Epidemiologe Gerald Gartlehner äußerte sich am Mittwochabend in der "ZiB 2" zur Corona-Lage.

Foto: Screenshot/ZiB2

Der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems begrüßte am Mittwochabend in der "ZiB 2", dass die Bundesregierung die Impfpflicht ausgesetzt hat. "Das war sicher der richtige Schritt", sagte er. Denn eine Impfpflicht würde für die jetzige Omikron-Welle zu spät kommen, und man wisse "noch nicht, was im Herbst auf uns zukommt". Gartlehner zufolge muss die Notwendigkeit einer allgemeinen Impfpflicht über den Sommer neu bewertet werden. Ein vierter Stich werde vor allem für Hochrisikopatienten und -patientinnen notwendig sein.

"Problematisch" für den Epidemiologen ist indes, dass auch die Impfpflicht im Gesundheits- und Pflegebereich kein Thema mehr sei. "Denn dort wäre sie schon lange überfällig", um vulnerable Personen zu schützen.

ORF

Lockerungen kamen "zu früh"

Gartlehner äußerte sich auch zur Aufhebung vieler Corona-Maßnahmen am 5. März. ORF-Moderator Armin Wolf erinnerte daran, dass die Bundesregierung diese deswegen für vertretbar gehalten hatte, weil Anfang März die Infektionszahlen sinken würden – nun wurde aber am Mittwoch mit 47.795 Neuinfektionen sogar ein neuer Tageshöchstwert erreicht.

Für Gartlehner ist die Antwort das "epidemiologische Einmaleins". Wenn man bei hohen Neuinfektionszahlen öffne, sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Zahlen noch höher werden, relativ groß. Die Öffnungen seien "eine rein politische Entscheidung und keine epidemiologische" gewesen. Es hätten auch viele Epidemiologen und Virologinnen vor dem Öffnungsschritt gewarnt, "aber es gibt eben unterschiedliche Realitäten". Der "Presse" sagte Gartlehner: "Angesichts der aktuellen Entwicklung, die alles andere als überraschend ist [...], kam das bedingungslose Öffnen am 5. März definitiv zu früh."

Der Experte wäre weiterhin für eine FFP2-Masken-Pflicht in Innenräumen oder eine bundesweite 2G-Regel in der Nachtgastronomie. Es wäre zwar epidemiologisch nicht zu spät, dies nachzuholen, aber "ich glaube, politisch wird das nicht stattfinden".

Teststrategien

Auch Teststrategien waren Thema. Gartlehner hält "niederschwelliges Testen von symptomatischen Personen für extrem wichtig". Asymptomatische Menschen müssten indes zielgerichteter getestet werden. "Quer durch die ganze Bevölkerung zu testen bringt da sicher wenig." Man müsse sich hier auf Risikopersonen und deren Kontaktpersonen konzentrieren. In diesem Zusammenhang findet der Epidemiologe auch die regelmäßigen Schultests "nicht mehr sinnvoll". Dass man gleichzeitig etwa die Maskenpflicht aufgehoben habe, "passt aktuell nicht mehr zusammen".

Systemrisiko

Gartlehner erklärte, dass man Covid-19 nicht unterschätzen dürfe. "Wenn es einem eine Woche mit Fieber richtig schlecht geht, gilt das als milder Verlauf." Bei einem schweren Verlauf liege etwa die Sauerstoffsättigung unter 94 Prozent oder zeige ein Lungenröntgen bereits deutliche Veränderungen, dann "muss man auf jeden Fall ins Spital".

Er warnte vor dem nach wie vor bestehenden Systemrisiko. In Spitälern komme es zu Versorgungsproblemen und Operationsverschiebungen, weil durch die hohen Infektionszahlen eben auch viel medizinisches Personal krankheitsbedingt ausfalle.

Stabile Röte auf Corona-Ampel

Die breiten Öffnungen in Verbindung mit der neuen Omikron-Untervariante, die aktuell in Österreich das Kommando übernimmt, lassen die Corona-Ampel wieder kräftig rot erstrahlen. Gingen die Zahlen in den vergangenen Wochen tendenziell leicht zurück, zeigt der 14-Tage-Trend nun wieder teils kräftig nach oben. Auch das Systemrisiko auf den Normalstationen steigt, geht aus dem der APA vorliegenden Arbeitsdokument der zuständigen Kommission hervor.

Die Entwicklung ist gegenüber der Vorwoche ungünstig. War da Wien schon nahe daran, die Höchstrisikozone zu verlassen, sieht es nun wieder anders aus. Die Risikozahl, nach der die Farbgebung bestimmt wird, ist überall nach oben gegangen. Lag sie für das Bundesgebiet vor einer Woche noch bei 169, erreicht sie jetzt knapp 215. Um wenigstens in die zweithöchste Risikozone Orange zu kommen, dürfte die 100 nicht überschritten werden.

Wien bleibt klar bestes Bundesland und hat aktuell einen Wert von 122 bei der Risikozahl, die neben den reinen Infektionen auch Parameter wie Impfstatus und Alter der Patienten berücksichtigt. Vergangene Woche lag der Wert bei 105. Stabil Schlusslicht – diesmal mit einem Wert von 363 – ist Tirol. Besonders stark war der Fallanstieg in den vergangenen beiden Wochen im Burgenland mit 22 Prozent, vergleichsweise am geringsten in Wien mit vier Prozent.

Immer mehr Covid-Normalbetten belegt

Relativ ungünstig entwickelt sich die Situation auch auf den Normalstationen der Spitäler. Das Burgenland ist schon im zweistelligen Bereich bei der Covid-spezifischen Belegung. Der Prozentsatz dürfte sich in den kommenden Wochen noch einmal um rund 50 Prozent auf 15 Prozent erhöhen. In allen anderen Bundesländern werden sich die Covid-Fälle in den Krankenhäusern ebenfalls häufen, auch auf den Intensivstationen, wenngleich dort in einem wohl verkraftbaren Ausmaß.

Die übrigen Parameter zeigen im Vergleich zu den Wochen davor kaum Auffälligkeiten. Weiter wird der größte Teil asymptomatischer Fälle in Wien entdeckt. Bei zwei von drei der in Wien festgestellten Infektionen gibt es keine typischen Symptome. In keinem anderen Bundesland gibt es einen Wert, der über ein Drittel hinausgeht. Getestet wird auch wie üblich vornehmlich im Osten. In Wien kommen knapp 107.000 Tests auf 100.000 Einwohner. Relativ knapp dahinter folgen das Burgenland und Niederösterreich. Ebenso schon Tradition hat, dass man im Westen keine Freude am Testen hat. Tirol, Salzburg und Vorarlberg sind die Schlusslichter dieses Rankings.

Die höchste reine Fallinzidenz hat diesmal ein niederösterreichischer Bezirk, nämlich Scheibbs. Die niedrigste Inzidenz hat die Stadt Villach, gefolgt von Steyr-Stadt und Linz-Stadt. Gerade noch acht Bezirke bzw. Regionen haben einen rückläufigen 14-Tage-Trend. (Andreas Gstaltmeyr, APA, 10.3.2022)