Wlassow legte einige denkwürdige Auftritte hin.

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Wlassow (links) holt Silber im Schwergewicht bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio 1964.

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Es war um 1960, und es war in Wien. Da legte Juri Petrowitsch Wlassow zwei denkwürdige Auftritte hin. Den ersten, um genau zu sein, bei der WM 1961, bei der er nach den drei Bewerben mit 525 Kilogramm und einem gewaltigen Vorsprung auf den US-Amerikaner Ronald Zirk (475 Kilogramm) die Goldmedaille gewann. Und den zweiten, um genau zu sein, 1963, als er ebenfalls im Schwergewicht, der damals höchsten Gewichtsklasse, mit 190,5 Kilogramm im beidarmigen Drücken einen Weltrekord fixierte. Beim ersten der beiden Events in Wien war Wlassow in einer Pause von einem schmächtigen, 15-jährigen Burschen angesprochen worden. "Wir unterhielten uns, und er schien begeistert zu sein", hat sich der Russe später erinnert.

Der Bursche – erraten! – hieß Arnold Alois Schwarzenegger. 27 Jahre später sollte es zu einem Wiedersehen kommen. Auch davon hat Schwarzenegger in seiner aufsehenerregenden Videobotschaft an die russische Bevölkerung erzählt. 1988 weilte er in Moskau, um "Red Heat" zu drehen, abgesehen davon hatte er sich vorgenommen, seiner Frau Maria Shriver einen Pelzmantel zu kaufen – und Juri Petrowitsch Wlassow zu treffen. Schließlich habe ihn dieser zu seiner Bodybuilder-Karriere inspiriert, die ja die Basis war zu weiteren Karrieren in Film und Politik. Bei der Gelegenheit, berichtet Schwarzenegger, habe ihm Wlassow eine Kaffeetasse geschenkt, die er heute noch, also 34 Jahre danach, jeden Tag verwende.

Das Zusammentreffen schwieriger Umstände

Wlassows Vita, das lässt sich sagen, muss den Vergleich nicht scheuen. Sie geht weit über das Gewichtheben hinaus, in dem er 31 Weltrekorde erzielte. Der Mann hat 15 Romane geschrieben, ist in die Politik gegangen, war sogar Präsidentschaftskandidat. Doch der Reihe nach: Das Licht der Welt hat Juri Petrowitsch am 5. Dezember 1935 in Makejewka erblickt – auch das ist aus heutiger Sicht wohl bemerkenswert, liegt Makejewka (Makijiwka) doch auf ukrainischem Staatsgebiet, es ist die nach Donezk und Mariupol drittgrößte Stadt der Oblast Donezk. Juris Mutter war Bibliothekarin, sein Vater Geheimdienstoffizier und Diplomat. Während des Krieges, in dem die Mutter mit ihren zwei Söhnen nach Sibirien evakuiert wurde, war die Hungersnot so groß, dass dem achtjährigen Juri die Haare ausfielen. Auch diese Zeit hat er in seinem Buch "Das Zusammentreffen schwieriger Umstände" beschrieben.

An der Laufbahn im Sport haben ihn die Umstände nicht gehindert. 1946 trat er in die Suworow-Militärschule in Saratow ein, dort wurde er im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Boxen ausgebildet. Ab 1954 studierte er an der Moskauer Flugingenieurakademie, da begann er auch mit dem Gewichtheben, dem er zunächst – oder vielleicht auch fortwährend – freilich so zwiespältig gegenüberstand wie Niki Lauda phasenweise dem Im-Kreis-Fahren. In seinem Buch "Gerechtigkeit der Macht" hielt Wlassow fest: "Gewichtheben hat mich abgestoßen. Was ist faszinierend an dem monotonen Aufpumpen von Muskeln! Was für einen Geist muss man haben, um solche selbstgefälligen Übungen zu mögen?"

202 Kilogramm für die Ewigkeit

Mag sein, dass ihn dann doch der Ruhm fasziniert hat. Ab 1958 feierte er Erfolge auf der nationalen Ebene, die sich flott auf eine internationale ausdehnen sollte. 1959 wurde Wlassow zum ersten Mal Weltmeister, 1960 in Rom wurde er Olympiasieger. Dabei brachte er als erster Mensch mehr als 200 Kilogramm zur Hochstrecke, exakt 202 Kilogramm im Stoßen. Als er zurücktrat, standen je einmal Olympiagold und -silber sowie vier WM-Titel, sechs EM-Titel und einmal WM-Silber zu Buche.

In den 80ern wurde Wlassow Präsident des russischen Gewichtheberverbands. Auch in diesem Amt fiel er auf, als er kritisierte, Erfolg sei ohne Anabolika-Doping nicht mehr möglich, und der Preis für die Sportler sei zu hoch. Er selbst hatte zwar keine Dopingfolgen, aber eine deformierte Wirbelsäule davongetragen, er musste mehrmals operiert werden, ein Eingriff 1986 brachte ihn gar in Lebensgefahr. Wlassow schrieb Romane, Novellen und Erzählungen. Und er ging in die Politik, war von 1989 bis 1991 Volksdeputierter der UdSSR und von 1993 bis 1995 Duma-Abgeordneter. Der Reformpolitik Boris Jelzins stand er kritisch gegenüber, immer öfter und in unschöner Regelmäßigkeit fiel er mit antisemitischen Äußerungen auf. 1996 trat er selbst als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen an, er konnte allerdings nur 0,2 Prozent der Wählerstimmen gewinnen und führte dies auf "bestimmte Umstände" zurück, die ihm keine Chance gelassen hätten.

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 13. Februar 2021, ist Juri Petrowitsch Wlassow 86-jährig verstorben. "Ich hatte das Glück, ihn zu kennen. Er war einer der stärksten Männer der Welt. Aber er war überzeugt, dass körperliche Stärke nichts ist im Vergleich zur Stärke des Geistes", hielt Arnold Schwarzenegger fest. (Fritz Neumann, Andreas Hagenauer, 18.3.2022)