Eine Fischtreppe an der Donau ermöglicht den Tieren, bauliche Barrieren bei ihren Wanderungen zu umgehen.

Foto: Imago / Chromorange / Zoltan Okolicsanyi

Die Donau ist mit ihren 2800 Kilometern Länge nicht nur der zweitlängste Fluss Europas, sondern auch einer der ältesten Handelswege. Das war schon zur Römerzeit so und hat sich bis heute nicht geändert: Mehr als acht Millionen Tonnen Güter passieren jährlich den 350 Kilometer langen österreichischen Abschnitt. Gleichzeitig produzieren zehn Laufkraftwerke Strom. Dazu bietet der Fluss Raum für Erholung, Sport und Tourismus. All diese Vorteile für uns Menschen werden unter dem Begriff "Ökosystemleistungen" zusammengefasst.

Damit Ökosysteme diese Leistungen jedoch erbringen können, brauchen sie ein intaktes Gefüge von unterschiedlichsten Organismen. Nur wenn auch deren Bedürfnisse berücksichtigt werden, kann ein Lebensraum auf die Dauer "funktionieren". Nun ist die Donau seit Jahrzehnten massiven Eingriffen durch den Menschen ausgesetzt: Besonders die zahlreichen Regulierungen und die Aufstauung zur Energiegewinnung haben die natürliche Dynamik massiv verändert und damit auch die Lebensbedingungen der pflanzlichen und tierischen Bewohner. Auch deren Ansprüche zu berücksichtigen ist kein leichtes Unterfangen bei dem wirtschaftlichen Druck, der auf Österreichs größter Wasserstraße lastet.

Dynamik in Flüssen

Um beides unter einen Hut zu bekommen, haben die Unternehmen Viadonau, Verbund und Bundesforste gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur Wien kürzlich ein Christian-Doppler-Labor (CD-Labor) eröffnet, das unter dem Titel "Meta-Ecosystems Dynamics in Riverine Landscapes" (MERI) läuft. CD-Labore sind Kooperationen zwischen Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft. Sie dauern sieben Jahre und werden je zur Hälfte von der öffentlichen Hand und den Unternehmen finanziert.

Die Basis des neuen Labors bilden die im Titel angesprochenen Meta-Ökosysteme. Dabei wird die klassische Betrachtung von Lebensräumen erweitert, um auch ihre räumlichen Verbindungen und alle Einflüsse, denen sie ausgesetzt sind, zu berücksichtigen: "Wenn ich etwa eine Schotterbank als Laichplatz für eine Fischpopulation anlege, muss ich sicherstellen, dass die Fische sie auch wirklich zur richtigen Zeit erreichen können", sagt Laborleiter Thomas Hein vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement der Boku. Denn gerade bei Wassertieren können die Räume für verschiedene Lebensabschnitte oft weit auseinander liegen.

Aus diesem Grund werden die Forschenden die Entwicklung der Donau in den vergangenen 200 Jahre in Beziehung zu den Fischbeständen setzen. Die Idee ist, zu untersuchen, wie sich Regulierungen und Aufstauungen auf die Lebenswelt der Donau ausgewirkt haben.

Das besondere Augenmerk der Wissenschafterinnen und Wissenschafter wird dabei auf den Arten Nase, Barbe und Huchen liegen, die trotz diverser Schutzbemühungen der vergangenen Jahre stark rückläufig bis gefährdet sind.

Versperrte Wege

Um herauszufinden, welche Maßnahmen den Bestand dieser Fischarten am besten erhöhen könnten, werden die Forschenden das Leben der Tiere genau unter die Lupe nehmen. Das reicht von Nahrungsanalysen bis zu den Wanderungen. So ziehen Nasen und Barben zum Laichen in die Nebenflüsse der Donau; der Weg dorthin ist ihnen aber häufig durch Kraftwerksbauten versperrt.

Daran lässt sich zwar im Großen und Ganzen nichts ändern, wohl aber können in Zukunft einzelne Maßnahmen an neuralgischen Punkten gesetzt werden. Die Fische brauchen eine durchgehende Fließstrecke und Zubringer, in die sie wandern können, sagt Hein. Im Zuge des Projekts soll geklärt werden, wie lange diese Fließstrecken sowohl in der Donau als auch in ihren Nebenflüssen sein müssen, damit sie positive Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben.

Verfolgung von Fischen

Für die Verfolgung der Fischwanderungen werden den Tieren seit Jahren Transponder eingesetzt, deren Signale regelmäßig aufgefangen und dokumentiert werden. Die Zahl der besenderten Fische soll nun deutlich erhöht werden. Zusätzlich sollen molekularbiologische Methoden und Isotopen-Analysen zur Verfolgung der Nahrungsnetze zum Einsatz kommen.

Prinzipiell wollen alle Beteiligten die Biodiversität der Donau verbessern. Die dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen sowohl an Raum als auch an Geld sind jedoch begrenzt. Das neue CD-Labor lotet aus, wie diese Ressourcen am zielführendsten zu verteilen sind. (Susanne Strnadl, 20.3.2022)