Der Film "Odyssee" ist im Stil naiver Kunst in Ölfarben auf Glas inszeniert. Macherin Florence Miailhe schildert darin die Fluchtgeschichte zweier Geschwister.

Foto: Tricky Women

Filmgeschichte wird gerne in zwei Traditionslinien erzählt: Da war einerseits ein Bedürfnis, mithilfe der Kamera die äußere Wirklichkeit einzufangen, und da war andererseits der Wunsch, mit bewegten Bildern fantastische Welten zu imaginieren. Letzteres tat Georges Méliès, der Ende des 19. Jahrhunderts mit Trickfilmtechniken Menschen zum Mond schickte. Wenn also – vereinfacht gesprochen – der fotografische Film die Tür zur Welt aufstieß, öffnete der Trickfilm eine Tür zu (un)möglichen Welten, die so (noch) nicht existierten.

Das Wiener Trickfilmfestival Tricky Women vertritt das emanzipatorische Potenzial der Imagination seit über zwanzig Jahren mit Herz und Seele. Dennoch hat es 2019 den Titel mit" Tricky Realities" ergänzt, um zu verdeutlichen, dass die hier gezeigten Trickfilme sich sehr wohl aktuellen, soziopolitischen Themen widmen.

Mit queer-feministischem Fokus kommen ausnahmslos Frauen und Nonbinäre zu Wort, was der Vielfalt an Perspektiven und Techniken keinen Abbruch tut. Bereits der Festivaltrailer von Héloïse Ferlay beweist das: Mit Stop-Motion-, Puppen- und Sandanimationen zeigt sie unterschiedlichste Frauen, die allesamt stolz und magisch wirken. Das macht neugierig auf das Programm, das zwischen dem 9. und 13. März im Metro-Kinokulturhaus und in anderen Wiener Spielstätten sowie teils online zu sehen sein wird.

Flucht und Kapitalismus

Österreich-Premiere feiert der erste Langfilm der Grande Dame des französischen Animationsfilms Florence Miailhe. Im Stil naiver Kunst aufwendig mit Ölfarben auf Glas gemalt, wird in Odyssee eine brandaktuelle und doch zeitlos-märchenhafte Fluchtgeschichte zweier Geschwister aufgefächert.

Miailhe ist auch Mitglied der Jury, die aus den Kurzanimationsfilmen des Internationalen Wettbewerbs die Siegerinnen küren wird. Daneben gibt es in den fünf Tagen noch einen österreichischen und einen Newcomer-Wettbewerb und obendrauf ein gut gefülltes Diskursprogramm.

Kapitalismuskritik bringen die Kooperationen mit der AK Wien: In Work Affairs und In this together? werden Arbeitsverhältnisse und tradierte Orientierungsmuster hinterfragt. Das Programm "Feminist Interventions" nimmt sich geschlechtsspezifischer Hierarchien an, wohingegen "Exploring Realities" das Potenzial dokumentarischer Animationsfilme auslotet.

Die Reihe "Intergenerational Trauma" fokussiert schließlich in Kooperation mit dem Sigmund-Freud-Museum auf die Verflechtungen zwischen individueller, familiärer und kollektiver Leiderfahrung, etwa in Form einer prominenten Freundinnenbeziehung im israelischen Wettbewerbsbeitrag Holy Holocaust. Besonders spannend ist auch die diesjährige Personale zu Maria Lassnig, die in Wien die erste Animationsfilmklasse gründete und damit eine der Galionsfiguren des österreichischen und feministischen Animationsfilmschaffens ist. (Valerie Dirk, 8.3.2022)