Die Hauptstadt Kiew hat angesichts des russischen Beschusses im medizinischen Bereich eine besondere Herausforderung zu meistern.

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"Europa hat die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs schnell vergessen", sagt Wiktor Jazyk.

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In der Ukraine werden ganze Städte belagert oder beschossen – vor allem die Versorgung mit medizinischen Gütern wird prekär. Die Verwaltung der Hauptstadt Kiew hat vor allem im medizinischen Bereich eine besondere Herausforderung zu meistern.

STANDARD: Wie kommt Kiews medizinische Infrastruktur mit der aktuellen Situation zurecht?

Jazyk: Wir befinden uns seit acht Jahren im hybriden Kriegszustand mit Russland, sodass wir immer bereit waren. Als Russland 2021 begann, Truppen an der Grenze zu konzentrieren, hat sich der medizinische Sektor auf einen offenen Krieg vorbereitet. Die Stadt verfügt über etliche militärische und zivile Krankenhäuser. Zugleich arbeitet ein Netz von Freiwilligenorganisationen zusammen, die Medikamente, Lebensmittel, Kleidung und alles Notwendige in die Stadt bringen. Sie wird mit Wärme, Wasser, Internet, Kommunikation, Lebensmitteln und Medikamenten versorgt.

STANDARD: Gibt es denn Regionen, die für ukrainisches medizinisches Personal unzugänglich sind oder in denen die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist?

Jazyk: Solche Einrichtungen liegen im Norden der Oblaste Charkiw und Sumy; außerdem in Mariupol im Süden und in den kleinen Städten um Kiew. Dort haben die Menschen am meisten gelitten.

STANDARD: Sind medizinisches Personal und Krankenhäuser direkte Ziele der Angriffe?

Jazyk: Ja. 104 Krankenhäuser wurden bisher beschädigt, sieben komplett zerstört. Die Angriffe der russischen Armee richten sich in erster Linie gegen zivile Infrastruktur, einschließlich der Krankenhäuser.

STANDARD: Wie sieht es mit Hilfe aus dem Ausland aus, etwa solcher des Roten Kreuzes?

Jazyk: Die meisten internationalen Organisationen haben ihre Arbeit in der Ukraine bereits vor dem Krieg eingestellt. Das Rote Kreuz führt allgemeine humanitäre Programme durch, aber nur mit ukrainischem Personal, und ohne direkt auf den Schlachtfeldern tätig zu werden. Die humanitäre Hilfe aus Europa ist eher für die Bekämpfung von Epidemien als für eine Kriegssituation geeignet. Europa hat die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs schnell vergessen.

STANDARD: Welche Hilfe brauchen Sie?

Jazyk: Die Menschen haben Kampfverletzungen von Kugeln, Minen, Schrapnell. Derzeit versorgen wir unsere Bürger noch mit allem: Medikamenten, Verbrauchsmaterial, Lebensmitteln, Kleidung. Wir nutzen jede mögliche Hilfe des Staates, aber auch von Unternehmen, Freiwilligen und anderen Staaten.

STANDARD: Wie wirkt sich die Pandemie auf die aktuelle Situation aus?

Jazyk: In Kiew haben wir vor dem Krieg gute Ergebnisse bei der Durchimpfung erzielt, sogar mit Auffrischungsimpfungen. Und die Menschen werden in Kriegszeiten genauso krank wie in Friedenszeiten. Die Struktur der Pandemie hat sich durch die Abwanderung in westliche Regionen und ins Ausland etwas verändert. Mehr als zwei Millionen Menschen sind jedoch in Kiew geblieben. Die Krankenhäuser nehmen weiterhin Patienten mit allen möglichen Krankheiten auf. Wir werden gewinnen. Unsere Feinde sind bloß Plünderer. (Stefan Schocher, 17.3.2022)