US-Stars Kanye West und Kim Kardashian noch als glückliches Paar vor zwei Jahren. Inzwischen bedroht er sie und ihren neuen Freund und gibt das Paradebeispiel eines toxischen Ex-Partners.

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Kanye West zeigt der Welt gerade, wie man es nicht machen sollte. Nach der Trennung von Kim Kardashian wütete der Rapper auf Instagram: Nachdem er sämtliche Beiträge außer einem Paar- und einem Familienfoto gelöscht hat, fügte er zig weitere Bilder und Videos hinzu – diffamierende Fotomontagen und Drohungen gegen Kardashians neuen Freund Pete Davidson. So hat er etwa seinen eigenen, Kardashians und Davidsons Kopf auf ein Avengers-Poster gesetzt und den Titel in "Kanye West: Civil War" abgeändert. Sogar seine Fans hat er darum gebeten, Davidson in der Öffentlichkeit anzuschreien. Das ist Stalking, und es ist Androhung von Gewalt, die in diesem Fall nicht nur von West selbst, sondern auch Fans ausgehen könnte, die das Ganze etwas zu ernst nehmen. Instagram hat einige seiner Beiträge gelöscht, zwischenzeitlich wurde das Profil des Rappers ob der Drohungen gesperrt.

Was West aufführt, kennen auch viele Nichtprominente aus eigenen bei Trennungen gemachten Erfahrungen. Besonders von Partnern, die nie gelernt haben, mit negativen Gefühlen umzugehen – oder die wie der Musiker an einer Persönlichkeitsstörung leiden. Dieses Verhalten wird gemeinhin als toxisch bezeichnet, also schädlich und ungesund.

Trendurteil "toxisch"

Doch mittlerweile wird der Begriff ausgedehnt, gilt nicht mehr nur für Ex-Partner, die eine Trennung nicht verkraften. Scrollt man durch Social Media, bekommt man das Gefühl, dass beinahe alles Negative an potenziellen oder ehemaligen Partnern heute als toxisch oder gar narzisstisch beurteilt wird. Expertinnen und Experten sehen das kritisch. "Narzisstisch und toxisch sind Modewörter geworden und werden gern von Hobbypsychologinnen als Diagnose gestellt, wenn Beziehungen unschön oder schmerzhaft verlaufen", erklären die Lovesisters Lila Sauerschnig und Stefanie "Steffi" Scharaweger. Die Wienerinnen sind diplomierte Lebens- und Sozialberaterinnen mit psychologischem Hintergrund und haben sich vor ein paar Jahren auf Online-Liebescoaching spezialisiert. Auf Instagram folgen ihnen mehr als 20.000 Menschen. Nicht jeder Ungustl oder Ghoster sei gleich ein toxischer Narzisst, betonen sie. Die diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung betreffe nämlich nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung.

Vielmehr seien unterschiedliche Erwartungen an ein Verhältnis Ursprung für unglückliche Dynamiken, meinen Lila und Steffi. Da wolle beispielsweise der Mann keine Beziehung. Die Frau wünsche sich hingegen etwas Verbindliches, kommuniziere dies aber nicht, etwa aus Angst davor, ihren Wunschpartner zu verschrecken. Endet das Verhältnis, sei die Frau am Boden zerstört und werfe ihm vor, ihr nur etwas vorgespielt zu haben oder sich nicht binden zu können. "Zu einer ungesunden Dynamik gehören meist beide Partner", meint auch die Psychologin Caroline Hehenberger. Die Grazerin hat vor eineinhalb Jahren begonnen, auf ihrem Instagram-Kanal Metadating Liebestipps zu geben. Wenn Menschen von einer "toxischen" Beziehung sprechen, meinen sie destruktive Verhaltensweisen, die einen negativen Effekt auf mindestens eine der beteiligten Personen haben, erklärt sie.

Opfer-Täter-Zuschreibung

Auch sie habe ein Problem mit der übertriebenen Verwendung der Begriffe toxisch und narzisstisch. Die würden online oft absichtlich eingestreut, um Reichweite zu erlangen – "einfach weil sie im Trend sind", meint Hehenberger. Vielen Menschen falle es leichter, ihren Beziehungsproblemen eine Opfer-Täter-Dynamik zuzuschreiben. Dann gebe es auf der einen Seite den toxischen Ex oder die Narzisstin und auf der anderen das Opfer, sich selbst. Dabei schiebe man aber nur die Schuld auf den (Ex-)Partner und lerne nicht, wie man eigene Muster aufarbeitet, betont die Psychologin.

