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Die Lage für die ukrainische Zivilbevölkerung wird immer schlimmer. Im Bild: Hunderte aus Irpin unter einer zerstörten Brücke in der Nähe der Hauptstadt Kiew am Samstag.

Foto: AP / Morenatti

Allen Vermittlungsversuchen zum Trotz geht der Krieg in der Ukraine auch in der neuen Woche mit unverminderter Härte weiter – im Gegenteil: Weil die ukrainischen Verteidiger nach wie vor heftigen Widerstand leisten, droht sogar eine Intensivierung der russischen Angriffe.

Frage: Wie ist die militärische Lage nach dem Wochenende?

Antwort: Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Sonntag bei einem Telefonat mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan auf eine Kapitulation der ukrainischen Armee gedrängt. Russlands "Spezialoperation" werde erst enden, wenn die Ukraine ihre Waffen niederlege und seine Forderungen – Entmilitarisierung, Neutralität, Anerkennung der 2014 annektierten Krim – erfülle. Davon kann bisher keine Rede sein. Während sich die ukrainische Armee weiter auf den russischen Großangriff auf die Hauptstadt Kiew vorbereitet, werden vor allem aus den Großstädten Charkiw im Norden und Mariupol im Südosten schwere Kämpfe gemeldet. In der von der russischen Armee belagerten und beschossenen Hafenstadt Mariupol sitzen die Menschen nach ukrainischer Darstellung schon seit Tagen ohne Strom und Heizung fest. Eigentlich hatten Russland und die Ukraine für Samstag eine zeitweilige Waffenruhe vereinbart, um Menschen fliehen zu lassen. Beide Seiten beschuldigen einander aber, die Feuerpause gebrochen zu haben. Ein weiterer Versuch am Sonntag scheiterte ebenfalls, wieder beschuldigten ukrainische Truppen und pro-russische Separatisten einander gegenseitig.

Ukrainischen Angaben zufolge rücken russische Einheiten derweil immer näher an Kiew heran: Am Sonntag näherten sie sich bereits der Autobahn in Richtung des Kiewer Flughafens. Russland plane zudem die Einnahme des Wasserkraftwerks Kaniw am Fluss Dnipro und bereite sich auf die Bombardierung der bisher vom Krieg weitgehend verschont gebliebenen Hafenstadt Odessa vor. Am Sonntagnachmittag wurde zudem ein Raketenangriff auf den Flughafen Winnyzja gemeldet.

Frage: Was ist unter einem solchen "humanitären Korridor" zu verstehen?

Antwort: Mariupols Bürgermeister Wadym Boitschenko flehte am Samstag, nachdem der erste Versuch eines Fluchtkorridors für seine 440.000 Bürgerinnen und Bürger gescheitert war, im ukrainischen Fernsehen um einen weiteren Versuch, einen humanitären Korridor aus der Hafenstadt einzurichten. Sogar Papst Franziskus schloss sich der Forderung des Bürgermeisters in seinem Angelus-Gebet am Sonntag an. Vergebens, wie am Sonntag bekannt wurde. Laut dem Genfer Abkommen für den Schutz von Zivilpersonen dient ein humanitärer Korridor einerseits dazu, Wasser, Lebensmittel und Medikamente in die Konfliktregion zu bringen, und andererseits soll er Zivilistinnen und Zivilisten die Flucht ermöglichen. Um die Fluchtkorridore werden die Kämpfe aber weitergeführt – und gemäß den Erfahrungen etwa aus dem syrischen Aleppo, wo ebenfalls die russische Armee Luftschläge durchgeführt hat, gewinnen sie meist noch an Intensität, sobald die Zivilbevölkerung das Gebiet verlassen hat.

Frage: Wohin flüchten die Menschen, die es noch aus der Ukraine schaffen?

Antwort: Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen bisher in die Nachbarländer geflohen. Der Exodus sei die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, erklärte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi am Sonntag via Twitter. Allein in Polen wurden bis Samstag 922.400 Geflüchtete registriert, auch in Österreich kommen Ukrainerinnen und Ukrainer an.

Frage: In Belarus soll wieder zwischen Russland und der Ukraine verhandelt werden. Gibt es Chancen auf Erfolg?

Antwort: Eigentlich hatten die beiden Delegationen schon am Sonntag wieder miteinander reden wollen, nun soll es am Montag zu einem Treffen kommen, in dem es Berichten zufolge vor allem um die Evakuierungen der von russischem Beschuss betroffenen Städte gehen soll. Grund für Optimismus gibt es angesichts der militärischen Lage keinen. US-Außenminister Antony Blinken stärkte derweil seinem ukrainischen Kollegen Dmytro Kuleba bei Gesprächen an der polnisch-ukrainischen Grenze den Rücken – demonstrativ trafen sich die beiden Diplomaten in einem Zelt an einem Grenzübergang auf der ukrainischen Seite. "Die Welt steht an der Seite der Ukraine", erklärte Blinken danach.

Frage: Israels Premierminister Naftali Bennett war am Wochenende in Moskau. Was hat er erreicht?

Antwort: Wohl nicht allzu viel. Drei Stunden lang sprach Bennett, in dessen Land sowohl eine große russischsprachige Minderheit lebt als auch viele Jüdinnen und Juden ukrainischer Herkunft, mit Putin, danach reiste er nach Berlin weiter, um mit Bundeskanzler Olaf Scholz über die Lage zu sprechen. Israel und Deutschland wollten weiter mit "aller Kraft daran arbeiten", den Krieg in der Ukraine so schnell wie möglich zu beenden, hieß es danach von deutscher Seite lediglich.

Frage: Wie äußert sich der Protest in Russland?

Antwort: Mehr als 1.700 Menschen wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation OVD-Info am Sonntag bei Protesten gegen den Krieg festgenommen, die in 44 Städten im ganzen Land stattfanden. Der in Lagerhaft sitzende Putin-Kritiker Alexej Nawalny hatte zu den Demonstrationen in Russland und der Welt aufgerufen. Neben vielen Städten in Westeuropa – darunter Wien – gingen Kriegsgegnerinnen und -gegner auch in Russlands Nachbarland Kasachstan auf die Straße, wo russische Truppen zu Neujahr interveniert hatten. Am Sonntag rief auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu Demonstrationen in Russland auf, "solange es nicht zu spät ist".

Frage: Wie informiert man sich in Russland?

Antwort: Das wird immer schwieriger. Auf "Falschinformationen" über Russlands Armee drohen seit Freitag 15 Jahre Haft. Facebook und Twitter sind blockiert, auch der kritische Sender Echo Moskwy musste schließen, die Nowaja Gaseta stellt ihre Ukraine-Berichterstattung ein. Die Korrespondentinnen und Korrespondenten von ARD, ZDF und BBC berichten vorerst nicht mehr aus Moskau. Einzig die Social-Media-Plattform Telegram bleibt noch – jedenfalls für die Jüngeren. (Florian Niederndorfer, 6.3.2022)