Oleh Protassow: "Ich habe nicht damit gerechnet, dass dieser Mensch zu diesem Schritt bereit wäre."

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EM-Finale 1988 in München: Protassow im Duell mit dem Niederländer Ruud Gullit.

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Als Spieler erzielte Oleh Protassow Tore am Fließband für seinen Heimatverein Dnjepr Dnjepropetrowsk und war über Jahre Mitglied der großen Mannschaft der UdSSR, die Ende der 1980er-Jahre unter "General" Walerij Lobanowskyj für Furore auf den Fußballbühnen der Welt sorgte. Für viele Experten war jene Auswahl trotz des verlorenen EM-Finales 1988 gegen die Niederlande das beste Team des Jahrzehnts, vor allem dank der Spieler von Dynamo Kiew, die den Löwenanteil im Aufgebot ausgemacht haben. Heute ist der 58-Jährige Vizepräsident des ukrainischen Fußballverbands und beobachtet angespannt von seinem Wohnort in Kiew das Kriegsgebaren in seiner Heimat.

STANDARD: Selten war eine triviale Frage berechtigter: Wie geht es Ihnen?

Protassow: Gemessen an den Umständen relativ gut. Wir sind wohlauf und verfolgen auf verschiedenen Informationskanälen das Kriegstreiben der Russen. Zwischenzeitlich hatten wir für mehrere Stunden keine Stromversorgung und kein Internet, aber inzwischen ist beides wieder hergestellt worden.

STANDARD: Wo befinden Sie sich momentan?

Protassow: Ich habe meine Wohnung im Stadtkern von Kiew verlassen, zumal sie sich im 14. Stock eines Baukomplexes befindet, was nicht gerade sicherheitsfördernd ist. Immer wenn die Alarmsirenen heulen, müssen die Bewohner ihre Wohnung verlassen und sich in den Keller begeben, was ohne Aufzug auf Dauer unzumutbar ist. Deshalb bin ich momentan bei meinem Freund und alten Teamkameraden, Hennadij Lytowtschenko, in seinem Haus vor den Toren Kiews beherbergt.

STANDARD: Sie sind in der ehemaligen Sowjetunion geboren und sozialisiert worden. Hätten Sie je erwartet, dass das russische "Brudervolk" Ihre Heimat überfällt?

Protassow: Sicherlich nicht! Auch als die Anzeichen auf Invasion standen, nachdem sich die russischen Truppen an der ukrainischen Grenze zu vermeintlichen Manövern aufgestellt haben, habe ich nicht damit gerechnet, dass dieser Mensch zu diesem Schritt bereit wäre.

STANDARD: Wir erleben bereits den sechsten Tag der Kriegshandlungen, bei denen das ukrainische Volk einen unnachahmlichen Widerstand leistet. Kann es sein, dass sich Wladimir Putin mit dieser Operation verrechnet hat?

Protassow: Putin wollte einen Blitzkrieg führen, aber er hat uns unterschätzt. Die russische Aggression hat dazu geführt, dass das ukrainische Volk zu einer geballten Einheit geworden ist, die gewillt und bereit ist, ihre Heimat aufopferungsvoll bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

STANDARD: Allen voran Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj.

Protassow: Er gibt als Staatsoberhaupt ein gutes Bild ab und erweist sich als vorbildlicher Patriot. Man darf nicht vergessen, dass die Amerikaner ihm angeboten hatten, ihn außer Landes zu bringen, was er kategorisch abgelehnt hat.

STANDARD: Sind Sie von der anfangs zögerlichen, wenn nicht empathielosen Haltung des Westens gegenüber Ihrem Land enttäuscht, zumal alle Appelle auf Waffenlieferungen im Sand verlaufen sind?

Protassow: Es ist nicht die Stunde für Schuldzuweisungen. Ich empfinde, dass mittlerweile Solidaritätsbekundungen und Hilfeleistungen von der ganzen Welt zu uns gelangen, sei es in Form von Militärausrüstung oder Sachleistungen. Letztendlich haben wir uns diesen Respekt und diese Solidarität mit unserer aufopfernden Haltung verdient. Insofern möchte ich auch meine persönliche Dankbarkeit hier zum Ausdruck bringen. Außerdem möchte ich auch die Initiative unserer im Ausland spielenden Nationalspieler hervorheben, die mit einem Spendenaufruf eine halbe Million Euro für die ukrainische Armee gesammelt haben.

STANDARD: Teilen Sie die Ansicht vieler Kriegsexperten und Analysten, dass sich jeder weitere Tag von Auseinandersetzungen eher kontraproduktiv auf die Pläne der russischen Kriegsmaschinerie auswirkt?

Protassow: Es klingt plausibel, und die bisherige Entwicklung entspricht, wie bereits erwähnt, nicht den Erwartungen von Putin. Ferner ist es positiv, dass auf diplomatischem Parkett weiterverhandelt wird, was einen Hoffnungsschimmer darstellt.

STANDARD: Die Fifa und die Uefa haben die russische Nationalmannschaft und die russischen Teams von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Ist es eine kleine Genugtuung für Sie?

Protassow: Ich meine, dass dieser Schritt alternativlos gewesen ist. Es wäre unvorstellbar, dass unter diesen Bedingungen ein russisches Team ein Spiel bestreiten würde. Außerdem gibt es den Präzedenzfall Jugoslawien vor dreißig Jahren. Insofern war diese Sanktionierung ein logischer Schritt.

STANDARD: Die ukrainische Nationalmannschaft soll am 24. März zum WM-Qualifikations-Play-off-Spiel in Schottland antreten. Glauben Sie, dass die Partie ausgetragen werden kann?

Protassow: Momentan ist es etwas abwegig, einen Gedanken daran zu verlieren, zumal unser Fokus auf ganz anderen Sachen liegt. Sobald die Waffen ruhen, werden wir uns mit diesem Thema beschäftigen. (Dimitrios Dimoulas, 2.3.2022)