Die Menschen in Charkiw (im Bild) und im Rest des Landes sind im Überlebensmodus: Es gibt keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Es gilt zu funktionieren.

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Waffen kannte Georg nur von Shooter-Games am PC. "Ich fürchte mich davor, eine echte Waffe abzufeuern." Der 24-jährige Verkäufer lebt im ostukrainischen Charkiw, das seit Tagen bombardiert wird. Er versteckt sich in einem Café, bäckt Brot für die ukrainischen Truppen. Und hat Angst, dass der Moment kommen könnte, in dem er zur Waffe greifen muss.

Zehn Tage ist es her, seit Russlands Überfall auf die Ukraine begonnen hat. Den Menschen, die sich plötzlich im Albtraum des Kriegs wiederfinden, erscheint es wie Monate. Etwa Bogdan, Bürgermeister im westukrainischen Kopytschynzi, der sich nun nicht mehr um die Erneuerung der Sportanlage, sondern um die Einberufung wehrfähiger Männer kümmern muss. Oder Oksana aus Kossiw, die fliehen, aber die Eltern nicht zurücklassen will.

In der Hafenstadt Odessa fürchtet der Deutsche Maximilian, sein Lebensgefährte könnte in die Armee eingezogen werden. Daria, Alfred und Maria konnten aus Kiew flüchten; Ksenia schläft dort dagegen jede Nacht in einem Bunker, während Pawel (Name geändert) in seiner Wohnung ausharrt: Er ist Russe und hat Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Ihre Berichte:

Foto: STANDARD/Fatih Aydogdu
24. FEBRUAR, TAG EINS

Georg (24) in Charkiw: Es ist fünf Uhr früh, als ich von einem lauten Knall geweckt werde. Zuerst denke ich, es wäre ein Feuerwerk. Ein Blick aufs Handy: Putin hat seine Invasion gestartet. Bislang gehörte ich zu jenen, die an die Invasionsberichte nicht geglaubt hatten. Ich dachte, die Truppenzusammenziehung an der Grenze sei maximal eine Drohkulisse. Ich versuche, mich zu sammeln, und eile zu einem Supermarkt. Buchweizen und Haferflocken sind bereits am frühen Morgen aus. Ich kaufe, was ich an Brot ergattern kann, und begebe mich in eine U-Bahn-Station. In einer Sirenenpause eile ich zu einem Freund, um nicht allein zu sein – und um ein Klo und Internet zu haben.

Daria (26) in Kiew: Noch am Vorabend hatte der Chef in meiner IT-Firma die Belegschaft zusammengetrommelt: "Leute, Putin wird die Ukraine nicht angreifen." Nachts geht meinem Handy dann der Akku aus. Als ich es gegen 9.00 Uhr Früh einschalte: Fünf verpasste Anrufe meiner Mutter – und eine SMS: "Nimm Geld und komm zu uns. ASAP!" Ich packe einen Rucksack – Unterwäsche, Socken, einen Hoodie, Medikamente und Dokumente – und eile zu meinen Eltern. Meine Mutter hat sich beruhigt: "Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Russland wird nicht angreifen." Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl, als ich zur Tankstelle fahre. Die Schlange ist quasi endlos. Ich blicke zum Himmel – plötzlich sehe ich Militärflugzeuge. Fuck! "Wir müssen gehen. Jetzt. Jedenfalls vor Sonnenuntergang. Putin wird heute bombardieren", warne ich. Meine Mama will nicht flüchten, mein Papa und Bruder schweigen. Ich nehme das Ruder in die Hand: "Jetzt bewegt euch, los!" Wir fahren 60 Kilometer zu unserem Landhaus im Süden, stehen ewig lange im Stau.

Bogdan, 30, in Kopytschynzi: Mitten in der Nacht läutet mein Handy: "Es ist Krieg!" Meine Frau Mariya und ich sehen uns ratlos an. Was nun? Aufstehen, duschen, zur Arbeit gehen? Ich bin der Bürgermeister in unserer westukrainischen Kleinstadt, ziehe mich an und gehe zum Rathaus: Es ist finster, die Straßen sind menschenleer. Viele schlafen noch, sie ahnen nicht, dass sich unser Leben verändern wird. Wir sind gewohnt, dass in der Ostukraine Krieg herrscht. Doch als ich die Nachrichten lesen, wird mir klar: Diesmal ist es anders, diesmal ist das ganze Land unter Beschuss. Nun geht es Schlag auf Schlag: Meinen Mitarbeitern stelle ich frei, nach Hause zu gehen. Sie bleiben. Wir beginnen, Freiwillige für eine Stadtwache zu rekrutieren. Wir müssen Nachbarn und Bekannten mitteilen, dass sie eingezogen werden. Reservisten, dass sie an die Front müssen. Nachts läuten auch bei uns die ersten Warnsirenen.

