Hurra, ein Fernseher versüßt das Tiroler Alltagsleben: v. li. Daniel Jesch, Sarah Viktoria Frick, Markus Hering und Elisa Plüss.

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Auf uns Flachländer wirken die Tiroler Alpen vielfach schroff und unnahbar. Niemand würde hinter ihrem abweisenden Äußeren pulsierende Adern vermuten, am wenigsten aber ein sehnsüchtiges, weidwundes Herz. Genau ein solches zeigt jetzt eine Theaterfigur, die auf den grammatikalisch irreführenden Namen "Die Berg" hört. "Die Berg" ist die heimliche Hauptheldin des Stückes "Adern": Letzteres ein wunderbar doppeldeutiges Werk aus der Feder der Retzhofer-Dramapreis-Gewinnerin Lisa Wentz. Wahrscheinlich ist es müßig hinzuzufügen: Natürlich handelt es sich bei Wentz, 26 Jahre alt, um eine waschechte Tirolerin.

Verkörpert wird "Die Berg" von einer jungen Frau aus Fleisch und Blut (Schauspielerin Elisa Plüss). Diese geologisch hochwertige Erscheinung beklagt auf nachtschwarz finsterer Akademietheater-Bühne ihre Not (Ausstattung: Patrick Bannwart): Sie gleiche einem Durchmarschgebiet. Ungeheure Kräfte würden in ihrem Inneren entfesselt. Und weil sich Tiroler Knappen wie der Witwer Rudolf (Markus Hering) mit aller Gewalt an ihren Kupfervorkommen zu schaffen machen, knüpft sich an diese Einleitung eine ganze Kette ohrenbetäubender Explosionen.

Sprödigkeitsgrade

Fortan herrschen noch andere Sprödigkeitsgrade in David Böschs Wiener Uraufführungsinszenierung. Kreideschrift in Fraktur legt den Schauplatz mit "Brixlegg" in Tirol fest.

Man schreibt das Jahr 1953; eine junge, hellwache Frau (Sarah Viktoria Frick) mit unehelicher Tochter ist – auf eine "Annonce" hin – dem schüchternen Bergmann Rudolf entgegengereist. Der hat keine Frau mehr, gebietet aber seinerseits über eine vielköpfige Kinderschar. Man beäugt einander misstrauisch, findet über die Zwischenstufe der Pragmatik hin zu einer gleichsam "unverrückbaren" Form von Zweisamkeit. Und weil Autorin Wentz diese Verschmelzung zweier Seelen völlig ruhig anbahnt – gleichsam mit dem "Stille!"-Zeichen Ödön von Horváths als einzigem Wegweiser –, ist die Wirkung von umso durchschlagenderer Kraft.

Wie nun "Rudolf" seine "Aloisia" minnt – vorsichtig nämlich, indem seine Zurückhaltung sich als besonders ausgepichte Form der Behutsamkeit erweist –, gehört zu den absolut verzaubernden Theaterepisoden dieser Tage. Ein linkischer Blick, ein wiederholtes Puffen mit dem Ellenbogen: Alles das ersetzt hier mindestens das Kamasutra. Die Chronik des Stückes aber folgt mit Fortdauer der Nachkriegszeit einer Dramaturgie der Zergliederung. Bergleute wie Rudolf und sein unmäßig zechender Kollege Danzel (ein sanfter Wüstling: Daniel Jesch) haben unmissverständlich Schuld auf sich geladen. Französische Zwangsarbeiter wurden offenbar vor Kriegsende in die Luft gesprengt. Geheimnisse bleiben wirksam, ohne jemals benannt zu werden. Hering agiert in "schwachen" Momenten nicht von ungefähr luftschnappend, wie ein im Stollen Ertrinkender.

Dröhnendes Schweigen

Eine Stimmung säuerlicher Verdrängung herrscht in dem bescheidenen Häuschen mit der offenen Front. Es ist Frick, die mit einer Schale Morgenkaffee in der Hand das unvermeidliche Kruzifix grüßt – wie einen hoffnungslos unpraktischen Gegenstand. Ein umso unentbehrlicherer ist das Radio oder der bloß sporadisch funktionierende Fernseher. Österreichs Ankunft in der Moderne ist eben doch mit dröhnendem Schweigen erkauft.

Als Technikerin der Wohlstandsvermehrung feiert Frick einen herrlichen Triumph. Immerzu abwehrbereit, blockt sie Mahnungen und Übergriffe wie die ihrer bürgerlich-betulichen Schwester Hertha (Andrea Wenzl) heldinnenhaft ab. Man könnte, mit Blick auf Böschs karge Instrumentierung von Lust und Tod auch sagen: Endlich ein Stück, das nicht mit Sentenzen klappert und über seine Figuren zu Gericht sitzt, sondern ihnen, etwa mit Armeslänge Abstand, stumm bei der Arbeit des Lebens zusieht.

Geduldige Theaterarbeit kann eben doch noch Berge versetzen, sogar die überhohen in Tirol. Der Regisseur musste dem verdienten Jubel fernbleiben. Er ließ der Autorin immerhin Blumen überreichen. (Ronald Pohl, 14.3.2022)