Verkleidungstag im Männerwohnheim? Nein, vom Leben gezeichnete Erdlinge, die sich fragen, wie alles einmal enden wird.

Helmut Walter

Linz – Kurt Palms These, der Mensch sei in Wahrheit ein Missgeschick der Natur, ein Irrtum der Evolution, hat zuletzt an Plausibilität dazugewonnen. Die Diskrepanz zwischen der Höhe des Intelligenzquotienten und dem Grad der Selbstzerstörung ist und bleibt rätselhaft. In diese Kluft hinein stößt der Autor und Regisseur (Phettbergs Nette Leit Show) mit vielen seiner Stücke. Auch das allerjüngste, am Donnerstag im Phönix-Theater in Linz uraufgeführt, versammelt Exemplare dieser seltsamen, dem Publikum höchst verwandten Spezies.

Weil Palm gern große Sprüche klopft und sich seit jeher auf gut geklaute Sprechweisen versteht (Palmfiction), trägt die Chose den schönen The-Doors-Titel This Is the End, My Friend. Eine Art Weltende gibt es tatsächlich zu bestaunen. Es findet in einer sanitär nur notdürftig, dafür aber mit vielen charaktervollen Lieblingsgegenständen ausgestatteten Wohngemeinschaft statt (Bühne: Michaela Mandel). Der Weg nach draußen, wo es angeblich schneit, ist verschlossen.

Nur sieben Follower

Gelegentlich meldet sich eine Lautsprecherstimme zu Wort und bittet um die korrekte Einnahme der Tabletten, oder sie kündigt einen Eingriff an. Es könnte aber auch ein Angriff gewesen sein. Es bleibt unklar.

Diesen Figuren gilt Palms ganze, von kabarettistischem Schmäh durchdrungene Zuwendung: ein an der Infusionsflasche hängender Krebspatient mit Sehnsucht nach Sex (Karl Ferdinand Kratzl), ein von seinem schmerzvoll zu Tode gekommenen Onkel Peppi fantasierender stolzer Bauchträger mit King-Kong-Kopf (Georg Lindorfer), ein Arzt im Schlächterschurz (Ferry Öllinger), ein zankendes Hetero-Pärchen (Anna Eder, Martin Brunnemann), ein asexueller, kluger Mensch mit endlos langem Wollpulloverärmel (Sven Sorring). Zur falschen Adresse bestellt, erscheint im glitzernden Partylook auch eine Frau mit Einhornluftballon (Nadine Breitfuß), die ihren erschossenen Hund Flocki betrauert. Auch hat sie nur sieben Follower. Theater ist nun einmal fürs Mitfühlen da.

Ignorierter Jesus

Und fürs Rätseln: Als stummer Geist zieht ein langhaariger Mann (Erich Pacher) seine Bahnen durch diesen gelegentlich von hollywoodesken Weltuntergängen erleuchteten Schauplatz. Er könnte Jesus sein, sieht aber wohl nur so aus. Niemand bemerkt ihn wirklich. Die Menschen hier bemühen sich um kosmologische Welterklärungen. Wo wird der Planet dermaleinst enden, in einem schwarzen Loch?

Palms surrealer Menschheitsabgesang geht mit viel Untergangshumor einher. Die Scherze sind allerdings nicht gerade die frischesten, Bilder abgegriffen und Geschlechterrollen stereotyp: Frauen kreischen für Avocados, Männer starten für Selchfleischknödel eine Polonaise. Chi Chi LaRue versus Schoissengeier Herbert sozusagen. Die szenisch collagierte Rätselhaftigkeit dieses Ortes, dieser Bewohner und ihrer in Schleifen wiederholten Erinnerungen fasziniert aber schon. Sie enthält viele Identifikationsangebote und Anknüpfungspunkte. (Margarete Affenzeller, 19.3.2022)