Nicht nur Raffinerien (im Bild eine in Westbengalen) meiden verstärkt russisches Rohöl, auch Banken und Reedereien weichen aus.

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Erdöl aus Russland wird mehr und mehr zum Ladenhüter. Große Energieverbraucher boykottieren russisches Öl, seitdem Putin seine Truppen in die Ukraine einmarschieren ließ, beobachten Ölhändler. Das und die Tatsache, dass in den kommenden Tagen und Wochen weniger Öl auf den Markt kommt, als es bräuchte, treibt die Preise nach oben.

Am Mittwoch kletterte der Preis der in Europa maßgeblichen Nordseesorte Brent auf 113 Dollar je Fass (159 Liter). So hoch war der Ölpreis zuletzt im Jahr 2014. Zuvor war bekannt geworden, dass das um Russland und neun andere Länder erweiterte Ölkartell Opec, genannt Opec+, unbeeindruckt vom Krieg in der Ukraine von seinen langfristigen Förderzielen nicht abrücken will. Diese sehen eine monatliche Ausweitung der Fördermenge um 400.000 Fass am Tag vor. Experten hatten mit Blick auf die Preise auf eine kräftigere Ausweitung gehofft.

Russisches Öl schwer verkaufbar

Neben Raffinerien würden auch Banken und Reedereien den riesigen Rohstoffmarkt Russlands im Moment meiden. Die Financial Times zitiert einen Experten des Beratungsunternehmens Energy Aspects, demzufolge 70 Prozent des russischen Rohöls Schwierigkeiten hätten, Käufer zu finden. Zwar sind die Energiemärkte von Sanktionen der USA, der EU und Großbritanniens gegen den russischen Finanzsektor weitgehend verschont geblieben. Nicht wenige Energiehändler aber sanktionierten sich selbst. Der Wettlauf um Rohöl aus nichtrussischen Quellen treibe die Preise in einem ohnehin angespannten Markt weiter nach oben.

Die jüngste Preisrallye sei durch "aktuelle geopolitische Entwicklungen" und nicht durch Veränderungen der Marktgrundlagen verursacht worden, sagte ein Sprecher der Opec+ nach deren Meeting am Mittwoch. Er bestätigte, dass auch im April 400.000 Fass Rohöl zusätzlich auf den Markt kommen werden, aber eben nicht mehr, wie von mancher Seite erwartet worden ist.

Erdgaspreis auf Allzeithoch

Als Zeichen dafür, dass der Druck bei den Rohstoffen nicht auf Öl beschränkt ist, stiegen die europäischen Erdgaspreise am Mittwoch um 50 Prozent auf ein Allzeithoch von 185 Euro pro Megawattstunde.

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte, das Worst-Case-Szenario sei "noch nicht eingetreten", Russland schicke immer noch Gas. Er fügte aber hinzu, das Land müsse vorbereitet sein und möglicherweise Kohlekraftwerke als Reserve am Laufen halten.

Wichtiger Markt Europa

Russland liefert etwa 40 Prozent des europäischen Gasbedarfs, ist nach den USA und Saudi-Arabien der drittgrößte Ölproduzent der Welt und exportiert in der Regel etwa 7,5 Millionen Fass am Tag. Europa war bis vor dem Krieg in der Ukraine der größte Abnehmer von russischem Rohöl, etwa 53 Prozent davon landeten laut Schätzungen der Bank ING in der EU. Asien ist ein weiterer wichtiger Abnehmer, 39 Prozent gehen dorthin. (Günther Strobl, 2.3.2022)