Die Spargelsaison im Marchfeld beginnt in circa drei Wochen. Ob bis dahin genügend Erntehelfer ankommen, ist ungewiss.

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Werner Magoschitz ist nervös. Der Landwirt und Obmann der Marchfelder Spargelbauern kennt das Gefühl, sich um die Ernte zu sorgen. Seine Familie baut seit fast 50 Jahren Spargel an. Zum aktuellen Wechselbad der Gefühle führen aber nicht Frost, extreme Hitze oder Starkregen – der grüne und weiße Asparagus gedeiht gut. Magoschitz treibt, wie den Rest der Welt, die Sorge um den Krieg in der Ukraine um.

Dessen Auswirkungen könnten schon bald auch die österreichischen Bauern zu spüren bekommen. Der Spargel muss in zwei bis drei Wochen gestochen werden, und dazu braucht es Saisonarbeitskräfte. Rund 10.000 arbeiteten bisher ab April auf österreichischen Äckern.

Allein im Marchfeld stechen zwischen 800 und 1.000 Erntehelfer Spargel. Sie kommen aus Rumänien, Bulgarien, Polen, der Slowakei und zu rund 20 Prozent aus der Ukraine – die Hälfte davon sind Männer.

"Und die dürfen und wollen derzeit nicht ausreisen", sagt Andreas Freistetter, Präsident der niederösterreichischen Landarbeiterkammer. Einige wenige haben bereits im Jänner in österreichischen Landwirtschaften gearbeitet – sie seien zurückgefahren, um für ihr Land zu kämpfen.

Magoschitz weiß aktuell nicht, "wer überhaupt kommen wird". Denn auch die rund 600 Arbeitskräfte aus Rumänien, die jährlich im Marchfeld Spargel stechen, wackeln. In Rumänien kursiert nämlich ein Plan, demzufolge sich Männer im Alter von 18 bis 63 Jahren für den Militärdienst bereitzuhalten hätten. Ausreisebeschränkungen gibt es aber derzeit keine. "Das würde auch unsere Situation weiter verschärfen", sagt Magoschitz.

Kinderhort und Ackerarbeit

Auf rund 500 Hektar bauen Landwirte im Marchfeld Spargel an. Ab April stechen Erntehelfer zwei Monate lang Spargel. Der erwartete Ertrag liegt bei rund 1.800 Tonnen – was laut Magoschitz etwa 30 Prozent des gesamtösterreichischen Bedarfs entspricht. "Da muss jeden Tag geerntet werden."

Erste Erleichterung schaffe jedenfalls, dass die EU-Innenminister beschlossen haben, ukrainische Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie brauchen also weder Arbeitsgenehmigung noch Visum.

Dass großteils Frauen mit Kindern kommen werden und Letztere Betreuung brauchen, sei den Landwirten bewusst. An der Organisation werde bereits gearbeitet. Da allerdings auch körperlich schwere Arbeiten zu verrichten sind, braucht es laut Magoschitz jedenfalls auch Männer.

Die Zeit drängt, das weiß auch Freistetter von der Landarbeiterkammer und legt erste Forderungen auf den Tisch. Naturgemäß setzt die erste bei besserer Entlohnung an. Der aktuelle Durchschnittslohn für die Land- und Forstwirtschaft in der Landwirtschaft liege bei 1.550 Euro netto für 40 Stunden.

Kombilohn anpassen

Das sei für österreichische Arbeitnehmer unattraktiv. Er schlägt unter anderem vor, das Kombilohnmodell zu ändern. Aktuell können Arbeitnehmer, die vom AMS zugewiesen werden, einen Teil des Arbeitslosengeldes zuzüglich zum Mindestlohn unter gewissen Voraussetzungen weiterbeziehen. Rechtsanspruch besteht laut Landarbeiterkammer nicht auf den Kombilohn.

Dieser wird individuell aufgrund vergangener Einnahmen errechnet. Freistetter fordert einen fixen Zuschlag von 400 und damit einhergehend ein Nettogehalt von 2.000 Euro. Um "Scheinteilzeitbeschäftigungen" vorzubeugen, soll das Kombilohnmodell zudem nur für Vollzeitkräfte gelten.

Auf STANDARD-Anfrage heißt es aus dem Arbeitsministerium, dass Kombilohnmodelle eine sinnvolle Maßnahme sein könnten, um Beschäftigungsaufnahmen attraktiver zu gestalten – eine Änderung des Modells könne jedoch nicht auf einzelne Branchen eingeschränkt werden.

"Die Ernte ist in Österreich mit großen Fragezeichen verbunden", sagt Freistetter. Dabei gehe es nicht nur um Spargel, danach sind Erdbeeren zu pflücken, Kürbisse reifen. "Damit wir nicht wieder Charterflüge in Drittstaaten schicken müssen, wie bereits 2020 während der ersten Corona-Welle", fordert Freistetter einmal mehr eine Arbeitskräfteüberlassung.

Arbeitnehmer könnten von einem Unternehmen ausgehend an landwirtschaftliche Betriebe verliehen werden. Somit sei eine ganzjährige Beschäftigung möglich. Außerdem fordert er den Handel auf, die Einnahmen gerechter zu verteilen. "Nicht die Bauern verdienen am meisten", sagt er. Diese könnten nur höhere Löhne zahlen, wenn sie mehr verdienen.

Spar-Sprecherin Nicole Berkmann kommentiert die aktuelle Forderung nicht. Man werde sich aber zusammensetzen, "so wie wir das immer tun". (Julia Beirer, 11.03.2022)