Wozzeck (Christian Gerhaher) und Marie (Anja Kampe).

Pöhn

Dieser eitle Hauptmann! Wozzeck versucht, ihn rasierend nicht zu verletzen, brav seinen Dienst zu tun. Kann dieser Kerl in Uniform, aus dem unentwegt Belehrungen heraussprudeln, nicht einfach für Minuten stillhalten, damit Wozzeck seine Pflicht erledigen und diesen Schauplatz der Demütigungen verlassen kann? Kann er nicht. Der Hauptmann, der hier ein blau uniformierter Polizist ist, quasselt immerfort weiter und bringt Wozzeck in Rage. Auf der noch inaktiven Drehbühne wird schlagartig klar: Wozzeck, der einen Wutanfall gerade noch zähmen kann, ist schon zu Beginn dieser Inszenierung an der Staatsoper die traumatisierte, verstörte und zusehends verstörende Existenz. Unter der Hilflosigkeit lauert bereits der unkontrollierte Gewaltausbruch.

Das Reale solcher von Alban Berg vertonten Szenen ist für Regisseur Simon Stone, dessen Traviata das Haus am Ring auch mittlerweile im Repertoire führt, eine Art Ideensprungbrett. Über die konkreten Ereignisse stößt Stone gleichsam in den Kopf der Hauptfigur vor und bringt jene Fantasien, die Wozzeck plagen, ins Bild. Und siehe da: Kaum hat Wozzeck den plappernden Hauptmann verlassen, erblickt er in einer Nebenraumvision diesen Glattrasierten als blutüberströmte Leiche mit durchgeschnittener Kehle.

Sozial unbeholfen

Zu diesem Zeitpunkt bleibt die Mordfantasie dieser zwischen sozialer Unbeholfenheit und Aggressionsstau torkelnden Männerseele also noch ausschließlich ein Kopfzerbrechen. Obwohl mit Wozzeck schon viel passiert sein muss, bevor dieses Opernkarussell der Entwürdigungen für ihn in Gang kommt, muss noch einiges erlitten werden, damit er zum Messer greift.

So muss Wozzeck noch einen frustrierenden Besuch im Fitnesscenter (wo die soziale Hierarchie scheinbar aufgehoben ist) absolvieren. Es braucht für ihn noch den schmerzhaften Besuch beim Arzt, der ebenfalls im Sportstudio zugegen war. Und es muss sich für Wozzeck schließlich der Verdacht erhärten, dass seine Marie am Würstelstand dem aufdringlichen Tambourmajor in einem Akt der quasi begehrenden Gleichgültigkeit nachgab. Marie ist bei der tadellos robust singenden Anja Kampe zwar auch eine an den Verhältnissen Verzweifelnde. In ihr flackert jedoch noch so etwas wie Lebens- und Erlebnislust, zu der Wozzeck nicht fähig ist.

Sein "Talent", in den eigenen Wunden zu wühlen, transformiert Stone in dynamische Bilder. Wenn es um Maries kleines amouröses Abenteuer geht, spielen sich auf der Drehbühne drei Bettszenen zwischen ihr und dem Tambourmajor ab: Sie unter dem Liebhaber, Marie über dem Liebhaber, und Wozzeck schaut dem ganzen horizontalen Treiben zu, was schließlich bei ihm zum psychischen Totalausfall führt. Er hatte Marie in einer Szene fürsorglich-schüchtern etwas Geld gegeben, nun deliriert er Richtung finaler Affekthandlung, die Stone ins Naturambiente verlegt, während zuvor kalte, weiße Räume dominierten. Wozzeck trifft Marie nun in wild wuchernder Landschaft, um der Sache ein blutiges Ende zu bereiten.

Insel in wildem Garten

Es ist eine Art Insel auf leerer Bühne, eine Art wilder Garten (Bühnenbild Bob Cousins). Wozzeck erscheint mit Rucksack, in dem das Messer wartet, das für die ahnungslose Marie bestimmt ist. Die Szene ist zwar nicht sehr eindringlich gelöst. Bariton Christian Gerhaher zeigt jedoch im Ganzen nicht nur packend, dass diese toxische Existenz zu keiner innigen Beziehung fähig ist. Schon gar nicht zu seinem Kind (Dimiter Paunov).

Gerhaher liefert eine meisterhaft präzise Studie einer fragilen, zusehends gefährlichen Figur. Vokal bewahrt dieser große Liedsänger unserer Tage jederzeit die für ihn so typische Kultiviertheit von Ausdruck und Timbre. Er entwickelt das Expressive dabei glaubwürdig aus der Rolle heraus, wie er es auch versteht, eine Art existenzielle Verlorenheit zu evozieren, wenn er Töne von kalter Lyrik haucht. Vokale und szenische Details verschmelzen bei Gerhaher zur seelenerhellenden Einheit.

Seine Rollengestaltung wäre in der alten, vor mehr als drei Jahrzehnten von Alfred Dresen gestalteten Staatsoperninszenierung ebenso zeitlos packend gewesen wie in jener bei den Salzburger Festspielen 2017. In der Mozartstadt hatte William Kentridge die Bühne mit Zeichen des Krieges aufgeladen. Stone geht es zwar auch um Krieg. Es ist jedoch einer im Inneren des Erdenwurms, den die äußeren sozioökonomischen Umstände bedrängen. Selbige hätten sich seit Georg Büchner, dessen Fragment Woyzeck Alban Berg inspirierte, nicht verbessert, findet Regisseur Stone.

Folgenreiche Kränkung

Wir sind also mitten im prekären Wien, sehen Wozzeck am Arbeitsamt oder in einer U-Bahn-Station schlafen und am Ende als herausgezogene Wasserleiche über jener grünen Insel schweben, auf der sein Kind mit einem Feuerwehrwagen spielt. Ob Stones Deutung so lange wie Dresens Vorgängerinszenierung durchhalten wird, wird sich weisen. Die realen Orte – Fitnesscenter, Arbeitsamt und Würstelstand – werden altern. Stones Inszenierung wird dann in ferner Zukunft optisch als konservierte Erinnerung an jene Tage in Wien wirken, als das Publikum Masken trug, um sich vor Corona zu schützen, und am Arbeitsamt Gedränge herrschte. Falls die Verhältnisse sich nicht bessern, wird der Kern der Regie allerdings, die Darstellung von sozialer Verwahrlosung und folgenreicher Kränkung einer Männerpsyche, aktuell bleiben.

Vorerst bleibt festzuhalten, dass auch um Wozzeck herum Qualität herrschte – auch beim Chor: Jörg Schneider war ein pointiert karikaturenhafter Hauptmann, Dimitry Belosselskiy ein punktgenau empathieloser Doktor. Das gute Niveau des Abends stützen auch Josh Lovell (als Andres), Peter Kellner und Stefan Astakhov (als Handwerksburschen), Thomas Ebenstein (als Narr), Christina Bock (als Margret) und der Tambourmajor, den Sean Panikkar als selbstbewusst-zudringlichen Typen präsentiert.

Musikdirektor Philippe Jordan und das formidable Staatsopernorchester finden zu kammermusikalischer Detailfarblichkeit. Es haben sowohl die dramatisch aufgeladenen, bisweilen auch monochromen Flächen ungeheure Intensität wie auch jene für Berg typischen Passagen einer schwerelos daherkommenden orchestralen Poesie. Das wirkte weitestgehend sängerfreundlich und in der schillernden Umsetzung solistischer Manifestationen befeuernd für die Studie einer verlorenen Seele. Bis auf schüchterne Buhs wurde alles samt Regie sehr positiv aufgenommen. (Ljubiša Tošić, 22.3.2022)