Bodgan und Mariya im Keller ihres Hauses, den sie als Schutzbunker verwenden.
Foto: Mariya

25. FEBRUAR, TAG ZWEI

Ksenia (40) in Kiew: Boom! Schon wieder. Die zweite Nacht in Folge weckt mich ein lauter Knall. Es ist so laut, dass ich glaube: Jetzt bin ich dran. Entgegen allen Vorgaben eile ich zum Fenster. Ich kann nicht anders, bin wie fremdgesteuert. Plötzlich leuchtet der Himmel grellorange. Im Viertel wurde ein Haus getroffen, am Himmel sehe ich ein brennendes Flugzeug, das niedergeht. All das wirkt nicht echt, eher wie ein Film. Ich habe Angst. Ich wohne allein im 17. Stock. Es gibt nur einen Lift, und der fällt manchmal aus. Ich hatte schon gestern meine Sachen gepackt, war aber dann in Schockstarre zu Hause geblieben. Heute werde ich nicht nur für einige Stunden in den Bunker gehen, sondern samt Hund zu einer Freundin in ein Viertel ohne Hochhäuser ziehen. Sie wohnt im ersten Stock. Wir ziehen die Rollläden zu, verkleben die Fenster. Sobald es finster wird, machen wir kein Licht mehr an. Nur Kerzen. Abends gehen wir in den Bunker, dorthin brauchen wir zehn Minuten, wenn wir laufen, schaffen wir es in fünf.

Maximilian (50) in Odessa: Vor vier Tagen wurde ich als Dirigent des Stadttheaters engagiert. Nun habe ich mich mit meinem Lebensgefährten und den wichtigsten Grundnahrungsmitteln – Reis, Nudeln, Fertigsuppen, Wasser – in der Wohnung verschanzt. Wir hören mehrere Einschläge. Es scheint aber keine großen Schäden zu geben. Dennoch packen wir die wichtigsten Dokumente in einen Rucksack.

Ksenia schickt eine Aufnahme von dem brennenden Flugzeug in Kiew – das Foto wurde ihr zugeschickt.

26. FEBRUAR, TAG DREI

Pawel (33) in Kiew: Nach zwei Nächten im Bunker eile ich in der Früh ins Büro: für eine ordentliche Toilette, etwas zu essen, einen Augenblick Ruhe. Als ich zurück in den Schutzbunker will, bekomme ich einen Anruf von Freunden. Sie sagen, dass ich nicht zurückkommen soll. Sie seien von Wächtern gewarnt worden: Russen seien im Bunker nicht erwünscht. Ich bin schockiert: Ich lebe in der Ukraine, betreibe eine Firma! Allein verschanze ich mich im Büro und verstecke den roten russischen Pass.

Daria (26) nahe Kiew: "Die Lage wird nicht besser", sage ich zu meiner Mutter. Wir sollten weiter gen Westen fliehen. "Kommt nicht infrage", sagt sie. Es sei zu gefährlich. Ich will trotzdem fahren, dann eben allein. Meine Eltern geben mir einen Glücksbringer – irgendein Heiliger, der mich beschützen soll –, Wasser und Gas. Ich fahre zehn Stunden. In einem Dorf gibt mir eine Frau in ihrem Haus ohne Klo für die Nacht Unterschlupf. Ich habe seit drei Tagen nicht geduscht und kaum gegessen.

Bogdan (30) in Kopytschynzi: Mariya und ich nehmen eine fünfköpfige Familie bei uns auf, obwohl wir nur ein Gästebett haben. Sie sind dankbar: Die Familie wurde bereits 2014 von der Krim vertrieben, jetzt ist sie erneut auf der Flucht. Sie wissen, was Krieg heißt, und helfen, das Haus sicherer zu machen: Fenster werden verklebt, der Keller zum Bunker ausgestattet.

Maria, 43, in Kiew: Ich habe Zwillinge: einen Buben und ein Mädchen. Sie sind am 1. Februar fünf Jahre alt geworden. Wir haben versucht, sie von den Nachrichten fernzuhalten, aber sie haben die Explosionen gehört und können nun das Feuer am Flughafen Hostomel von unserem Fenster aus sehen.

Maximilian, 50, in Odessa: Heute ist das Wetter herrlich, wir gehen am Strand spazieren: Die Möwen kreisen über unseren Köpfen, alles wirkt friedvoll. Ich filme und schicke das Video meiner Familie in Deutschland.

