Der Wiener Prater bietet viel Platz für körperliche Betätigung – nicht immer ist die aber auch legal, wie sich bei einem Prozess gegen vier junge Männer zeigt.

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Wien – Betrunkene junge Männer zählen eindeutig zu den aggressiveren Vertretern unserer Spezies, wie man auch beim Prozess von Richterin Daniela Zwangsleitner gegen vier Angeklagte im Alter von 21 bis 26 Jahren sehen kann. Wobei: So klar ist das zu Beginn nicht, denn eigentlich wollen drei von ihnen Opfer sein, nur der Älteste bekennt sich teilweise schuldig. Es geht um eine Auseinandersetzung an einem lichten Julimorgen vor einem populären Lokal im Prater, die meisten Beteiligten waren dabei weniger "liacht", was zumindest in Oberösterreich ein anderes Wort für "nüchtern" ist.

Die Richterin beginnt die Befragung der Angeklagten mit der Nummer vier, dem jüngsten des Quartetts, der als Einziger eine Vorstrafe hat. Er ist gleichzeitig auch jener mit den schwersten Verletzungen: Sein Kiefer wurde gebrochen, und ein Schneidezahn wurde ihm zertrümmert, ein Monat konnte er nur flüssige Nahrung zu sich nehmen, über drei Monate war er im Krankenstand.

Ex-Freundin angeblich "angetanzt"

Er erzählt die Geschichte so: In dem Club sei er von dem beim Prozess Corona-bedingt abwesenden Erstangeklagten drei- oder viermal "dumm angegangen" worden. "Er hat immer gesagt, dass ich seine Ex-Freundin angetanzt habe", behauptet der 21-Jährige. Es sei ihm zu blöd geworden, er habe das Lokal verlassen, "da habe ich schon drei, vier, fünf Leute im Nacken gespürt", berichtet er von extrasensorischer Wahrnehmung.

Unmittelbar vor dem Club sei es dann schon zur Auseinandersetzung gekommen – mehrere Gegner hätten ihn umringt, es habe Beschimpfungen, Schubsereien und schließlich Schläge gegeben. "Haben Sie auch zugeschlagen?", will Zwangsleitner wissen. "Ja, sicher, ich habe mich gewehrt", entgegnet der Viertangeklagte exaltiert. Dann sei der Fünftangeklagte aus dem Club gelaufen. "Ich dachte, er will schlichten, dann zuckte er aber komplett aus", behauptet der Viertangeklagte.

"Ich habe nur BAM gehört"

Nummer fünf habe ihn zu Boden geschlagen, drei oder vier Männer hätten auf ihn eingeschlagen und getreten, sagt er, dabei sei auch das Kiefer gebrochen. Als die Angreifer von ihm abließen, habe er versucht zu flüchten, habe bemerkt, dass ihm jemand folgt, und habe zu Verteidigungszwecken seinen Gürtel aus den Schlaufen gefädelt. Nach zehn, 15 Metern sei er außer Atem stehengeblieben. Als er sich umdrehte, stand der Drittangeklagte ebenso mit einem Gürtel in der Hand da. "Ich habe nur BAM gehört und im Schock zurückgeschlagen", begründet der Vierte.

Nummer drei habe aber zwei Platzwunden im Gesichtsbereich, wundert sich die Richterin. "Ich war betrunken", entschuldigt sich der Viertangeklagte. Auch bei der Frage, warum seine Flucht bereits nach zehn Metern wieder endete, spielt das eine Rolle. "Ich bin Raucher, ich war betrunken, nach zehn Metern glaube ich, dass meine Lunge platzt", begründet er.

"Selektive Erinnerung" bei Betrunkenen

Ob er bereits zu Beginn einmal geschrien habe: "Wer glaubst du, dass du bist? Ich werde dich ficken! Ich stech dich ab, ich komm aus dem Fünften!", interessiert Zwangsleitner ebenfalls. Auch das wisse er alkoholbedingt nicht mehr, bedauert der Viertangeklagte. "Die selektive Erinnerung ist interessant in diesen Fällen. Alle wissen immer ganz genau, was die anderen gemacht haben, aber über sich selbst kann man nie was sagen", stellt die erfahrene Jugendrichterin dazu fest.

Nicht uninteressant ist bei diesem Verfahren, dass alle vier Angeklagten gebürtige Österreicher sind, sich selbst teils als "Türken" oder "Schwarze" sehen, aber Äußerungen in Richtung ihres Aussehens als rassistische Beschimpfungen auffassen. Das habe zur aufgeheizten Stimmung beigetragen, darin sind sich alle einig.

Der Drittangeklagte, der Gürtel-Kontrahent, sagt, er sei erst später dazugekommen. Als der Vierte wegwollte, sei er ihm nachgegangen, um ihn wegen der Unflätigkeiten zur Rede zu stellen. Dann habe der Gegner ihm mit dem Gürtel geschlagen, dessen Freund, der Zweitangeklagte, habe ihn von hinten attackiert und zu Boden gebracht. Er selbst habe seinen Gürtel erst als Selbstverteidigungswaffe vorbereitet, als die Polizei schon da gewesen sei. Dem widersprechen andere Zeugen, die davon berichten, die beiden seien sich gürtelschwingend gegenübergestanden – sobald Zwangsleitner den Drittangeklagten mit diesen Widersprüchen konfrontiert, fühlt er sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Freispruch, Diversion und Vertagung

Für den Drittangeklagten spielt das aber im Endeffekt keine Rolle mehr – Zwangsleitner spricht ihn vom Vorwurf, den Kieferbruch durch einen Schlag mit dem Modeaccessoire versucht zu haben, nicht rechtskräftig frei, da inklusive des Viertangeklagten selbst alle bestätigen, dass das Opfer schon davor verletzt gewesen sei. Der Zweitangeklagte, der zugibt, Nummer drei bei dem Gürtel-Duell mit seinem Freund zu Boden gebracht zu haben, wird nicht verurteilt, sondern muss binnen eines halben Jahres 60 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

Da sie ohne Aussage des erkrankten Erstangeklagten, einer ebenso Covid-positiven Zeugin sowie weiterer Handyvideos über die anderen beiden Angeklagten kein Urteil fällen kann, vertagt die Richterin auf den 2. Mai. (Michael Möseneder, 15.3.2022)