Schon jetzt arbeiten Roboter in einigen Ländern als Kellner. Die Pandemie hat die Automatisierung noch beschleunigt.

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In den 1950er-Jahren soll es in einer Ford-Fabrik zur Begegnung zwischen Henry Ford II und dem Chef der Automobilgewerkschaft Walter Reuther gekommen sein. Der Firmenpatriarch zeigte auf die Maschinen in seinem neuen Werk und fragte spitz: "Walter, wie willst du diese Roboter dazu bringen, Mitgliedsbeiträge zu bezahlen?" Der Gewerkschaftsboss konterte kühl: "Henry, wie willst du sie dazu bekommen, deine Autos zu kaufen?"

Der Dialog macht auf einen ökonomischen Widerspruch aufmerksam: Arbeitgeber wollen billige Arbeitskräfte, aber auch zahlungskräftige Kunden. Beides zusammen geht nicht. Aktuell erleben wir das umgekehrte Problem. Immer weniger Beschäftigte müssen immer mehr Waren und Dienstleistungen für immer mehr Nachfrager produzieren. Handwerk, Logistik, Gastronomie – überall fehlt es an Personal.

In die Bresche springen Roboter. In Krankenhäusern reinigen Desinfektionsroboter Fußböden und Oberflächen. In Hotels bringen Robo-Butler Zahnbürsten und Handtücher aufs Zimmer. Und in immer mehr Restaurants servieren Roboterkellner Essen und Getränke.

Maschineller Wohlstand

Die Corona-Pandemie hat die Automatisierung nochmals beschleunigt. Roboter werden nicht müde, streiken nicht und fordern keine Lohnerhöhung. Schon bald werden erste Robotertaxis und autonome Trucks über die Straßen rollen. Die US-Handelskette Walmart liefert Waren bereits fahrerlos aus, Rewe hat 2021 einen kassenlosen Supermarkt eröffnet.

Geht es nach Aaron Bastani, dann ist die Automatisierung keine Bedrohung, sondern eine Chance. Der britische Journalist und Autor hat 2019 ein Manifest mit dem Titel "Fully Automated Luxury Communism" vorgelegt – zu Deutsch: vollautomatisierter Luxuskommunismus. Darin entwickelt er die Utopie einer Gesellschaft, in der Maschinen unseren Wohlstand erwirtschaften und der Mensch sich seinen Leidenschaften widmen kann.

Keine Revolution

Durch die Fortschritte der Technologie gäbe es in einer Postarbeitswelt keine Knappheiten mehr: Erneuerbare Energien, künstliches Fleisch, Informationen – alles ist im Überfluss vorhanden. Luxus kann sich jeder leisten. "Cartier für alle" lautet das Motto.

Bastani betont im Buch, dass er keine Revolution anzetteln oder eine Enteignung von Produktionsmitteln will. Stattdessen plädiert er für eine Gesellschaft, in der alle Menschen Zugang zu Bildung, Gesundheit oder Informationen haben. Demokratie und Freiheit hängen von materiellen Voraussetzungen ab.

Schon US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der über jeden Kommunismusverdacht erhaben ist, erkannte an: "Bedürftige Menschen sind keine freien Menschen." Wo der Kapitalismus (Lohn-)Abhängigkeiten erzeugt, will der vollautomatisierte Luxuskommunismus Menschen vom Arbeitszwang befreien und ihnen ermöglichen, sich selbst zu verwirklichen. "Liberale Zwecke" seien "ohne kommunistische Mittel" nicht möglich, so Bastani.

Viertagewoche und Frugalisten

Schon der junge Karl Marx träumte davon, dass "die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden". Und der Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte für 2030 die 15-Stunden-Woche.

Die Entwicklung weist in diese Richtung. In Spanien und Neuseeland wird die Viertagewoche erprobt, in China rebelliert die Tangping-Bewegung – wörtlich: Flachliegen – gegen die Leistungsgesellschaft, und auch die Bewegung der Frugalisten, die bescheidene Leben führen, um für das Alter vorzusorgen und mit 40 in Rente zu gehen, entstand aus dem Geist heraus, sich so früh wie möglich aus der Arbeitswelt zu verabschieden.

