Im Landesgericht für Strafsachen Wien wird gegen einen 30-Jährigen verhandelt, der einen Buben laut Anklage rund 50-mal sexuell missbraucht haben soll.

Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Wien – Dass sexueller Missbrauch von Kindern in allen gesellschaftlichen Schichten stattfindet, zeigt der Schöffenprozess unter Vorsitz von Corinna Huber gegen einen 30-jährigen Diplomingenieur. Er soll sich laut Anklage zwei Jahre lang als Nachhilfelehrer an einem zu Beginn neunjährigen Buben dutzende Male vergangen haben. Das Furchtbare an diesem Fall: Die Mutter hatte das Kind sogar über die Gefahren durch Pädophile aufgeklärt, dennoch soll es dem Angeklagten gelungen sein, ein "brüderliches" Verhältnis zu dem Kind aufzubauen und das auszunutzen.

Im Vorfeld hatte der 30-Jährige die detaillierten Vorwürfe des Buben noch bestritten. Er habe "Aufklärungsarbeit" geleistet, verteidigte er sich dort – einmal habe er dem Unmündigen einen "Hentai"-Film, einen pornografischen Zeichentrickfilm also, gezeigt, einmal habe er den Penis des Kindes kontrolliert, da dieser sich Sorgen machte, und im Zuge dessen seinen eigenen zu Vergleichszwecken hergezeigt, sagte der unbescholtene Ehemann.

Staatsanwältin auf Indizienprozess vorbereitet

In ihrem Eröffnungsplädoyer muss die Staatsanwältin daher vor allem auf Indizien verweisen. Nach den ersten Vorwürfen des Buben blieb der Beschuldigte zunächst noch auf freiem Fuß, da zeitliche Widersprüche geklärt werden mussten, der 30-Jährige kooperativ war und bei seiner ersten Einvernahme durch die Polizei ohne Zögern sein Mobiltelefon entsperrte, um zu beweisen, dass die Aussage des Unmündigen, der Angeklagte habe dort eine belastende Datei gespeichert, falsch sei.

Nach mehreren Monaten wurde der Angestellte einer internationalen Organisation doch festgenommen, bei einer Hausdurchsuchung wurden Datenträger beschlagnahmt, die von einem Sachverständigen ausgewertet wurden. "Viel hat man nicht mehr gefunden", gibt die Anklägerin zu – der Gutachter konnte allerdings feststellen, dass nach der ersten polizeilichen Einvernahme des Beschuldigten auf dessen Rechnern spezielle Software installiert wurde, die Daten gründlich und unwiederbringlich löschen kann. Ein für die Staatsanwältin wichtiges Indiz wurde doch entdeckt: Dateinamen wie "twelve year old girl", "7 year old boy" und "Beauty twelve year old".

Angeklagter überwies bereits 10.000 Euro

Verteidiger Helmut Graupner stellt in seinen Eröffnungsworten dann aber klar, dass es kein Indizienprozess werden wird. "Mein Mandant wird sich schuldig bekennen", kündigt er an. Der 30-Jährige habe bereits 10.000 Euro an die Rechtsvertreterin der Kindesmutter überwiesen, um Schmerzengeld für das laut Gutachten an posttraumatischem Belastungssyndrom leidende Kind abzudecken.

Graupner bittet lediglich darum, den Angeklagten ausführlich erzählen zu lassen, wie es zu alldem gekommen ist. Die ruhig und ohne sichtbare Emotionen verhandelnde Vorsitzende Huber gewährt dem 30-Jährigen diese Chance. Er beginnt damit, dass er ohne Vater aufgewachsen sei und von seinem sechs Jahre älteren Bruder von klein auf körperlich misshandelt und sexuell missbraucht worden sei.

Vor neun Jahren sei er nach Österreich gekommen, habe hier zwei Abschlüsse gemacht, im Frühjahr 2019 kontaktierte die Frau ihn, ob er ihren computerinteressierten Sohn nicht unterstützen könne. Den angeklagten Tatzeitraum bestreitet der Angeklagte allerdings: "Am Anfang war er ein fremdes Kind für mich. Noch nicht mein kleiner Bruder."

Alleinerziehende Mutter klärte Sohn über Gefahren auf

Er pflegte auch freundschaftlichen Umgang mit der alleinerziehenden Mutter, ebenfalls eine Akademikerin, deshalb sei er zunächst auch gekränkt gewesen, als der Bub ihm im Herbst 2019 verriet, dass seine Mutter ihn immer wieder frage, ob der Angeklagte keine sexuellen Annäherungen unternehme. "Er hat das Wort 'Predator' verwendet, das muss sie ihm gesagt haben."

Laut Angeklagtem soll es erst ab März 2020 zu den vorgeworfenen Delikten gekommen sein. "Ich habe mir zu meinem eigenen Schutz vorgemacht, dass es kein Missbrauch ist", sagt der Angeklagte nun, da er ja nie Gewalt angewendet habe. Mittlerweile sei ihm aber bewusst, was er gemacht habe. "Damals habe ich ihn einmal gefragt: 'Glaubst du, dass ich ein Predator bin?', und er hat gesagt: 'Natürlich nicht.'"

Bei einem Strafrahmen von fünf bis 15 Jahren wird der Angeklagte zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er nimmt sich drei Tage Bedenkzeit, die Staatsanwältin gibt keine Erklärung ab, die Entscheidung ist daher nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 22.3.2022)