Generell würden auf Social Media viele gern in die Opferrolle fallen. "Dann heißt es, es gibt keine guten Männer, niemand will sich mehr binden oder Frauen sind grausam, weil sie nur Männer mit Geld wollen", meint Hehenberger. Viele Amateur-Accounts, vor allem im männlichen Datingbereich, etwa die sogenannten Pick-up-Artists, würden diese Verzweiflung ausnutzen und mit manipulativen Flirttipps und Strategien verführen.

Dieses Problem kennen auch die Lovesisters. Bei "Pseudoexperten", die Flirttipps geben oder Strategien erklären, wie man den oder die Ex zurückbekommt "stellt es uns alle Haare auf", sagen Lila und Steffi. Solche Tipps könnten womöglich kurzfristig etwas bewirken, würden aber darauf abzielen, die begehrte Person letztlich zu täuschen. Den Leidtragenden wird gleichzeitig das Gefühl vermittelt, dass sie selbst das Problem seien und sich verändern müssten. Bei einem professionellen Coaching gehe es hingegen darum, zu sich selbst zu finden, betonen die Liebescoaches.

Oberflächliches Berieseln

Umso mehr kritisieren sie Online-Angebote von "Pseudocoaches", denen die Ausbildung fehle, um Menschen zu helfen. Das sei insbesondere in Deutschland verbreitet, wo Coaching anders als in Österreich kein geschütztes Gewerbe und damit nicht streng reglementiert ist. "Das kann fahrlässig sein, wenn etwa Traumata oder Missbrauch in Sitzungen besprochen werden, es diesen ‚Coaches‘ aber an Wissen und Erfahrung fehlt, angemessen darauf zu reagieren", erklären Lila und Steffi. Social Media, speziell Instagram, könne man durchaus dazu nutzen, sich durch Sprüche oder Affirmationen motivieren zu lassen. "Aber das bleibt an der Oberfläche", sagt Steffi. Wolle man tiefer gehen und etwas an eigenen Beziehungsmustern ändern, sollte man zusätzlich Angebote von zertifizierten Coaches oder Psychotherapeutinnen in Anspruch nehmen.

Bei Anne war das umgekehrt. Die 42-jährige Yogalehrerin suchte vor einigen Jahren wegen anderer Gründe eine Psychotherapeutin auf, entdeckte dort aber, dass sie ihre Beziehung zu einem bindungsängstlichen Partner unglücklich machte. Als sich ihr damaliger Freund von ihr trennte, war das wie ein "Wake-up-Call". Sie suchte zusätzlich Hilfe in Büchern, Podcasts und Coachings und erkannte, dass sie sich immer nur auf ambivalente Männer eingelassen hatte – also solche, die sich nie ganz an sie binden wollten. Seither arbeitet sie daran, dieses Muster zu durchbrechen.

Ihren Ex-Partner würde die Wienerin dennoch nicht als toxisch bezeichnen. Er habe sie nicht absichtlich verletzt, beide hätten sich in die Beziehung begeben. Durch ihn habe sie zudem ihre Themen erkannt und konnte sich weiterentwickeln. Inzwischen findet sie unverbindliche Männer nicht mehr anziehend. "Heute weiß ich, dass ich einen Mann, der mich nicht voll und ganz will, selbst nicht will", sagt Anne.

Generation "beziehungsunfähig"?

Dass das Interesse an Beziehungsarbeit zugenommen hat und diese Themen deshalb auch auf Social Media zu finden sind, sehen die Expertinnen positiv. Von einer Generation "beziehungsunfähig" will Psychologin Hehenberger zwar nicht sprechen, sie meint aber, dass Beziehungen heute aufgrund der zahlreichen Möglichkeiten bei der Partnerwahl für viele chaotisch geworden sind. "Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr wundere ich mich selbst, wie viele Menschen doch noch gesunde und glückliche Beziehungen führen", scherzt sie. Letztlich würden Partnersuche und eine glückliche Beziehung selten bei der anderen Person anfangen, meint Hehenberger. "Wichtig ist, dass man sich erst einmal selbst gut kennenlernt." (Davina Brunnbauer, 25.3.2022)