Er habe nicht geglaubt, dass sein Song Russians jemals wieder relevant werden würde, sagt Sting in der Einleitung eines Youtube-Videos, das er vor einigen Tagen online stellte; daher habe er ihn in den vergangenen drei Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges auch nur sehr selten gespielt.

"Beendet den Krieg!", fordert Pop-Barde Sting.
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Doch heute widme er das Lied als Appell des Friedens den "tapferen Ukrainern, die gegen diese brutale Tyrannei kämpfen" – aber auch den vielen Frauen und Männern in Russland, die trotz Gefahren für die eigene Person gegen diesen Krieg protestieren.

"Wir alle lieben unsere Kinder. Beendet den Krieg!", fordert der britische Popstar und intoniert den Song, mit dem der vormalige Frontman von Police Mitte der 1980er-Jahre auch als ¬Solokünstler eine Weltkarriere startete.

In Russians zitiert Sting ein eingängiges Motiv von Sergej Prokofjews Filmmusik zu Leutnant Kishe (1933). Dazu singt er vom "Gefühl der Hysterie", von den Todesdrohungen Nikita Chruschtschows und von der Angst vor "Oppenheimers tödlichem Spielzeug" – der Atombombe. In der neuen Aufnahme für den Youtube-Kanal "Odesa Film Studio" bleibt vom unterkühlten Synthie-Arrangement der 1980er nichts übrig: Da ist nur Sting, heute 71, an der Akustikgitarre, mit hörbar gealterter, aber emotionaler Stimme. Dazu, ganz sparsam, das Cello von Ramiro Belgardt. Mehr nicht.

Absurde Stereotype des Kalten Krieges

Umso wuchtiger, aber auch berührender dann die bekannten Verszeilen, in denen von der Lüge die Rede ist, dass man einen Krieg gewinnen könne; aber auch von der Hoffnung, die zur Zuversicht, schließlich sogar zur Gewissheit wird: "Auch die Russen lieben ihre Kinder." Die Stereotype des Kalten Krieges entlarven sich als absurd.

Als Sting Russians im Frühjahr 1985 komponierte, läutete in Moskau Michail Gorbatschow, der neue Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), gerade eine neue Ära der "Offenheit" (Glasnost) und des "Umbaus" (Perestroika) ein – doch so recht traute man damals im Westen "den Russen" noch nicht über den Weg.

Die gegenseitige Annäherung, die Überwindung der weltbedrohenden Todfeindschaft war anfangs ein überaus vorsichtiger Prozess, der dann aber schnell Fahrt aufnahm und schon 1989 zum Fall des Eisernen Vorhangs und 1991 zum Ende der Sowjetunion führte. Diese Entwicklung beobachtete damals ein aufstrebender KGB-Agent mit großem Argwohn. Sein Name: Wladimir Putin. (Gianluca Wallisch, 11.3.2022)