder, er schmerzt in den Ohren und lässt die Finger rot werden.

Manche Rumänen haben an ihren Autos blau-gelbe Solidaritätsfähnchen befestigt. So ähnlich könnte sich die Verbundenheit zwischen den Menschen 1956 in Österreich angefühlt haben, als viele Ungarn über die Grenze flüchteten. Die Trauer, die Wut und die Angst werden von allen geteilt, aber die ruhige Art, mit der hier geholfen wird, hat auch etwas Entschlossenes. Man hat den Eindruck, dass trotz all des Schlimmen auch das Wissen um das Gemeinsame, um eine Idee von einem freien und gerechten Europa gerade neu definiert und gefestigt wird. Osteuropäer helfen anderen Osteuropäern. "Danke, dass ihr auf unserer Seite seid", ist immer wieder von den Geflüchteten zu hören.

Gerade weil sich viele Rumänen noch gut an die kommunistische Gewaltherrschaft erinnern können, sind sie besonders solidarisch. Demokratie und Freiheit sind hier noch nichts Selbstverständliches. Aber auch viele Leute aus Tschechien, Polen und Deutschland sind in den vergangenen Tagen quer durch Ungarn nach Sighetu Marmației gefahren, um Flüchtlinge abzuholen.

Die 34-jährige Alina M. hat im Dezember erstmals die Angst verspürt, Putin könne eine Invasion befehlen. "Er will uns auslöschen", ist sie überzeugt. Nun hat sie ihre Mutter und ihre Katze ins Auto gepackt und ist losgefahren. Wohin es geht, weiß sie noch nicht. Aber sie überweist Geld an die Organisation Safe Life in Ukraine, weil sie ihr Land nicht selbst verteidigen kann.

Die Flüchtlinge erzählen von den Straßenblockaden in ihrer Heimat, vom stundenlangen Warten in den Autos, der Panik, die manche ergreift, wenn sie nicht weiterkommen, davon, wie die ukrainische Armee Brücken gesprengt hat, um die russische Armee davon abzuhalten, in die Hauptstadt zu gelangen. Manche lassen die Autofenster wieder hochfahren, wenn ihnen beim Erzählen Tränen kommen. Einerseits ist da die Erleichterung darüber, in Sicherheit zu sein, andererseits oft ein schlechtes Gewissen, die Verwandten, vor allem die Männer, zurückgelassen zu haben.

Warten auf die nächste Welle

Es sind vorwiegend wohlhabende, der urbanen Mittelschicht zugehörige Ukrainer, die gerade ihr Land verlassen. In Rumänien wird erwartet, dass nach dieser ersten Welle auch ärmere Menschen kommen werden, viele auch zu Fuß. Die Ersten sind bereits da.

Ein großer brauner Koffer, ein Kind, ein gefleckter kleiner Hund auf dem Arm, ein anderer aufgeregter Hund an der Leine, die Mutter, die Haube weit nach unten über die langen, schwarzen Haare gezogen, das andere Kind an der linken Hand. Tak, tak, tak. Auf den Brettern der alten Holzbrücke sind die Räder des Koffers zu hören, der über die Bretter holpert. Die Frauen und Kinder bewegen sich langsam, den meisten ist die Müdigkeit in die Augen geschrieben. Allein in den letzten zwölf Stunden haben hier tausend Menschen den Weg vom Kriegsland in die Zone des Friedens über diese klapprige Holzbrücke gewählt.

Die 25-jährige Julija Krykun aus Charkiw ist mit ihrer Freundin und deren Mutter unterwegs, als sie auf den Brettern stehen bleiben. Julija wird drüben in Rumänien bald von ihrem tschechischen Freund abgeholt, aber sie denkt an ihre Heimat, zeigt auf ihrem Handy den zerstörten Hauptplatz, das zerstörte Regierungsgebäude von Charkiw. "Die Leute zu Hause können nicht einmal mehr einkaufen gehen. Schau dir die Fotos an, da gibt es nichts mehr in den Regalen der Supermärkte", sagt sie und zeigt dabei Bilder und Videos auf ihrem Mobiltelefon.

In der Nacht sei der Beschuss besonders schlimm gewesen, meint sie. Bevor die Frau in dem beigen Mantel weiter dem rot-weißen Grenzbalken entgegengeht, Rumänien vor sich, die glitzernde Theiß unter sich, dreht sie sich noch einmal um. Aber nur ganz kurz. (Adelheid Wölfl aus Sighetu Marmaiei, 2.3.2022)