Krieg und Frieden am Strand von Odessa.
Foto: Maximilian

27. FEBRUAR, TAG VIER

Georg (24) in Charkiw: Es ist der dritte Tag in der Wohnung meines Freundes. Draußen tobt ein Gemisch an Schüssen, Explosionen und Sirenen. Zur Ablenkung ziehen wir uns Cartoons rein oder zocken: Shooterspiele, so absurd das wirkt. Eine echte Waffe abfeuern zu müssen – davor habe ich Angst. Nur könnte das bald geschehen. Die meiste Zeit verbringen wir aber am Handy: Russische Saboteure sind offenbar in die Stadt vorgedrungen. Sie werden von den Soldaten zwar zurückgedrängt. Eine Flucht aus der Stadt ohne Auto und mit wenig Geld ist angesichts der gefährlichen Lage aber dennoch keine Option. Ich will aber auch nicht mehr untätig zuschauen und ziehe in den Keller jenes Cafés, in dem ich zuvor gejobbt habe. Dort haben sich Bekannte verschanzt. Sie bringen mir bei, Brot für unsere Soldaten zu backen.

Alfred (68) nahe Kiew: Dank eines Uno-Konvois können wir Kiew verlassen. Meine Frau, eine ukrainische Sopranistin, unser zwölfjähriger Sohn und ich kommen bei einem Verwandten 90 Kilometer von der Hauptstadt entfernt unter, in der Hoffnung, dass es sicherer sei. Doch das Heulen der Sirenen begleitet uns auch hierher. Ich bin geschockt. Ich habe keine Angst um mein eigenes Leben, aber das Wissen, dass dort, wo die Bomben fallen, jemand stirbt, ist unerträglich. Wir müssen weiter gen Westen.

Oksana, 28, in Kossiw: Ich habe zwei Tage lang unter Sirenengeheul ferngesehen, kaum geschlafen und gegessen. Meine Hoffnung, dass der Krieg schnell vorbeigeht, ist heute gestorben. Als Putin die Atomstreitkräfte erwähnt, weiß ich: Es ist Zeit für mich zu gehen.

Daria (26) in Lwiw: Ich fahre weiter Richtung Westen. In Lwiw frage ich in einem Hotel, ob ich duschen darf. Es ist die beste Dusche, die ich je hatte. Als ich im Hotel frühstücke, spricht mich ein Österreicher an. Er bietet an, mir für ein paar Tage ein Zimmer zu bezahlen. Weinend nehme ich das Angebot an, auch wenn ich weiß, dass ich die meiste Zeit im Schutzbunker verbringen werde. Freunde aus dem Ausland fragen täglich, ob es mir gutgeht. Niemandem hier geht es gut.

Daria ist in den Westen geflohen, ihre Familie blieb nahe Kiew. Sie verbringt die meiste Zeit in diesem Schutzbunker.
Foto: Daria

28. FEBRUAR, TAG FÜNF

Bogdan, 30, in Kopytschynzi: Wir trauern um einen Mitbürger aus dem Nachbarort. Er ist an der Front gefallen. Wir müssen weiter Einberufungsbescheide aushändigen. Es ist zermürbend. Abends bittet meine Frau Mariya, kurz das Handy wegzulegen, das habe ich seit Tagen nicht mehr getan. Wir sehen uns in die Augen, können die Ereignisse noch immer nicht begreifen, aber für Gefühle ist keine Zeit. Nur für eine Umarmung, zwei Minuten.

Maximilian, 50, in Odessa: Der Tag startet mit einem Stromausfall. Ich höre Raketen, aber sie sind weit weg. Auf den Straßen ist es gespenstisch, es wurden Panzersperren aufgestellt. Nur noch ein paar Läden sind offen: Ich kaufe Eier, Wodka, Brot, Käse. Die Regale sind nicht mehr ganz so voll. Ich komme an Sammelstellen vorbei: Wehrfähige Männer werden hier ausgerüstet, um dann weiter zu diversen Stützpunkten zu fahren. An den Strand soll man nicht mehr, weil dort wohl Minen liegen. Ich will mein Leben hier nicht aufgeben! Und mein Lebensgefährte ist im wehrfähigen Alter, er kann nicht über die Grenze.

Maximilians Wege führen vorbei an Sammelstellen: Hier werden wehrfähige Männer registriert, ausgerüstet und dann vom Militär an die Einsatz- und Trainingsorte gebracht.
Foto: Maximilian

01. MÄRZ, TAG SECHS

Georg, 24, in Charkiw: Es ist der lauteste Knall, den ich je gehört habe! Ich und die anderen im Bunker haben Angst. Bisher waren vor allem die Randbezirke unter Beschuss, vor allem im Süden. Wir sind mitten im Zentrum. Doch nun wurde hier das Rathaus getroffen.