Roboter fertigen Roboter

Eine Arbeitswelt von morgen könnte so aussehen: In vollautomatisierten Fabriken fertigen Roboter Roboter, die ihren Code selbst geschrieben haben und sich selbst reparieren. Drohnen liefern Pakete aus. Roboter bauen Häuser, deren Teile aus dem 3D-Drucker kommen.

Und Robotertaxis kutschieren Patienten aus dem Umland in die Facharztpraxis, in der der Chirurg die OP bereits am digitalen Zwilling simuliert hat. Während zu Hause der Mähroboter den Rasen trimmt und der virtuelle Assistent den Urlaub plant, verwirklicht man sich als Krimiautor oder Metaverse-Designer.

In Gemeinschaftsgärten werden Früchte kultiviert, Smart-Home-Daten in Datengenossenschaften geteilt, alle Computerprogramme sind Open Source. Auf der Terrasse wird ein tellergroßes Steak aus dem 3D-Drucker zersägt, das mit Kryptowährung eingekauft wurde, die solarbetriebene Rechner schürften.

Utopie oder Dystopie?

Natürlich kann man gegen den vollautomatisierten Luxuskommunismus eine Reihe ökonomischer Einwänden vorbringen. Zum Beispiel, dass viele Ressourcen endlich sind. Dass auch die Überflusswirtschaft auf einem Wachstumsmodell gründet. Dass mit Non-Fungible Tokens (NFTs) – digitalen Echtheits- und Eigentumszertifikaten – Daten, die unendlich reproduzierbar sind, verknappt werden könnten.

Selbst ein postkapitalistisches Modell wie Wikipedia ist auf Spenden angewiesen und kann sich den Marktmechanismen nicht gänzlich entziehen. Schlimmer noch: Mit den frei verfügbaren Texten wird unter anderem Amazons Sprachassistentin Alexa trainiert. Dass freiwillige Editorinnen und Editoren mit ihrer gemeinnützigen Arbeit dazu beitragen, dass Alexa ihre Nutzer noch ein Stück genauer aushorchen kann, wirkt wie eine Perversion des Kapitalismus.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Doch anders als die Weltverbesserer aus dem Silicon Valley behaupten, gibt es keinen Technikdeterminismus – die Zukunft ist gestaltbar. Google könnte schon morgen Volldaten seiner Suchmaschine veröffentlichen und der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Und was spräche dagegen, wenn Regierungen virtuelle Grundstückskäufe im Metaverse besteuern und damit ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren?

Man muss den vollautomatisierten Luxuskommunismus als Antithese zur Plattformökonomie lesen, derzufolge ein paar Tech-Konzerne mit ihren Maschinen die ihnen kostenlos überlassenen Daten zu Mehrwert raffinieren. Der Umstand, dass Daten nach herrschender juristischer Meinung nicht eigentumsfähig sind, macht aus Nutzern faktisch eine besitzlose Klasse. Es ist im Grunde wie im Feudalismus: Die Nutzerinnen bestellen mit ihrer Datenarbeit die Felder der Tech-Konzerne, ohne die Früchte zu ernten. Die digitale Allmende (oder was von ihr übrig geblieben ist) wird schamlos abgeweidet.

Bestes Beispiel sind die kleinen Bilderrätsel im Internet, auf denen man Fahrzeuge oder Ampeln erkennen muss, um zu beweisen, dass man kein Roboter ist. Damit werden Bilderkennungsalgorithmen der Google-Schwester Waymo trainiert, die Roboterfahrzeuge entwickelt. Der Mensch bildet also die Maschine aus, die ihn ersetzen wird. Was wohl Henry Ford dazu gesagt hätte? (Adrian Lobe, 21.3.2022)