Forschende statteten 15 Gazellen mit Sendern aus – einer hielt bemerkenswerte fünf Jahre lang.
Foto: Ariunbaatar

So schnell wie Phileas Fogg war die Mongolische Gazelle zwar nicht, doch dieser reiste bekanntlich auch nicht zu Fuß in 80 Tagen um die Welt. In einem Zeitraum von fünf Jahren legte das Tier mehr als 18.000 Kilometer zurück – damit hätte sie entfernungsmäßig den halben Erdball umrunden können. Dies stellte ein Forschungsteam fest, das mehrere Gazellen mit GPS-Sendern ausstattete und ihre Reiserouten verfolgte.

"Einer dieser Sender hat mit fünf Jahren ungewöhnlich lange gehalten", berichtete Thomas Müller vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt am Mittwoch. "So konnten wir die Wanderungen der Gazelle über einen großen Teil ihres Lebens verfolgen." Ein in Gefangenschaft gehaltenes Tier dieser Spezies, die mit wissenschaftlichem Namen Procapra gutturosa heißt, erreichte eine Lebensdauer von zwölf Jahren. Insgesamt hatte das Forschungsteam 15 Gazellen mit Sendern versehen.

Reise in unbekannte Regionen

Da sich Mongolische Gazellen meist in Gruppen zusammenschließen, gehen die Forschenden davon aus, dass es sich bei der beeindruckenden Strecke nicht um einen Einzelfall handelt. Im Sommer sind die Herden mit 20 bis 30 Individuen meist kleiner, im Winter können sich auch etwa hundert Tiere zusammentun. Über den Weg der weiblichen Gazelle berichten die Forschenden des Senckenckenberg-Instituts und der Wildlife Conservation Society im Fachjournal "Ecology".

Der Weg der Gazelle lese sich "wie ein abenteuerlicher Reisebericht", hieß es von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Das Tier durchquerte die östliche Mongolei mehrfach von Norden nach Süden, lief über schneebedeckte Hügel und durch tosende Flüsse. Die Route sei nicht nur aufgrund der großen Distanz außergewöhnlich, erklärte Erstautorin Nandintsetseg Dejid, "sondern auch, weil sich die Gazelle häufig über Hunderte von Kilometern in unbekannte Regionen wagte".

Kalben im Schutzgebiet

Im ersten Jahr hielt sich das Tier überwiegend in dem Gebiet auf, in dem die Forschenden ihm im Oktober 2014 das Halsband mit dem Sender umgelegt hatten. Im November 2015 trat die Gazelle dann – zunächst ohne ersichtlichen Grund – ihre Reise nach Norden an. Sie überquerte zwei große zugefrorene Flüsse, bis sie nach etwa 900 Kilometern ein schneefreies Gebiet nahe der russischen Grenze erreichte.

Von schneebedeckten Hügeln bis in tosende Flüsse zog es die Gazelle, deren Reiseroute mitverfolgt wurde. Weder im Winter noch im Sommer suchte sie immer wieder dieselben Regionen auf, sondern reiste oft in unbekannte Gegenden.
Foto: Senckenberg / Nandintsetseg Dejid

Im darauffolgenden Frühjahr ging es wieder zurück Richtung Süden, wo ihr die Überquerung zweier nun wasserführender Flüsse einige Schwierigkeiten bereitete. Dabei verfolgte das Tier weder die ursprüngliche Route zurück, noch pausierte es auf dem Breitengrad, von dem es kam. Stattdessen legte die Gazelle zum Kalben im Sommer eine kurze Pause in einem Schutzgebiet ein.

Halsband in Hirtenjurte

Anschließend setzte die Gazelle ihre Reise nach Süden fort, bis sie schließlich im Dezember 2016 die Grenze zu China erreichte. Anstatt in das vorherige Winterquartier zurückzukehren, überwinterte das Weibchen im Süden – 440 Kilometer Luftlinie vom Winterquartier des Vorjahres entfernt. Im Frühling 2017 zog sie wieder nach Norden, im Frühjahr 2018 wieder nach Süden. Im Herbst 2018 wagte sie sich erneut in unbekanntes Terrain: Diesmal zog sie 90 Kilometer entlang des Grenzzauns zu China und machte eine mehr als 400 Kilometer lange Schleife im südlichen Teil der Steppe.

Die Reiseroute der Gazelle innerhalb von fünf Jahren. Immer wieder stieß das Tier auf von Menschen errichtete Barrieren, die Grenzen zu anderen Staaten, Ölfeldern und anderen Abbaustätten markieren.
Grafik: Dejid et al. 2022, Ecology

Anfang 2019 kehrte sie in das Überwinterungsgebiet zurück, wo sie ein Jahr lang "relativ sesshaft" wurde, bis das GPS-Gerät im August 2019 ihren Tod übermittelte. "Das Halsband der Gazelle wurde in der Jurte eines Hirten gefunden, der berichtete, dass die Gazelle offenbar an einem Madenbefall an ihrer Hüfte gestorben war", heißt es von Seiten der Senckenberg-Gesellschaft.

Die Studie zur Reise der Gazelle verdeutliche, wie wichtig es für nomadisierende Huftiere ist, durchlässige Landschaften zu erhalten, bilanzieren die Forschenden. Das ermögliche den Tieren, Nahrung zu finden und lokalen Extremereignissen zu entgehen. Müller ist der Ansicht, "dass es keine unüberwindbaren Barrieren geben sollte, welche die nördlichen und südlichen Regionen der östlichen Steppe voneinander trennen". (APA, red, 16.3.2022)