Im Büro von Wiens Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál sitzt man beim Gespräch immer noch – mit Maske – weit auseinander. Die SPÖ-Politikerin, die selbst in einer frühen Phase Corona hatte, hält sich strikt an die Wiener Regeln. Auch sonst beschäftigt sie sich viel mit der Pandemie. Sie hat eine große Frauenbefragung in Auftrag gegeben, die herausfinden soll, wie es den Wienerinnen in der Corona-Krise ergangen ist – quasi eine Anleitung für politisches Handeln. Erste Ergebnisse hat Gaál am Montag präsentiert, sie sind keine Überraschung: "Frauen zählen zu den Verliererinnen der Krise", sagt Gaál.

STANDARD: Immer mehr Menschen aus der Ukraine – vor allem Frauen und Kinder – suchen in Österreich, auch in Wien, Schutz. Wie wird auf die speziellen Bedürfnisse dieser Geflüchteten eingegangen?

Gaál: Jetzt ist die Zeit, solidarisch zu sein, zu helfen und zu handeln. Diese Frauen packen ihre Kinder, müssen ihre Männer und ihre Brüder zurücklassen. Das ist wirklich furchtbar. In einer ersten Phase haben wir in enger Kooperation mit der Bildungsdirektion geschaut, dass die Kinder so schnell wie möglich in die Schule und auch in den Kindergarten kommen. Die Ersten sind schon eingeschult. Sie brauchen eine Routine und ein bissl ein normales Leben.

Gaál: "Jetzt ist die Zeit, solidarisch zu sein, zu helfen und zu handeln."
Foto: Regine Hendrich

STANDARD: Braucht es zusätzliches Personal an den Schulen, damit man sich verständigen kann?

Gaál: Wir arbeiten eng mit den Hilfsorganisationen in Wien zusammen, es gibt ein gutes, dichtes Netz – auch mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die sofort bereitgestanden sind.

STANDARD: Wie unterstützt man die ankommenden Frauen darin, einen Job zu finden?

Gaál: Wir haben mit dem Waff Instrumente, die am Arbeitsmarkt sehr gut unterstützen. Der Bund muss in Österreich die EU-Massenfluchtrichtline noch erlassen, die es den Geflüchteten aus der Ukraine erlaubt zu arbeiten – in allen Branchen.

STANDARD: Fachleute gehen von bis zu zehn Millionen Flüchtlingen aus. Wie viele kann die Hauptstadt aufnehmen?

Gaál: Wir erleben derzeit eine große Welle der Solidarität. Ich habe keine Zahl, wie viele wir aufnehmen können. Aber wir werden alles tun, was im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt. Es gibt bei uns größere Unterkünfte, auch privaten Wohnraum. Da erwarte ich mir auch eine große Solidarität zwischen den Bundesländern.

STANDARD: Werden Unterkünfte von Privaten kontrolliert?

Gaál: Kontrollen sind Bundessache. Aber da gibt es schon Erfahrungswerte. Es passiert ja leider nicht zum ersten Mal, dass Wien hier reagieren und helfen muss. Das hat eigentlich immer gut funktioniert.

Frauenstadträtin Gaál: "Es passiert ja leider nicht zum ersten Mal, dass Wien hier reagieren und helfen muss."
Foto: Regine Hendrich

STANDARD: Sie haben gerade eine Frauenbefragung in Wien gestartet. Auf welche Probleme sind Sie gestoßen?

Gaál: Bislang liegen nur die Ergebnisse der wissenschaftlichen Befragung vor. Mit dem Frauentag starten wir den partizipativen Teil der größten Frauenbefragung Wiens. Alle Wienerinnen sind eingeladen teilzunehmen. Was wir jetzt schon wissen, ist, dass die Frauen sich infolge von Corona mehrfach belastet und zum großen Teil überlastet fühlen. Und: Alte Rollenbilder haben sich durch Corona wieder verfestigt. Was überrascht hat: Die psychische Belastung trifft Junge etwas mehr als Ältere. Bei den älteren Frauen spielen gesundheitliche Probleme eine größere Rolle, da Vorsorgeuntersuchungen in den vergangenen Jahren oft nicht stattgefunden haben. Klar ist: Frauen zählen zu den Verliererinnen der Krise.

