Sigi Bergmann ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Foto: STANDARD/Regine Hendrich

Wien – Er war ein Brückenbauer zwischen Sport und Kultur und der Künstler unter den Sportjournalisten: Sigismund "Sigi" Bergmann. Der langjährige ORF-Reporter, promovierte Historiker und ausgebildete Opernsänger ist in der Nacht auf Dienstag im Alter von 84 Jahren gestorben. Das meldet die österreichische Vereinigung der Sportjournalistinnen und Sportjournalisten, deren Ehrenmitglied Bergmann war.

Bergmann prägte mit ORF-Formaten wie "Sport am Montag" den Sportjournalismus in Österreich. Der gebürtige Steirer hat sich in seiner Sendung, die er 17 Jahre lang moderierte, Nadeln ins Gesicht gestochen und ist über glühende Kohlen gelaufen, um das Thema mentale Stärke aufs Tapet zu bringen. Bergmann ging oft den unkonventionellen Weg, denn Sport war für ihn mehr als nur Sport, und Sportlerinnen und Sportler waren für ihn in erster Linie Menschen und keine Rennmaschinen, die um Hundertstel kämpfen oder ihre Gegner zu Boden strecken wollen.

Immer auf der Seite der Verlierer

Was sich hinter den Kulissen der Medaillenjagd abspielte, interessierte Bergmann mehr als blanke Ergebnislisten. "Ich bin immer auf der Seite der Verlierer gewesen. Für Verlierer habe ich mich mehr interessiert als für Sieger", sagte Bergmann 2016 in einem Interview dem STANDARD. Seine großen Leidenschaften waren Boxen und Rodeln. Bei der Jagd nach Tausendsteln fielen auch legendäre Aussagen – etwa vom "Wimpernschlag einer Libelle", "Rückstand wächst, Speck wackelt" oder der "Prinzenrolle", als Prinz Albert beim Bobfahren ins Straucheln kam. "Mir sind schon viele Blödheiten eingefallen", rekapitulierte er sein Wirken in gewohnt selbstkritischer und -ironischer Manier.

Geboren im steirischen Vorau, wuchs er nach dem frühen Tod seiner Mutter im Zweiten Weltkrieg bei einem Onkel in Wien auf. Bergmann war zwei Jahre lang als Volksschullehrer tätig. Er studierte Geschichte, Germanistik, Philosophie und Gesang.

Seine journalistische Karriere begann Bergmann in den frühen 1960er-Jahren beim "Volksblatt" der ÖVP. 1968 wechselte er zum ORF, wo er von 1969 bis 1974 das "Sportmosaik" präsentierte. Von 1975 bis 1992 moderierte er den "Sport am Montag". Bergmann arbeitete 40 Jahre für den ORF. Neben Fußball, Rodeln oder Skifahren moderierte er im ORF an die 4.000 Boxkämpfe, mehr als jeder andere Kommentator im deutschsprachigen Raum.

Bergmann und Olympia, eine Liebesbeziehung

Zuletzt war er für den ORF noch 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im Einsatz. Es waren seine 20. als Reporter und Moderator. Die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko und 1972 in Sapporo waren Bergmanns erste.

Die besten Erinnerungen hatte der langjährige ORF-Journalist an die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul. Er war damals ein 50-jähriger Reporter, und seine 17-jährige Tochter hatte sich in der Rhythmischen Gymnastik für Olympia qualifiziert. "Ich bin am Ring gesessen, habe kommentiert und mir am Monitor die Turnhalle eingestellt. Geboxt haben zwei Schwergewichte, die sich fast massakriert haben. Das Blut ist gespritzt. Ich bin dort gesessen und habe glücklich gelächelt. Hätte das jemand gesehen, hätten sie mich für einen Perversling gehalten, der glücklich ist, wenn das Blut spritzt", sagte Bergmann 2016 über die Spiele von damals.

Bergmanns journalistisches Credo und seine Empathie lassen sich gut anhand seiner Schwärmereien für das Verbindende der Olympischen Spiele ablesen: "Für mich sind Olympische Spiele wie etwa Bayreuth und Salzburg zusammen für Kulturjournalisten. Die Allerbesten treten gegeneinander an, ohne die Sprache des Gegners zu können, ohne auf die Hautfarbe des Gegenübers zu achten. Man umarmt sich nach dem Sieg, aber auch nach der Niederlage. Das ist das Wunderschöne am Sport. Der Sport öffnet dein Herz zum Verständnis für alle Nationen."

Freundschaft zu Hans Orsolics

Aus seiner Leidenschaft fürs Boxen, Bergmann war ein glühender Fan von Muhammad Ali, wurde auch die Freundschaft zu Hans Orsolics. Bergmann brachte den gefallenen Wiener Boxer nach dessen "patschertem Leben" wieder zurück in die Spur und organisierte für ihn einen Job beim ORF. Seine langjährige Verbindung mit Orsolics verewigte er 2007 in einem Buch. Bergmann schrieb auch über Toni Sailer und "Aus dem Notizbuch eines Sportreporters".

In der Nacht auf Dienstag ist Sigi Bergmann im 85. Lebensjahr in seinem Zweitwohnsitz bei Klagenfurt gestorben. Bergmann hinterlässt seine Frau, zwei Kinder und mehrere Enkelkinder. (Oliver Mark, 8.3.2022)