2020 lud Ina Regen erstmals weibliche Gäste auf die Bühne. Auch backstage werden verstärkt Frauen eingesetzt.
Foto: Gerd Schneider

Zum zweiten Mal veranstaltet Ina Regen den Charity-Konzertabend Sie – Ungewöhnlich selbstverständlich am 8. März und lädt dazu Künstlerinnen wie Fiva, Violetta Parisini oder Oska ein. Damit möchte sie auf die musikalische Vielfalt in Österreich aufmerksam machen und weibliche Vorbilder präsentieren. Im Gespräch plädiert sie für gendergerechte Sprache, Quoten bei Festivals und mehr Frauen im Backstagebereich. Zur Videoversion dieses StandArt-Gesprächs geht es hier.

STANDARD: Eine Ihrer Botschaften lautet: Frauen und Mädchen sollen sich nicht von veralteten Rollenbildern bremsen lassen. Welche sind das?

Regen: Das fängt schon in der Kindheit an, wenn beispielsweise von typischen Berufen für Mädchen oder Burschen die Rede ist. Studien belegen, dass, wenn man Kinder im Volksschulalter fragt, ob sie Polizist, Feuerwehrmann oder Lehrer werden wollen, sich Mädchen weniger angesprochen fühlen. Stellt man aber in der Referenzgruppe dieselbe Frage mit Polizistin, Feuerwehrfrau oder Lehrerin, ändert sich das. Dementsprechend muss man in der Sprache ansetzen und festgefahrene Rollenbilder aufbrechen.

STANDARD: Plädieren Sie für gendergerechte Sprache?

Regen: Die Vorbildwirkung ist immens. Und man gewöhnt sich überraschend schnell an Änderungen wie durch die Gender-Pause. Man muss die Annahme ablegen, solche Anpassungen würden die Sprache verunglimpfen oder grammatikalische Strukturen verunmöglichen. Mir geht es auch nicht darum, alles richtig zu machen. Sondern um ein Bemühen.

STANDARD: Im Feminismus wird aktuell darüber debattiert, wann eine Frau eine Frau ist. Ihre Definition?

Regen: Ich wurde als biologisches Mädchen geboren, ich konnte mich damit identifizieren und habe das nie hinterfragt, weil ich keinen Anlass dafür hatte. Den Begriff "Frau" musste ich mir trotzdem erobern. In dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, werden Frauen stark mit Haushalt, Familie und der Mutterrolle assoziiert. Ich bin selbst keine Mutter, dafür so etwas wie eine "Karrierefrau". Vorbilder hatte ich dafür kaum. Frausein wird immer noch stark an Äußerlichkeiten festgemacht. Der Umstand, dass ich zu Beginn meiner Solokarriere sehr kurze Haare hatte, führte oft dazu, dass ich als "ungewöhnliche Frau" eingeordnet wurde. Jede Menge Klischees, jede Menge Vorurteile, jede Menge Kommunikationsbedarf. Und deswegen ist diese Debatte so wichtig, weil sie Klischees aufbricht und Positionen neu verhandelt.

STANDARD: Braucht es dazu solche Veranstaltungen am 8. März?

Regen: In vielen Bereichen ist die Sichtbarkeit von Frauen noch zu schwach, so auch in der Musikbranche: Nur jedes fünfte im Radio gespielte Lied wird von einer Frauenstimme interpretiert. Bei Komponistinnen sind die Werte noch trauriger. Dieser Konzertabend möchte zeigen, dass man es besser machen kann.

STANDARD: Dazu werden ausschließlich Künstlerinnen eingeladen, die sich als Frauen identifizieren. Wo ziehen Sie die Grenze?

Regen: Mein Grundanliegen für die Einladungen war eine stilistische Breite. Die Musik und die Sichtbarkeit der Künstlerinnen stehen im Fokus. Die meisten meiner Gäste lesen sich selbst als Frauen. Wir haben aber einen Komponistinnen-Wettbewerb veranstaltet mit einer nonbinären Person als Gewinner:in. Es geht um eine Vielfalt von feministischer und integrativer Arbeit.

STANDARD: Welche Motivation hatten Sie, das Projekt ins Leben zu rufen?

Regen: Dem ging ein langer Prozess voraus. Zum einen war mein Berufsumfeld immer ein männliches. Als wichtigen Marker sehe ich meinen Schritt in die Öffentlichkeit 2017. In der österreichischen Popmusik wurde mir schnell dieser Leuchtturmcharakter zugeschrieben. So auf die Art: "Jetzt haben wir eine Paradefrau und müssen uns nicht mehr um die Quote scheren. Nach Marianne Mendt und Christina Stürmer gibt es jetzt Ina Regen, und das reicht." Das tut es aber nicht! Ich kenne so viele großartige Künstlerinnen, mit denen könnte ich ein ganzes Festival organisieren.

STANDARD: Oft kommt die Ausrede, es gäbe zu wenige Musikerinnen. Warum werden diese seltener gebucht?

Regen: Bei großen Festivals ist die Prozentzahl von Künstlerinnen erschütternd. Von Headlinerinnen sind wir da noch weit entfernt. Wenn wir Glück haben, stehen zwei oder drei weiblich gelesene Künstlerinnen oder Bands auf dem Plakat. Und das vermittelt die Botschaft: "Ihr seid nicht erfolgreich genug, eure Namen dienen nicht als Aushängeschild." Woher kommt das? Eine meiner Thesen ist, dass Entscheidungen momentan – überspitzt formuliert – von alten weißen Männern getroffen werden.

STANDARD: Also braucht es mehr Frauen in Entscheidungspositionen?

Regen: Ja, auf alle Fälle. Dafür ist die Quote ein starkes Argument, damit wir Parität in den Entscheidungsprozessen herstellen. Ich glaube schon, dass Frauen auf andere Dinge achten, und diese Ergänzung braucht es. Den männlichen Blick haben wir sehr lange gelebt.

STANDARD: Was halten Sie von Frauenquoten bei Festivals?

Regen: Ich würde das großartig finden. Es braucht sicher Geduld, aber eine Quote verkürzt die Zeitspanne. Darauf zu hoffen, dass sich das von alleine ändert, dauert weitere drei Generationen. Für das Konzert am feministischen Kampftag setzen wir auch Frauen backstage ein. Wir haben weibliche Securitys und Stagehands – und ja, die können so schwer tragen. Das sind neue Denkmuster, für die man zu Beginn sicherlich auch Umwege gehen muss. Aber mit solchen Änderungen anzufangen ist ein Signal.

STANDARD: Besteht nicht auch die Gefahr, dass dann "Quotenfrauen" als Acts eingeladen werden?

Regen: Das ist eher eine Herausforderung für die Booker:innen. Man muss vielleicht länger suchen, das liegt aber nicht an einem generellen Mangel, sondern an der Sichtbarkeit. So zu tun, als ob es die Qualität nicht gäbe, ist lächerlich.

STANDARD: Gibt es zu wenig Unterstützung für Frauen in der österreichischen Musiklandschaft?

Regen: Ja, wir alle sind halt Traditionstierchen. Wobei sich schon langsam ein Umdenken abzeichnet.

STANDARD: Wann wird es kein solches Konzert mehr brauchen?

Regen: Ich hoffe nie. Der 8. März ist ein Feiertag. Zum einen für die Errungenschaften, die Frauen vor uns erkämpft haben, und zum anderen gibt es immer etwas für die Zukunft zu tun. Einer Illusion, in der das nicht mehr nötig sein wird, möchte ich mich gar nicht hingeben. (Katharina Rustler, 8.3.2022)