Am Rande des grönländischen Eisschilds gewann ein Forschungsteam 2016 Proben, die Beweise dafür liefern sollen, dass der nahegelegene Krater von einem Meteoriteneinschlag herrührt. Dieser wurde nun auf ein Alter von 58 Millionen Jahren geschätzt.
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Vor gut drei Jahren wurde eine spannende Entdeckung öffentlich: Unter einer fast einen Kilometer dicken Eisschicht im Nordwesten Grönlands machte sich ein Krater mit 31 Kilometern Durchmesser bemerkbar. Größentechnisch könnte er zu den 25 größten Impaktkratern der Erde gehören. Wie Grafiken in Kollaboration mit der Nasa veranschaulichen, fände die Stadt Paris locker darin Platz – unterwegs von Wien-Floridsdorf nach Mödling käme man auf eine vergleichbare Strecke. Bedeckt wird die Senke vom Hiawatha-Gletscher, daher ihr Name.

Damals hieß es vonseiten der Forschungsgruppe, der Krater dürfte verhältnismäßig frisch sein. Kurt Kjær vom Naturhistorischen Museum der Universität Kopenhagen sagte zur Entdeckung 2018, der zugehörige Meteorit sei womöglich erst vor 12.000 Jahren, gegen Ende der letzten Kaltzeit, eingeschlagen. Er könne aber auch maximal drei Millionen Jahre alt sein, so die Spekulation.

Zweifelhafte Studie

Doch es gab auch Skeptiker. Ludovic Ferrière, Kurator der Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums Wien (NHM), formuliert harsche Kritik, die auch das zugehörige Peer-Review-Verfahren und das Fachmagazin "Science Advances" trifft: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Forschende, die auch nur irgendetwas von Impaktkratern verstehen, eine solche Studie in dieser Form zur Veröffentlichung angenommen hätten", lautet sein Urteil. "Diese Arbeit besteht aus Vermutungen über Hypothesen, die wiederum auf vagen und angedeuteten Zusammenhängen beruhen, und sie hätte nie in dieser Form und einem solchen Journal veröffentlicht werden sollen."

Das Video aus dem Jahr 2018 veranschaulicht die Lage des Kraters in Grönland und unter der Eisdecke, die damals angegebene Altersschätzung liegt allerdings massiv daneben.
NASA Goddard

Woher rührt die vernichtende Einschätzung? Das Team hatte für seine Argumentation lediglich einzelne geschockte Quartzkörner herangezogen, die Anzeichen für rasch geschmolzenes Gestein sind und Hinweise auf einen Meteoriteneinschlag sein können. Diese könnten allerdings auch von einem sehr weit entfernten Einschlag herrühren, erläutert Ferrière. Selbst tausende Kilometer weit können diese transportiert werden. Der massive Chicxulub-Einschlag vor 66 Millionen Jahren verteilte solches Material auf der ganzen Erde, auch in Österreich. Das Vorfinden sei also noch kein Beweis für einen nahegelegenen Einschlag aus dem All – das unterstreicht auch sein NHM-Kollege Christian Köberl.

Ein weiterer Kritikpunkt: Ohne Bohrungen in der Senke ließe sich nicht sicher bestätigen, ob es sich überhaupt um einen Impaktkrater handle. Die zugehörigen Gesteinsproben wurden nämlich aufgrund der dicken Eisdecke nicht unmittelbar vor Ort dem Boden entnommen, sondern stammen aus dem Abflussbereich des Hiawatha-Gletschers.

4000-fach gealtert

Vor allem mit der Altersschätzung ging Ferrière nicht d'accord: Wenn der eisüberzogene Krater von einem außerirdischen Einschlag herrührte, so müsse es sich um einen äußerst alten und bereits erodierten Krater handeln. Dies untermauert nun auch eine Folgestudie, die ebenfalls in "Science Advances" publiziert wurde. Ihr zufolge müsse der Krater 58 Millionen Jahre alt sein – also mehr als 4000-mal älter, als die jüngste Schätzung besagte.