Pawel, 33, in Kiew: Nach drei Nächten im Büro meldet sich mein russischer Geschäftspartner in Moskau. Er warnt: "Die Firma ist als russisch registriert. Hier bist du nicht sicher." Ich nehme Vorräte mit und eile in meine Wohnung. Wenig später höre ich, wie unweit der Fernsehturm getroffen wird. Ich habe Angst, weiß nicht wie weiter. Aus der Stadt traue ich mich nicht. Es gibt überall Checkpoints der ukrainischen Armee, auch die Stadtwache könnte mich, einen Russen, für einen Saboteur halten.

Pawels Vorrätetasche, falls er schnell flüchten muss: Konservendosen, Instant Noddles und ein Ladegerät.
Foto: Pawel

2. MÄRZ, TAG SIEBEN

Maximilian, 50, in Odessa: Heute ist es hier still. Aber die Stadt der Mutter meines Partners wurde heftig bombardiert. Die Situation setzt uns psychisch so zu, dass wir streiten.

Alfred, 68, in Wien: Unser erster Stopp ist eine Brauerei. Wir haben es geschafft, wir sind in Sicherheit! In Österreich. Wir wissen zwar nicht, wie es mit uns weitergeht, aber wir haben eine Wohnung – in einem Land ohne Krieg.

Oksana, 28, in Kossiw: Meine Eltern wollen, dass ich fliehe: "Du bist unser einziges Kind." Ich weine den ganzen Tag: Werde ich sie wiedersehen, wird die Ukraine dann zu Russland gehören? Wir wollen nicht so wie in Russland leben. Hier herrscht große Angst vor Russen, die die Gegend ausspähen. Ich rufe meine Tante in Russland an und erzähle, dass hier Zivilisten getötet werden: Sie glaubt mir nicht. Sie denkt, dass wir Russen töten, dass Putin ein toller Typ ist. Ich schicke ihr Videos, sie sagt, die seien fake. Das tut so weh ... Morgen um sieben Uhr werde ich an die Grenze gebracht, man darf ja nur tagsüber außer Haus.

Bei Maximilian steht der Beruhigungsdrink auf dem Tisch.
Foto: Maximilian

03. MÄRZ, TAG ACHT

Ksenia, 40, in Kiew: Ich wache täglich im Bunker auf. Hier schläft man besser: Man hört keine Explosionen – und hat keinen Empfang. In der Wohnung meiner Freundin dusche ich dann, als wäre es das letzte Mal. Wir wissen ja nicht, wie lange wir noch Wasser haben. Für Brot muss man sich morgens eine Stunde anstellen, später gibt es keines. Eier bekommt man gar nicht mehr. Heute wage ich mich erstmals in meine Wohnung, um Kleidung zu holen. Dort überkommt mich Sehnsucht nach dem "alten" Leben – von vor einer Woche. Ich war Managerin im Gesundheitswesen, und habe feierabends gern Prosecco geschlürft. Flüchten will ich nicht: Ich glaube an unsere Truppen.

Pawel, 33, in Kiew: Ich will doch versuchen, zu fliehen – mit dem Zug. Wenn ich es raus aus der Stadt und mit meinem russischen Pass über die Grenze schaffe, ist mein Ziel Wien.

Seit einer Woche verbringt Ksenia die Nächte im Bunker – samt Mops.

04. MÄRZ, TAG NEUN

Ksenia, 40, in Kiew: Oh nein, sie haben ein Atomkraftwerk attackiert! Sofort muss ich an das traumatische Tschernobyl-Unglück denken, damals war ich ein Kind. Das AKW Saporischschja ist noch viel größer. Ich bin entsetzt!

Georg, 24, in Charkiw: Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist und wie lang ich schon hier bin. Wir schlafen auf Yogamatten, einer hat seinen Hasen Jimmy mitgebracht, ein anderer die Katze Burger – nur der Fisch hat keinen Namen. Wieder wurde ich von Raketen geweckt. Das ist der beste Wecker, da kann man nicht weiterschlafen. Humor hilft, um nicht verrückt zu werden. Stündlich gibt es Raketenalarm. Die meisten meiner Freunde sind geflohen. Ich kann erst weg, wenn Feuerpause herrscht.

Maria, 43, nahe Kiew: Wir sind jetzt mit den Zwillingen in Sicherheit – außerhalb der Stadt. Mein Sohn sagt, er will nicht mehr nach Haus, er hat Angst. Sobald die Bombardierungen und Schießereien aufhören und eine Art Frieden einkehrt, planen wir dennoch, in unsere Heimat zurückzukehren. Es ist wichtig, dass wir unsere Geschichten mit anderen Menschen in Europa teilen. In den russischen Medien wird so viel gelogen. Die Menschen müssen die Wahrheit von denen erfahren, die es selbst erlebt haben. (Flora Mory, Magdalena Pötsch, Sarah Kirchmayer, Adelheid Wölfl, Manuela Honsig-Erlenburg, 5.3.2022)