Eine DAO ermöglicht – ähnlich wie gewöhnliche Gesellschaftsformen – ein organisiertes Zusammenwirken von Personen im Rahmen eines vorab festgelegten Handlungssystems.

Illustration: Davor Markovic

Was wie eine koreanische Automarke klingt, ist einer der spannenden neuen Trends in der Blockchain-Community: DAO, die Decentralized Autonomous Organization. Damit ist eine dezentralisierte, autonom agierende Organisation gemeint, die auf vielen miteinander interagierenden Smart Contracts basiert.

Sie ermöglicht – ähnlich wie gewöhnliche Gesellschaftsformen – ein organisiertes Zusammenwirken von Personen im Rahmen eines vorab festgelegten Handlungssystems. Durch Kapitalgeber werden ihr finanzielle Mittel zugeführt, die durch vorab definierte Regelungen – also Smart Contracts – verwaltet werden.

Jüngst kursierte beispielsweise die Constitution DAO in den Medien, die vergangenen November nahezu 47 Millionen Dollar an Kapital eingesammelt hatte, um eine seltene Kopie der US-Verfassung bei einer Sotheby’s-Auktion zu erwerben. Die Assange-DAO generierte fast 56 Millionen Dollar, um die Befreiung des Wikileaks-Gründers Julian Assange zu unterstützen.

Blockchain und Smart Contracts

Die Infrastruktur einer DAO gründet im Wesentlichen auf einer Fülle miteinander verknüpfter Smart Contracts, die auf der Blockchain abgelegt werden. Die Blockchain ist vereinfacht gesagt eine dezentralisierte Datenbank: Kopien aller Daten werden auf dem Rechner jedes einzelnen Teilnehmers gespeichert und sind jederzeit einsehbar. Alle Transaktionen können aufgrund einer digitalen Signatur auf einen bestimmten digitalen Schlüssel zurückgeführt werden. Einmal gespeicherte Daten können nicht mehr gelöscht werden.

Smart Contracts ermöglichen die automatische Ausführung vordefinierter – als Wenn-dann-Bedingungen festgelegter – Programmabläufe. Sobald eine vorab bestimmte, digital überprüfbare Bedingung eintritt, wird ein bestimmter Vorgang – wie beispielsweise die Erfüllung eines Vertrages – ausgeführt. Durch die Ablage der Smart Contracts auf der Blockchain ist sichergestellt, dass die automatisierten Regeln nahezu unveränderbar und öffentlich einsehbar sind.

The DAO

Eines der prominentesten DAO-Projekte war die vom deutschen IT-Unternehmer Christoph Jentzsch ins Leben gerufene The DAO. Kritisiert wurden dabei die üblichen Organisationsformen von Unternehmen, weil diese für deren Handlungsfähigkeit überwiegend des Dazwischentretens eines Menschen bedürfen, da sie sich ihrerseits oft nicht an gesetzliche oder vertragliche Regelungen halten würden.

Finanzielles Fehlmanagement der Verantwortlichen führe oftmals zu einem schwerwiegenden finanziellen Verlust bei Anlegern; eine allfällige straf- oder zivilrechtliche Sanktionierung der Verantwortlichen wäre ein schwacher Trost für jene Anleger, die ihr Geld verloren hatten.

The DAO machte daher Gesellschaftsorgane überflüssig und erforderte darüber hinaus auch keine Vertrauensbasis zwischen den Teilnehmern mehr. Teilnehmer konnten außerdem in Echtzeit direkt auf die Verwendung des eingebrachten Vermögens Einfluss nehmen.

Gründung und Funktionsweise

Der "Gründungsprozess" wird durch die Ablage eines Programmcodes auf der Blockchain gestartet. Dieser legt – ähnlich wie ein Gesellschaftsvertrag – Eckpunkte zur grundlegenden Organisation, wie Teilnehmerrechte, sowie Preis und Anzahl der Anteile an der DAO fest. Außerdem werden eine Mindesthöhe an aufzubringendem Gründungskapital ("creation goal") und ein Zeitraum, in dem dieses Ziel erreicht werden muss ("creation phase"), definiert. Wird das "creation goal" nicht innerhalb der "creation phase" erreicht, entsteht die DAO nicht, und diejenigen Kapitalgeber, die bereits Geld überwiesen haben, erhalten ihr Geld zurück.

Danach beginnt die Kapitalaufnahme. Investoren können Anteile in Form von Token im Rahmen eines Initial Coin Offering bzw. Initial Token Offering durch Übersendung eines Kaufpreises – in der Regel in Form einer Kryptowährung wie Ether – an eine digitale Adresse erwerben. Diese Anteile (Equity-Token) vermitteln Eigentümer- und Stimmrechte und sind frei übertragbar.

Die DAO verwaltet im Wesentlichen die finanziellen Mittel, die – entsprechend den vorher definierten Regeln – verwendet werden. Die Token-Inhaber können Investitionsvorschläge ("proposals") unterbreiten und so direkt an den Entscheidungen über die Kapitalverwendung mitwirken, wobei jedem Token-Inhaber ein Vorschlagsrecht zukommt. Über Vorschläge wird innerhalb der Gemeinschaft entschieden; die Mehrheitserfordernisse werden vorab festgelegt und können von DAO zu DAO unterschiedlich sein. Wird ein Vorschlag angenommen, wird dieser wiederum mithilfe von Smart Contracts durchgeführt.

Rechtliche Einordnung

In der juristischen Literatur hat man sich tunlichst um eine rechtliche Einordnung dieses neuen Phänomens bemüht. Es gibt mehr Fragen als Antworten, weil ein gesetzlicher Regelungsrahmen fehlt. Ist das neuartige Gebilde eine eigene Gesellschaftsform? Denkbar wäre, die DAO unter dem Auffangtatbestand der Gesellschaft bürgerlichen Rechts zu subsumieren, sodass ihr keine Rechtsfähigkeit zukommt. Dies birgt jedoch die Gefahr der unbeschränkten Haftung der "Gesellschafter" gegenüber Gläubigern.

Daneben ist überhaupt ungeklärt, welches nationale Recht auf die DAO anwendbar ist, da ihr "Sitz" auf der Blockchain – und daher dezentralisiert – ist. Weder die Gründungs- noch die Sitztheorie führt in vielen Konstellationen zu einem Ergebnis. In der (deutschen) Literatur wird ein Rückgriff auf die "lex fori", also das Recht des angerufenen Gerichts, vorgeschlagen, was jedoch zu willkürlichen Ergebnissen führen dürfte. Daneben stellt sich das Problem, dass eine DAO mangels Rechtsfähigkeit nicht parteifähig ist und daher weder selbst klagen noch geklagt werden kann. Lediglich die Token-Inhaber selbst könnten belangt werden, jedoch werden diese oftmals nicht auffindbar sein.

Wyoming als Trendsetter

Will Europa im globalen Wettbewerb Boden gutmachen, ganz abgesehen von Gläubiger- und Verbraucherschutzüberlegungen, muss der europäische Gesetzgeber einen eigenen Regelungsrahmen für DAOs schaffen. Außerdem könnte es der DAO dadurch ermöglicht werden, abseits der Blockchain rechtsgeschäftlich tätig zu werden.

Bis dato bedarf es für das Tätigwerden in der analogen Welt noch eines Vermittlers beziehungsweise Treuhänders. Eine Vorreiterrolle hat übrigens der US-Bundesstaat Wyoming eingenommen, der erst kürzlich ein Gesetz erlassen hat, das die Gründung und Verwaltung von DAOs reglementiert. (Marcus Lusar, Thomas Trettnak, 18.3.2022)