Foto: Helmut Lunghammer

Minsk/Graz/Frankfurt – Die 1982 in Minsk geborene und derzeit in München im Exil lebende, belarussische Autorin Volha Hapeyeva wird für ihren bisher unveröffentlichten, auf Deutsch verfassten Essay "Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils" mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis 2022 ausgezeichnet. Der Preis für kritische Kurztexte wird von der Crespo Foundation zum fünften Mal vergeben und ist mit 35.000 Euro dotiert. Er wird am 19. Juni im Schauspiel Frankfurt verliehen.

Hapeyeva ist Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Ihre Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. Unter dem Titel "Mutantengarten" (Edition Thanhäuser, 2020) liegt auch eine Auswahl auf Deutsch vor. Im Grazer Droschl-Verlag erschien im Vorjahr ihr Debütroman "Camel Travel", in dem sie über das Aufwachsen in der Sowjetzeit und das kindliche Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen erzählt. Hapeyeva lebt seit 2020 im deutschen und österreichischen Exil. Aktuell ist sie Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des PEN-Zentrums Deutschland.

"Plädoyer für eine widerständige Poesie"

Mit dem Essay werde ein Text ausgezeichnet, dem es "auf eindringliche Weise gelingt, das Nachdenken über Heimat und persönliche Wurzeln mit der Reflexion über Gewalt und Macht zu verweben. Dabei zielt die Autorin vor allem auf die Kraft der Sprache ab: Sie zeigt, dass Diktaturen Sprachpolitik für ihre Zwecke nutzen, dass sie ihre eigene Sprache etablieren, dass Worte töten können. Und dass Diktaturen Kunst und Poesie unterdrücken, weil sie Mittel des kritischen Denkens sind, die ihnen gefährlich werden können. Gerade deswegen setzt Hapeyeva despotischen Machtstrukturen ein poetisches, nomadisches Denken entgegen", begründete die Jury ihre Wahl. "Ihr kunstvoll arrangiertes Plädoyer für eine widerständige Poesie gewinnt vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine an bedrückender Aktualität. Hapeyeva tut, was eine Autorin im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung zum Besten tun kann: mit starken Worten wirken."

Der Preis wird jährlich für herausragende literarische Kurztexte verliehen, die sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen. Zu den bisherigen Preisträgern zählen einige österreichische Autorinnen und Autoren: 2019 gewann Thomas Stangl, 2020 Kathrin Röggla. Valerie Fritsch schaffte es heuer auf die Shortlist. Im Vorjahr wurde die deutsche Autorin Marion Poschmann ausgezeichnet. (APA, 9.3.2022)