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Alischer Usmanow, Milliardär und Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, residiert am Genfer See.

Foto: Reuters/Sputnik

Die Schweiz muss jetzt der russischen Kriegsfinanzierung den Hahn zudrehen", mahnte Cedric Wermuth, Ko-Vorsitzender der Schweizer Sozialdemokraten, im Rundfunk SRF. Sie halte wirkungsvollste Hebel in der Hand – den Rohstoffhandel und die Vermögen der reichen Russen. "Wir fordern deshalb den Bundesrat auf, eine Taskforce einzurichten, die die Vermögensstrukturen der russischen Oligarchen analysiert."

Solches ist bisher im Lande des Bankkundengeheimnisses ein Tabu – denn nicht nur die russischen Superreichen schätzen die diskrete Schweiz als Zufluchtsort für ihre Vermögen und auch als Wohnsitz für sich und ihre Familien. "Die Häufigkeit, mit der Russisch in den Fünfsternehotels und in den Uhrenboutiquen an der Zürcher Bahnhofstrasse und in der Genfer Rue du Rhône zu hören ist, ist auffällig", schrieb das Finanzportal cash.ch. So bewohnt etwa Gennadi Timtschenko eine Villa in einem Genfer Vorort; Timtschenko, ein Vertrauter von Wladimir Putin und Mitgründer des Ölhandelskonzerns Gunvor mit Sitz in Genf, soll elf Milliarden Euro reich sein. Der russische Investor Alischer Usmanow soll gar 20 Milliarden besitzen und ein Haus am Genfersee. Andere halten luxuriöse Chalets in Crans-Montana, St. Moritz oder Gstaad. Insgesamt werden die Vermögen reicher Russen in der Schweiz auf über 100 Milliarden Euro taxiert.

Druck nimmt zu

Doch der Druck steigt. Etliche dieser meist Putin-freundlichen Oligarchen wurden nun von der EU persönlich sanktioniert, und auch die Schweiz hat russische Vermögen eingefroren. Und sie sperrte den Luftraum für russische Flugzeuge, sodass mehrere Privatjets der russischen Elite auf Schweizer Flughäfen festsitzen, laut SRF unter anderem eine Boeing von Roman Abramowitsch.

"Wenn russische Politiker und ihre direkten Unterstützer sich gegen die Interessen von Frieden und Freiheit stellen, sollten sie und ihre Familien in Schweizer Villen und Schulen nicht mehr willkommen sein", kommentierte die Neue Zürcher Zeitung. Die Schweiz ist neutral, aber sie hat im ureigenen Interesse eine klare Haltung zu verteidigen – selbst wenn es schmerzt.

Zwiespältiger Lieferstopp

Vor der wohl schmerzhaftesten Waffe schreckt man aber noch zurück – wie auch die EU. Die Schweizer Botschaft in Moskau schätzt, dass 80 Prozent der russischen Rohstoffexporte über die Schweiz laufen. Mit einem Lieferstopp könnten die Eidgenossen also die russische Exportwirtschaft fast im Alleingang lahmlegen. Freilich um den Preis, dass Europa von russischem Erdgas und Erdöl abgeschnitten wäre, mit fatalen Folgen für einzelne Staaten. Solange das russische Gas fließt, fließt dank steigender Energiepreise mehr Geld denn je nach Russland.

Die Schweiz ist mittlerweile die weltgrößte Rohstoffdrehscheibe: In einem Bericht der Regierung aus 2018 wird das über die Schweiz abgewickelte Handelsvolumen auf fast 1000 Milliarden Dollar geschätzt. Der Handelskonzern Trafigura gilt mit 140 Milliarden Euro als das umsatzstärkste Schweizer Unternehmen, weit vor Industriekonzernen wie Novartis oder Nestlé. (Klaus Bonanomi aus Bern, 11.3.2022)