Sergej Loznitsa zeigt in "Maidan", wie sich ein ganzes Land auf einen zentralen Platz hin organisiert.
Foto: Filmgarten

"Maidan" (2014) von Sergej Loznitsa

Sergej Loznitsa ist vielleicht der größte Dokumentarist der postsowjetischen Epoche. Sein Dokumentarfilm über den Maidan entstand sehr spontan, wirkt aber gar nicht so, sondern eher wie ein kontemplativer Gegenentwurf zu späteren Zusammenfassungen wie Winter on Fire (siehe Film unten, Anm.).

Maidan entstand aus unmittelbarer Teilnahme heraus, Loznitsa und sein Kameramann Serhiy Stetsenko ließen sich aber nicht in den Strudel der Ereignisse ziehen, sondern wählten ruhige Einstellungen. Im Mittelpunkt ihres Films steht tatsächlich das Volk, das Kollektiv, die Masse, die Gemeinschaft. Man sieht, wie sich da etwas bis in feine Verästelungen organisiert, wie sich ein ganzes Land auf einen zentralen Platz hin organisiert. Die Lebensmittelversorgung wird zu einem großen Hand-in-Hand.

Loznitsa hört auch geduldiger zu als Winter on Fire: Die Bühne auf dem Maidan wird bei ihm zur Szene einer verfassunggebenden Debatte. Von den Aktivisten und Aktivistinnen wird dieser Film nicht geliebt, an seiner Größe ändert das dennoch nichts. (Filmgarten, in Deutschland bei Grandfilm als Stream)

"Winter on Fire" (2015) von Jewgeni Afinejewski

Die Ukraine von heute entstand in Schüben. Die Unabhängigkeitserklärung von 1991 wurde mit den Revolutionen von 2004 und 2014 gleichsam ratifiziert. Winter on Fire erzählt von den 93 Tagen im Winter 2013/14, die heutzutage meist als "Euromaidan" bezeichnet werden: eine Volksbewegung, die sich zuerst einmal für die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der Ukraine engagierte, dann aber sehr grundsätzlich für eine Staatlichkeit kämpfte, die den Ansprüchen der europäischen Aufklärung entspricht. Winter on Fire ist der quasi offiziöse Dokumentarfilm dazu, also ein großer Überblick, der versucht, alle Ereignisse abzudecken und zugleich eine weithin anschlussfähige Form dafür zu finden.

Man bekommt tatsächlich einen sehr lebendigen Eindruck von der Euphorie, auch von der brutalen Gegengewalt. Zentrale Protagonisten wie Mustafa Nayyem treten auf, am Ende verkündet ein Geistlicher, dass auf dem Maidan "eine neue Gesellschaft geboren wurde". Gegen diese Gesellschaft führt Putin nun Krieg, die hat aber auch die Erinnerung an den "Feuerwinter" als Ressource. (Netflix)

"Rodnye"/"Familienbande" (2016) von Vitaly Mansky

Vitaly Mansky hat etwas gutzumachen. 2000 drehte er ein Porträt von Wladimir Putin, von dem man durchaus behaupten kann, dass es – bei aller Sensibilität in der Beobachtung – der erste Propagandafilm über den damals neuen russischen Präsidenten war. 2018 hat Mansky selbst mit Putins Zeugen eine Überprüfung seiner damaligen Position vorgenommen (der Film ist derzeit in der Arte Mediathek zu sehen).

Es bleibt der ambivalente Befund, dass der Filmemacher lange Zeit zum innersten Kern des russischen Mediensystems unter Putin gehörte. 2014 allerdings zog er Konsequenzen und lebt seither in Riga. Geboren wurde er in Lwiw (einer Stadt wie eine "Drehtür der Geschichte"), und von dieser Tatsache geht er auch bei Rodnye/ Familienbande aus: Ein vielschichtigeres Bild von der engen Verwandtschaft zwischen Russland und Ukraine wird man nicht so leicht finden, zugleich wird aber erkennbar, wie sich aus der Sowjetunion unterschiedliche Staatswerdungsprozesse entwickelten. Dass darüber Familien zerrissen wurden, ist allein dem Chauvinismus anzulasten, den Putin zur russischen Staatsräson erklärt hat. (DAFilms, Einzelbuchung: 2,50 Euro)

"Anja und Serjoscha" (2018) von Ivette Löcker

Für mich ist der Krieg ein Relikt des Patriarchats", sagt Serjoscha, ein junger Mann aus der südostukrainischen Stadt Mariupol. Er träumt davon, sich in einem Kleid der Welt zu zeigen. Die österreichische Dokumentarfilmerin Ivette Löcker stellt in Anja und Serjoscha ein paar junge Leute aus Mariupol vor, also aus der Stadt, die momentan am härtesten unter dem Krieg leidet, den Putin gegen die Ukraine führen lässt. Sie fängt die Stimmung nach 2014 ein, als man befürchten musste, dass nach Donezk und Luhansk als Nächstes wohl Mariupol von russischen "Separatisten" zerstört werden könnte.

Diese Woche erst hat Putin sich in einer Rede wieder höhnisch über die "Gender-Freiheiten" im Westen geäußert. Für jemanden wie Serjoscha sind diese Freiheiten nicht einfach ein individueller Gewinn (um den man sowieso ständig kämpfen muss), sondern elementarer Teil einer erstrebenswerten Gesellschaft. In Mariupol ist das, was man im Westen oft missverständlich auf Identitätspolitik reduziert, ganz zentral für den Unterschied zwischen einem Leben als selbstbestimmter Mensch oder als Untertan. (Sooner) (Bert Rebhandl, 19.3.2022)