Fußball soll Buben und Mädchen Freude machen, wobei die Zahl der Kopfbälle deutlich reduziert wird.

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Der österreichische Fußballbund ÖFB bleibt natürlich der österreichische Fußballbund ÖFB, aber man versucht trotzdem, besser zu werden. Die Direktion Sport, Chef ist Peter Schöttel, hat evaluiert, wurde neu strukturiert, auf sechs Bereiche aufgestockt (Nationalteams, Talentförderung, Trainerakademie, Breitenfußball, Frauenfußball Wissenschaft & Analyse). Schöttel sagt: "Das Gute wird erhalten. Aber wir müssen neue Wege gehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, der Fußball entwickelt sich rasant, wir brauchen den notwendigen Weitblick."

Da eine Spitze nur aus einer Breite entstehen kann, ist der 38-jährige Stefan Gogg für Breiten- und Kinderfußball zuständig. Die Entwicklung ist vielleicht nicht dramatisch, aber doch bedenklich – nicht nur in Österreich. Laut einer Studie des europäischen Verbandes Uefa bestreiten mehr als die Hälfte der Jugendlichen ihr letztes Spiel im Verein vor dem 18. Geburtstag. Jedes vierte Kind hört nach ein paar Monaten auf. "Durch diese hohe Drop-out-Rate verlieren wir nicht nur Talente, sondern auch Menschen, die längerfristig als Trainer und Funktionäre im Fußball tätig sind", sagt Gogg dem STANDARD.

Kinderfußball-Reform

Momentan kicken rund 110.000 Kinder und Jugendliche in Österreich, Tendenz eher fallend. "Corona", sagt Gogg, "hat die Lage sicher verschärft. Und die Gesellschaft, das Freizeitverhalten haben sich generell verändert. Das Smartphone ist vielleicht nicht der Hauptgegner des Fußballs, aber es ist ein Problem." Jedenfalls wird der Kinderfußball ab der Saison 2022/23 reformiert. "Das Erlebnis und der Spaß sollen im Vordergrund stehen."

Bis zur U12 werden keine Tabellen mehr geführt, die individuelle Entwicklung ist das Ziel. Gogg: "Mit einer Tabelle gibt es einen Sieger, der einen Pokal bekommt, und elf Verlierer. Wie brauche mehr Gewinner." Natürlich gibt es auch Argumente, die für eine Beurteilung sprechen. Buben und Mädchen mögen mitunter Noten. Gogg: "Aber die Gegenargumente überwiegen. Die individuelle Entwicklung ist wichtiger als eine Platzierung. Die Härte und das Auswahlverfahren beginnen noch früh genug."

Die Reform im Detail: Verkleinerung der Spielfelder und der Teams (drei gegen drei, ohne Torkind) – das führt zu mehr Ballaktionen, Dribblings, Toren und somit mehr Erfolgserlebnissen. Die Spieldauer wird in Drittel beziehungsweise Viertel aufgeteilt, um allen Kindern Einsatzdauer zu garantieren – das steigert die Motivation. Eindribbeln statt Einwurf oder Abstoß – das sorgt dafür, dass es praktisch keine Kopfbälle gibt. Die gelten aus medizinischer Sicht als bedenklich.

Die Reform ist für alle neun Landesverbände bindend, auch Profivereine wie Rapid, die Austria oder Sturm Graz werden sie umsetzen. Gogg: "Die Kinder haben mehr Spiele, mehr Siege, mehr Niederlagen. Das gleicht sich aus. Sie müssen nicht traurig sein und Wochen auf ein Erfolgserlebnis warten."

Baustelle Frauenfußball

Eine Baustelle bleibt der Frauenfußball. Nur sieben Prozent der kickenden Kinder sind Mädchen. Bis zu einem gewissen Alter (etwa sieben Jahre) werden sie bei den Buben integriert. Gogg: "Das geht auf die Dauer nicht, denn irgendwann wollen Mädchen gegen Mädchen spielen." Und noch ein Problemchen: "Trainer und Trainerinnen sollten gute Pädagogen und Pädagoginnen sein, die die Reform mittragen und umsetzen."

Der ÖFB zählt mit dieser Neustrukturierung zu den Vorreitern, wobei man sich einiges aus Belgien und Deutschland abgeschaut hat. Gogg über das Ziel: "Zunächst muss die Drop-out-Rate gebremst werden, danach soll sie sinken." Sportdirektor Schöttel: "Im öffentlichen Interesse steht das Männer-Nationalteam. Aber Fußball ist viel mehr."

Die Männer spielen übrigens am 24. März das WM-Playoff-Halbfinale in Wales – ohne Tabelle. (Christian Hackl, 11.3.2022)