Die Kirche von Hvalsey war Teil der Wikingerkolonie im Süden Grönlands. Eine Hochzeit in dieser Kirche im Jahr 1408 gehört zu den letzten überlieferten Ereignissen vor dem Abzug der Kolonisatoren aus Island.

AP / Christian Koch Madsen

Es ist eines der großen Rätsel der Wikingergeschichte: Warum haben die sogenannten Grænlendingar, die im Jahr 985 erfolgreiche Siedlungen in Südgrönland gegründet hatten, diese im frühen 15. Jahrhundert wieder verlassen? Lange Zeit meinte man, dass niedrigere Temperaturen dazu beitrugen, dass die Kolonien nicht länger überlebensfähig waren. Neue Forschungsergebnisse stellen diese alte Theorie nun jedoch infrage. Es waren demnach nicht die sinkenden Temperaturen, sondern eine Dürre, die für den Abzug sorgte.

Als sich die aus Island kommenden Wikinger im Jahr 985 in Grönland in der sogenannten "Ostsiedlung" – die missverständlicherweise im Westen liegt – niederließen, rodeten sie das Land und pflanzten Gras als Weide für ihr Vieh. Die Insel hatte bis zu 2.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Etwas mehr als 400 Jahre nach der Gründung haben sie ihr Domizil allerdings wieder verlassen.

War es die Kleine Eiszeit?

Jahrzehntelang gingen Anthropologinnen und Historiker davon aus, dass der Untergang der Ostsiedlung mit dem Beginn der Kleinen Eiszeit zusammenhängen müsse, einer Periode außergewöhnlich kalten Wetters ab Beginn des 15. Jahrhunderts, die das landwirtschaftliche Leben in Grönland unmöglich gemacht habe.

Doch wie ein Forscherteam um Boyang Zhao (University of Massachusetts Amherst, kurz: UMass Amherst) nun herausfand, beruhte diese Annahme auf fragwürdigen Daten. Diese stammten nämlich von einem Ort, der über 1.000 Kilometer weiter nördlich und über 2.000 Meter höher gelegen ist als die Ostsiedlung.

Also analysierte das Team um den Geowissenschafter Raymond Bradley, wie sich das Klima in der Nähe der nordischen Bauernhöfe selbst verändert hat. Die Forschenden wählten dafür einen See (Lake 578), der unmittelbar an die ehemalige Ostsiedlung angrenzt. "Niemand hat diesen Ort bisher untersucht", sagt Boyang Zhao, dessen Dissertation die Grundlage für die neue Studie im Fachblatt "Science Advances" darstellt.

Der See mit der Nummer 578, wo die Forschungen stattfanden.
Foto: Raymond Bradley

Dort sammelten sie drei Jahre lang Sedimentproben, die eine kontinuierliche Aufzeichnung der Klimadaten aus den letzten 2.000 Jahre darstellen.

So wurden die Proben aus dem See entnommen.
UMass Amherst

Zwei verschiedene Marker

Konkret wertete das Forscherteam zwei Marker aus: Ein bestimmtes Lipid lässt Rückschlüsse auf die Temperaturen zu. Ein zweiter Marker, der aus der wachsartigen Beschichtung von Pflanzenblättern gewonnen wird, ist ein Indikator dafür, wie trocken die Bedingungen waren und wie sie sich über die Zeit entwickelten.

Das Forscherteam der UMass Amherst mit einer Sedimentprobe.
Foto: William Daniels

Die Analysen zeigten, "dass sich die Temperatur während der Besiedlung Südgrönlands kaum änderte", resümiert Zhao. "Aber es wurde im Laufe der Zeit immer trockener."

Die Grænlendingar mussten ihr Vieh mit eingelagertem Futter überwintern, und selbst in guten Jahren waren die Tiere oft so schwach, dass sie nach der Schneeschmelze im Frühjahr auf die Felder getragen werden mussten. Unter diesen Bedingungen waren die Folgen einer Dürre schwerwiegend.

Eine langanhaltende Dürre Anfang des 15. Jahrhunderts, die noch zu anderen wirtschaftlichen und sozialen Belastungen hinzukam, dürfte das Gleichgewicht dann so weit verändert haben, dass die Ostsiedlung aufgegeben werden musste. (tasch, 24.3.2022)