STANDARD: Gerade während der Schulschließungen mussten Frauen neben dem Homeoffice oft die Kinderbetreuung übernehmen. Was tut die Stadt, um mehr Männer zu motivieren?

Gaál: Es sind wirklich harte Bretter, die man bei diesem Thema bohren muss. Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt definitiv noch viel zu tun – ob in der Bewusstseinsbildung oder mit anderen Maßnahmen.

STANDARD: Braucht es finanzielle Anreize?

Gaál: Wir werden auf jeden Fall offen über alles nachdenken und reden müssen.

STANDARD: Pflegerinnen waren in den vergangenen zwei Jahren extrem gefordert, teilweise überfordert. Ihnen ist zu Beginn der Pandemie zugeklatscht worden. Reicht das?

Gaál: Es war ein Zeichen der Wertschätzung, das wichtig war, aber das allein ist natürlich zu wenig. Die Stadt hat eine Ausbildungsoffensive gestartet, um in Zukunft für Entlastung und Unterstützung zu sorgen. Die Herausforderungen sind nicht vorbei. Jetzt lassen die Skeptiker und die, die Coronas überdrüssig sind, Aggressivität und Frust am Personal in den Spitälern aus. Man muss aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt.

"Jetzt lassen die Skeptiker und die, die Coronas überdrüssig sind, Aggressivität und Frust am Personal in den Spitälern aus. Man muss aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt", sagt Gaál.
Foto: Regine Hendrich

STANDARD: Viele Frauen gehen auf die Covid-Demos, sind frustriert von den Maßnahmen, fühlen sich in dieser Pandemie alleine gelassen. Gibt es Beratungen mit Frauenministerin Susanne Raab darüber, wie man sie erreichen kann?

Gaál: Nein, mit der Frauenministerin gibt es derzeit keine Gespräche. Da würde ich mir auch mehr von ihr erwarten. Auch dass sie uns in ihre Überlegungen mehr einbindet. Das passiert de facto nicht. Ich habe keinen Kontakt mit Frauenministerin Raab. Persönlichen Einzeltermin hatte ich noch keinen mit ihr. Ich würde mir wünschen, dass der Kontakt zur Ministerin enger wäre – im Interesse der Frauen. Ich kann jedenfalls sagen: Wir lassen in unserer Stadt keine Frau zurück.

STANDARD: Frauen sind auch bei der Impfung skeptischer als Männer. Wie kann man sie überzeugen?

Gaál: Wir haben am Boot, im Bus und im Gemeindebau geimpft, um die Leute abzuholen. Bei dem Thema des Corona-Managements und vor allem in der Kommunikation ist in der Bundesregierung wirklich sehr, sehr viel schiefgelaufen. Also etwa, dass man die Pandemie schon viel zu früh für beendet erklärt hat. Es ist wirklich schwierig, wenn man eine Bundesregierung an der Seite hat, die verfrüht schon solche Aussagen trifft.

STANDARD: Die Pandemie hat auch das Risiko von Gewalt in der Familie verschärft. Viele Frauen melden Übergriffe nicht bei der Polizei. Was kann die Stadt dazu beitragen, das Vertrauen wiederherzustellen?

Gaál: Mit dem Bürgermeister habe ich vergangenes Jahr ein Gewaltschutzpaket präsentiert. Auch haben wir niederschwellig die Notrufnummern des 24-Stunden-Frauennotrufs und der Wiener Frauenhäuser auf Supermarkt-Kassenbons gedruckt. Wir eröffnen auch heuer das fünfte Wiener Frauenhaus mit 50 zusätzlichen Plätzen – insgesamt sind das dann 225 Plätze in Wien. (Oona Kroisleitner, Petra Stuiber, 8.3.2022)