Im Kiewer Vorort Irpin, der seit Tagen unter heftigem Beschuss steht, wurde am Sonntag ein US-amerikanischer Journalist getötet.

Foto: REUTERS/Gleb Garanich

US-Sicherheitsberater Jake Sullivan befand sich gerade auf dem Weg zu einer der sonntäglichen Politiksendungen der US-Kabelsender, als er von dem Tod eines US-Journalisten in der Ukraine erfuhr. "Das ist schockierend und entsetzlich", rang der hochrangige Mitarbeiter von Präsident Joe Biden um Worte: "Das ist Teil einer unverfrorenen Aggression der Russen, die Zivilisten, Krankenhäuser, Orte des Gebetes und Journalisten gezielt angreifen."

Nach ukrainischen Angaben handelt es sich bei dem Opfer um Brent Renaud, einen preisgekrönten Dokumentarfilmer, der unter anderem für die Sender HBO, NBC und PBS arbeitete. Gemeinsam mit einem Kollegen, der verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde, soll der 50-Jährige im Kiewer Vorort Irpin an einem Kontrollpunkt unter Beschuss von russischen Soldaten geraten sein. Als Beleg postete der Polizeichef von Kiew Fotos der Leiche, des amerikanischen Passes und des Presseausweises von Renaud auf Facebook.

Der aus Little Rock im Bundesstaat Arkansas stammende Renaud ist der erste US-Journalist, der im Ukraine-Krieg getötet wurde. Mindestens drei Korrespondenten von internationalen Medien sind nach Angaben der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Committee to Protect Journalists seit Ende Februar verletzt worden. Renaud arbeitete gewöhnlich zusammen mit seinem Bruder Craig. Ob es sich bei ihm um den Verletzten handelt, war zunächst unklar.

Filmprojekt über Flüchtlinge

Die Journalistin Jane Ferguson, die für den nichtkommerziellen Sender PBS aus der Ukraine berichtet, twitterte, sie habe am Straßenrand Renauds Leiche unter einer Decke gesehen. Ukrainische Sanitäter hätten ihm nicht mehr helfen können. Laut ihrem PBS-Kollegen Simon Ostrowsky, der Renaud als "außergewöhnlichen Filmemacher" würdigte, arbeitete der Journalist an einem Filmprojekt über Flüchtlinge rund um den Globus. Mit Dokumentationen unter anderem über die mexikanischen Drogenkartelle, einen jungen US-Soldaten im Irakkrieg und die Erdbebenkatastrophe in Haiti hatte sich Renaud, der bis 2015 auch für die "New York Times" gearbeitet hatte, einen Namen gemacht.

In den USA wird die Todesnachricht auch deshalb schockiert aufgenommen, weil eine enorme Zahl von Korrespondenten für US-Medien aus der Ukraine berichten. Allein die "Washington Post" hat neun Journalistinnen und Journalisten vor Ort, bei der "New York Times" dürfte es mehr als ein Dutzend sein. Bei CNN sendet Starmoderator Anderson Cooper abends live aus Lwiw. Die durch ihre unerschrockene Afghanistan-Berichterstattung bekannt gewordene Korrespondentin Clarissa Ward ist täglich im Land unterwegs. Mit Fahrerinnen und Übersetzern beschäftigt allein CNN nach eigenen Angaben derzeit 75 Frauen und Männer in der Ukraine.

Die PBS-Reporterin Ferguson beobachtete am Sonntag an der Unglücksstelle in Irpin einen aufgebrachten ukrainischen Polizisten. "Sag Amerika, sag der Welt, was sie mit einem Journalisten gemacht haben!", rief er ihr zu. (Karl Doemens aus Washington, 13.3.2022)