Für "Peace" und gegen den Krieg lasen am Freitagabend im Volkstheater viele namhafte österreichische Schriftsteller und Schriftstellerinnen Texte ihrer ukrainischen, belarussischen und russischen Kollegen und Kolleginnen im Wiener Volkstheater.

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"Wir haben das Wort, das wir in die Waagschale werfen können, wir dürfen nicht neutral bleiben", so formulierte es Martin Pollack, Autor, Übersetzer und Organisator der Benefiz-Veranstaltung österreichischer Autoren und Autorinnen für die Ukraine, die Freitag zweieinhalb Stunden lang über die Bühnen des Wiener Volkstheaters ging und forderte am Ende seiner einleitenden Worte zu dieser gleichermaßen traurigen wie ermutigenden Marathon-Lesung: "Solidarität für die Ukraine!" In nicht einmal einer Woche hat er gemeinsam mit Lutger Hagedorn vom IWM in Wien, Katja Gasser vom ORF und dem Volkstheater-Dramaturgen Matthias Seiser viele unterschiedliche literarische Stimmen beeindruckend zusammengeführt.

"Brüder, Schwestern, es brennt" heißt der Text, den Elfriede Jelinek als österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin eigens für den Abend geschrieben hat und der äußerst wirkungsvoll von der Volkstheater-Schauspielerin Anna Rieser gelesen wurde. "Alle sind füreinander da", beschreibt Jelinek den ukrainischen Widerstand und hat einen Aufruf an uns alle: "Spenden, das ist unser Teil der Gemeinschaft, … helfen wir den Hilflosen, die alles verlieren." Katja Gasser, mittlerweile künstlerische Leiterin für den Auftritt von Österreich als Gastland auf der Leipziger Buchmesse 2023, führt kenntnisreich und engagiert durch den Abend, dessen Titel "Der Krieg ist wie Giftmüll im Fluss" vom wichtigen ukrainischen Autor Serhij Zhadan stammen, der seinen Satz mit "er erreicht jeden, der in Flussnähe wohnt" beschließt.

"Weine!"

Maja Haderlap liest als erste heimische Schriftstellerin drei ihrer Gedichte. "Weine!", hören wir sie lesen, "die Welt wird nie mehr so sein wie früher!" Dann folgt Franz Schuh mit einem Auszug aus Juri Andruchowytsch Roman "Moscoviada". Zeilen wie diese "Wir müssen erleben, dass wir an der Schwelle zur Katastrophe stehen", die ein atemloser Franz Schuh da lautstark in das Publikum schreit, schließen scheinbar nahtlos an eine erschreckende Gegenwart, obwohl Andruchowytsch, der sich jetzt als über 60-jähriger Autor als Partisane in die ukrainischen Wälder begibt, wie er das vor kurzem in einem FAZ-Interview erzählt hat, diesen Roman schon Anfang der 80er-Jahre geschrieben hat.

Die Mutter von Petrowskaja

Spätestens mit der Lesung des Textes "Ein Amulett für den ukrainischen Widerstand" der in Berlin lebenden, ukrainisch-deutschen Autorin Katja Petrowskaja ("Vielleicht Esther"), vorgetragen von Milena Michiko Flasar, derzeit Robert-Musil-Stipendiatin, landet der Abend tatsächlich in der grausamen und blutigen Wirklichkeit dieses russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. "Ich habe mein Leben unter den Bomben angefangen und ich werde es unter Bomben beenden." Petrowskaja zitiert ihre Mutter, die vor kurzem auf Social Media einen viel beachteten Video-Botschaft an alle russischen Mütter aufgenommen hat und derzeit in einem ukrainischen Keller sitzt. "Sie sind die Festung!" schreibt Petrokskaja über alljene, die in der Ukraine geblieben sind. Ihr trauriger Nachsatz: "Ich glaube daran. Ich bin in Sicherheit."

Ein Krieg, der nicht Krieg heißt

Sabine Gruber liest Gedichte der russischen Ärztin und Linguistin Jelena Fanajlova, und Christoph Ransmayr den am 28. Februar verfassten und damit aktuellen Text mit dem Titel "Der fünfte Tag des Krieges" des russischen Kardiologen und Schriftstellers Maksim Osipov, der Russland bereits verlassen hat – wer weiß verlassen musste – und sich mit seinem Sohn auf der Flucht befindet und sich als Russe dennoch fragt: "Welche Schande haben wir auf uns geladen?". Mit einem "Krieg, der nicht Krieg heißt, sondern Spezialoperation". Eine deutlich mitgenommene Tanja Maljartschuk, die aus Iwano-Frankiwsk stammende und in Wien lebende Autorin und Bachmannpreisträgerin (2018) erzählt auf der Bühne von ihren Freunden und Freundinnen im Krieg und von ihrer Wut: "Ich bin keine Autorin mehr, ich bin ein Monster", sagt sie vor ihrer Lesung eines Auszugs aus "Der Nullpunkt" (erschienen 2017) ihres Freundes und Schriftstellers Artem Tschech, Jahrgang 1986. Mit ihm, der bereits 2015 als ukrainischer Soldat gedient hat, hat der Krieg in der Ost-Ukraine schon früh eine literarische Stimme bekommen. Jetzt muss er zum zweiten Mal als Soldat in einen Angriffskrieg der russischen Armee ziehen.

Märchen aus einem Luftschutzkeller

Ferdinand Schmalz liest noch einmal Serhij Zhadan, dieses Mal aus seinem "Luhansker Tagebuch", es folgen Gedichte von Myroslaw Lajuk, gelesen von Robert Schindel und die Reality-Dystopie "Vom Mut zu bleiben" des belarussischen Autors Viktor Martinowitsch, der von Angst und Abwanderung schreibt, es liest Doron Rabinovici, und davon, dass er in seiner Heimat nicht publizieren kann. Karl Markus Gauß, der krankheitsbedingt leider absagen musste, hätte den Ostukrainer Olekseij Tschupa lesen sollen, von dem 2019 im Haymon Verlag mit "Märchen aus einem Luftschuftkeller" zum ersten Mal etwas auf Deutsch erschienen ist. Es liest Stefan Suske vom Wiener Volkstheater. Die in Wien lebende, serbische Autorin Barbi Markovic bringt mit ihrer gelungenen, galgenhumorigen Darbietung der Andrij Lubka-Gedichte ("Gedichte sind misslungene Selbstmordversuche") das Publikum an diesem bedrückenden Abend tatsächlich zum Lachen.

Ausgebreitete Leintücher

Der Abend, der mit der Lesung einer Literaturnobelpreisträgerin begonnen hat, ist mit der Lesung einer Literaturnobelpreis zu Ende gegangen. Raphaela Edelbauer hat einen Auszug aus "Zinkjungen" der Belarussin Swetlana Alexijewitsch. Groß gemacht haben diesen Abend nicht nur das immense Engagement aller Beteiligten, die vielschichtigen Lesungen, sondern auch die Musik. Auch der in Odessa geborene und in Wien lebende Saxophonist Andrij Prosorow war eine ausgezeichnete Wahl, in seinen Arrangements lag alles drinnen: Trauer, Entsetzen, Wut, aber auch Hoffnung und Solidarität. Die weißen Leintücher, ausgebreitet von Ensemble-Mitgliedern eines komplett ausgebuchten Volkstheaters blieben am Ende dieses Freitag Abends – ganz im Sinne Elfriede Jelineks, aller Veranstalter und der Ukraine – nicht leer. (Mia Eidlhuber, 12.3.2022)