Man geht einander kleinbürgerlich-freundlich zur Hand an der schönen blauen Donau: Valerie (Katharina Hofmann) und der Zauberkönig (Horst Heiss).

Foto: Petra Moser

Jemand muss die Ödön-von-Horváth-Figuren entsetzlich angeschwärzt haben: diese kreuzbraven, vom Leben überforderten Menschenkinder, die mit ihren Kalendersprüchen sich und andere belügen, am konsequentesten aber sich selbst hinters Licht führen, vornehmlich das der Aufklärung. Im Original sind es Menschen aus Fleisch und Schrift. Doch leider, die Wörter, die sie so bedenkenlos ausstreuen, entwickeln ein Tonnengewicht.

Im Linzer Landestheater hat man sie jetzt allen Ernstes zu Höllenbewohnern degradiert. Den Geschichten aus dem Wiener Wald hat Regisseurin Stephanie Mohr endgültig die Luftzufuhr abgeschnitten.

Das Wien der Puppenkliniken und Tabaktrafiken, der rührselig verwehten Walzerklänge? Ist nicht mehr. Ihr Dasein fristen Horváths liebenswürdige Bestien neuerdings als honorige Salongespenster, in einem blutroten Saal (Bühne: Florian Parbs). Den Untergang der braven, spröden Bürgerstochter Marianne (Theresa Palfi) bahnt diese Hetzmeute von langer Hand an: im Rudel, als gemischter Gesangsverein, der ohne Unterlass Walzerklänge summt. Man meint, die Knochen sämtlicher dahingegangener Kleinbürger seit 1931 (Uraufführungsjahr) ohrenbetäubend klappern zu hören.

Eine Zimmertanne erinnert an das zirka vorvorletzte Weihnachtsfest. Der fad-fromme Fleischhauer Oskar (Daniel Klausner) und sein nach Wurst genäschiger Schlachterfreund Havlitschek (Stefan Lasko) schärfen ihre Messer und Beile am Rokoko-Tisch. Horváth, so scheint es, ist mit einiger Verspätung in die Fänge gichtbrüchiger Kabinettpolitiker geraten.

Dazu kommt ein Fleischerhaken aus dem Schnürboden herabgefahren. Ein roter Stofffetzen erinnert an Mariannes Prätentionen: Sie möchte, an der Hand des notorischen Tunichtguts Alfred (Benedikt Steiner), ein Zeittotschläger in der Maske des Austropoppers, endlich sie selbst sein. In Wahrheit nagt ein ganzer Schwarm Piranhas an ihr.

Hölzchen aufs Stöckchen

Ein Zigarettenautomat spuckt Erzeugnisse der Austria Tabakwerke aus. So hantelt sich Mohrs Inszenierung von einem Einfall zum nächsten, kommt unfehlbar vom Hölzchen aufs Stöckchen – und hat den Figuren doch nur die Eigenschaft leichtfertiger Besserwisserei voraus.

Es ist wahrhaftig nicht schwer, sich gegenüber Horváths Spießern groß zu dünken: Schwierig ist es eben, über sie keine Satire zu schreiben. Das schmatzende Behagen des Zauberkönigs (Horst Heiss), die herzzerreißende Frivolität der Trafikantin Valerie (Katharina Hofmann): alles Einsätze im Spiel um erotische Anerkennung. Dessen betrüblicher Ausgang steht nur schon von vornherein fest. Und so raubt Mohr ihren Figuren den Illusionscharakter. Sie glaubt nicht eine Sekunde lang daran, hier wäre jemand befähigt, dem Verblendungszusammenhang zu entrinnen.

Mariannes folgenschwerer Satz zu ihrem Alfred: "Und ich geh direkt aus mir heraus und schau mir nach …", gesprochen am Ufer der schönen blauen Donau, enthält das vollendete Versprechen der Selbstüberhöhung. Alles steht auf dem Spiel. Die Welt dehnt sich und streckt sich für die Dauer einer Mikrosekunde, erscheint strahlend hell und weit – und bleibt zur selben Zeit unendlich verlogen.

Und weil diese brave Linzer Aufführung keine rechte Fallhöhe entwickelt, hat sie kein Zutrauen zu ihren Figuren. Führt ihnen keine dringend benötigte Atemluft zu. Verwandelt Alfreds dämonische Großmutter (Christian Higer) in einen trockenen Patriarchen. Der Mensch ist dem Menschen kein Wolf, sondern ein Spießer.

Als Spießbürger im "Salon Leben" vertreiben diese braven Darsteller einander die Zeit. Für sich besehen sind sie alle wunderbar. Nur zu Horváths verzweifelter Menschenliebe haben sie entsetzlich wenig auszusagen. (Ronald Pohl, 20.3.2022)