Der neuen Arbeit zufolge, an der unter anderem wieder Kjær beteiligt war, sei damals ein Eisenmeteorit mit einem Durchmesser von 1,5 bis zwei Kilometern eingeschlagen. Für die Datierung wurden wieder Sandkörner und Zirkonkristalle aus einer Probe von 2016 herangezogen, die dem Abflussbereich des Gletschers entnommen wurden.

Die neuere Studie dürfte dennoch auf weniger wackligen Beinen stehen als die frühere. Denn nun wurden Felsbrocken mit Impaktschmelze untersucht, die wohl nicht weiter als ein Dutzend bis Hunderte Kilometer transportiert werden, erklärt Ferrière: "Es ist also wahrscheinlicher, dass sie aus diesem Krater stammen. Eine hundertprozentige Sicherheit würde in diesem Fall aber nur eine Bohrung im Krater liefern."

Wirbel um den Impakt

Durch die Datierung ließen sich mögliche Auswirkungen eines Einschlags auf das Klima während einer wichtigen Epoche der Erdgeschichte untersuchen, meint Erstautor Gavin Kenny vom Schwedischen Naturhistorischen Museum. Bisher sei die genaue paläoökologische und klimatische Bedeutung aber noch unklar und müsse weiter analysiert werden, heißt es in der Studie. Einen Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen am Ende der letzten Kaltzeit schließt das Team zumindest endgültig aus.

Die neue Altersschätzung ist dem Wiener Impaktforscher Ferrière zufolge wesentlich realistischer: "Ein hohes Alter war von Anfang an klar." Nun hätten die Autorinnen und Autoren der Studie die Beweise, die für sie zuvor für einen jungen, frischen Krater sprachen, jedoch im Gegenteil einfach zu Indizien für eine alte und erodierte Struktur umfunktioniert. Dem Team sei es wohl vor allem darum gegangen, in den Medien für Wirbel zu sorgen, vermutet der Wissenschafter und setzt hinzu: "Und es funktioniert!"

Kein Hinweis auf Einschlag in der Jüngeren Dryaszeit

Noch mehr medialen Wirbel hätten sich hingegen beim Erscheinen des ersten Papers Anhängerinnen und Anhänger der Jüngere-Dryas-Impakthypothese gewünscht. Sie gehen davon aus, dass die Kälteperiode während dieser erdgeschichtlichen Epoche (vor etwa 11.700 bis 12.700 Jahren) auf einen außerirdischen Einschlag zurückzuführen ist. Komplett abwegig ist diese Idee nicht, der Chicxulub-Impakt dürfte etwa für eine heftige Abkühlung der Erdoberfläche gesorgt haben.

Allerdings werden angebliche Indikatoren für die Hypothese, ein Meteorit habe vor rund 13.000 Jahren die Abkühlung bewirkt, von vielen Fachleuten als fragwürdig eingeschätzt. Einer 2020 durchgeführten Studie zufolge stimmt ein möglicher Meteoriteneinschlag zeitlich nicht mit der Abkühlung überein, und die neue Hiawatha-Studie dürfte Vertreterinnen und Vertretern dieser Vermutung ebenfalls einigen Wind aus den Segeln nehmen.

Für diese Gruppe engagiert sich im Übrigen manch eine illustre Gestalt, etwa der US-amerikanische Unternehmer und Politikwissenschaften-Absolvent George Howard. Auf seinem Blog veröffentlicht er nicht nur seine Ansicht, dass Kometeneinschläge eine größere Bedrohung für das Weltklima darstellten als der menschenverursachte Klimawandel und dass es "Klimaalarmisten" seien, die die Abkühlung vor 12.700 Jahren nicht mit einem Meteoriteneinschlag in Verbindung bringen wollten. Er macht sich auch Sorgen über andere Gefahren aus dem All und beteiligte sich an Studien, denen zufolge das grassierende Coronavirus nicht etwa von Tieren auf Menschen überging oder aus einem Labor stammen könnte, sondern aus dem Weltraum. (sic, 13.3.2022)