Brandts Mongolische Wühlmaus (Lasiopodomys brandtii), auf der Hut vor Würgern.
Foto: Guoliang Li

Räuber-Beute-Verhältnisse sind ein beliebtes Studienthema in der Biologie, lassen sich daran doch durchaus gefinkelte Methoden beobachten, um die Fressfeinde in Schach zu halten oder die Täuschungsmanöver der Beute auszutricksen. Einer interessanten Masche ist nun ein Forschungsteam in Nordasien auf die Schliche gekommen: Die kleinen Brandt-Wühlmäuse, die in der Mongolei, im Norden Chinas und im Osten Russlands vorkommen, stutzen offenbar hohe Grasbüschel in ihrer Umgebung zurecht, um fliegende Feinde besser erkennen zu können.

Die Beobachtungsstudie, die im Fachjournal "Current Biology" veröffentlicht wurde, berichtet über das heikle Zusammenleben dieser Wühlmäuse mit Würgern – einer Vogelfamilie, deren Mitglieder im Englischen teilweise auch als "butcherbirds", also Fleischervögel, bezeichnet werden. Das deutet bereits ihr blutiges Beuteschema an, denn sie verzehren nicht nur Insekten, sondern auch Jungvögel und kleine Wirbeltiere. Das erlegte Futter wird nicht selten an Dornen und anderen spitzen Objekten aufgespießt, um es in kleinere Teile zu zerlegen und für späteres Speisen aufzubewahren. Man könnte die territorialen Tiere also anthropomorphisiert als pfählender Vlad Țepeș der Vogelwelt betrachten – oder auch als Dönerbudenbesitzer.

Der spitze Schnabel eines Würgers (hier in Nepal) wurde schon für viele kleine Säugetiere zum Verhängnis.
Foto: Narendra Shrestha / EPA

Im Gegensatz zu den Würgern sind die Brandt-Wühlmäuse Pflanzenfresserinnen, die sich nicht nur vor Raubvögeln, sondern auch vor Iltissen und Pallaskatzen in Acht nehmen müssen. Die tagaktiven Tiere leben in Kolonien und bauen unterirdische Anlagen, die 30 Meter lang sein können. Bei Gefahr informieren sich die Tiere mit einem schrillen Pfiff gegenseitig.

Lohnendes Rasenmähen

Das ist aber nicht ihre einzige Taktik, um den spitzen Schnäbeln der Würger zu entgehen. Wenn die Räuber in der Gegend sind, kürzen die Wühlmäuse nämlich aufragende Grasbüschel, um einen freien Blick auf den Himmel zu haben und potenzielle Angreifer schnell zu erkennen, wie das internationale Forschungsteam berichtet. Obwohl sie sich vorrangig von Gras ernähren, fressen sie die langen Halme nicht, sondern scheinen sie tatsächlich zu diesem Zweck zusammenzustutzen.

So sieht ein Grasbüschel der Gattung Achnatherum aus, das von den Tieren gekürzt wird.
Foto: Zhiwei Zhong

Stutzig machte das auch die Forschenden. "Eine solche Aktivität ist für die Wühlmäuse sehr energieaufwendig, was bedeutet, dass ein hoher Selektionsdruck bestehen muss", sagt Dirk Sanders vom Institut für Umwelt und Nachhaltigkeit in Cornwall, das zur Universität Exeter gehört. "Das Kürzen des Grases muss ihre Überlebenschancen deutlich verbessern."

Doch es scheint sich für die Nagetiere zu lohnen: Wenn Würger in der Nähe waren, sorgten sie dafür, dass das Volumen der Grasbüschel drastisch zurückging. Man könnte auch sagen, dass sie für ihre eigene Sicherheit im Sinne des "Ökosystem-Engineering" ihre Umgebung gezielt verändern.

Unterschätzte Wildtiere

Um seine Theorie zu überprüfen, testete das Team, ob das Fernhalten der Raubvögel dafür sorgte, dass die Wühlmäuse den Gräsern weniger rabiat zuleibe rückten. Mit Netzen sorgten sie lokal für einen würgerfreien Himmel – und schon hörten die Mäuse mit dem "Rasenmähen" auf. Sie passten ihr Verhalten also an die Abwesenheit der Räuber an, sagt Sanders: "Manchmal unterschätzen wir die Fähigkeit von Wildtieren, auf Veränderungen in ihrer Umwelt zu reagieren."

Zhiwei Zhong von der chinesischen Northeast Normal University in Changchun merkte an, dass sich daraus ein Anwendungsbezug ableiten lässt: "Die Ergebnisse haben Auswirkungen auf das Nagetiermanagement auf Weideland. Das Beibehalten oder Anpflanzen dieser großen Strauchgräser könnte dazu beitragen, Würger anzulocken und damit die Populationsdichte von Wühlmäusen zu verringern." Brandt-Wühlmäuse gelten als nicht gefährdet und können in der Landwirtschaft für Probleme sorgen. Die Studie zeigt für Sanders aber außerdem anschaulich, dass der Verlust einer einzigen Art in einem Nahrungsnetz zu unerwarteten Veränderungen im ganzen Lebensraum führen kann. (Julia Sica, 11.3.2022)