Mancini sagte nach der Pleite nichts zu seiner Zukunft.

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Selbst dem sonst so eloquenten Roberto Mancini hat das 0:1 im Playoff gegen Nordmazedonien die Sprache verschlagen. "In diesem Moment ist es schwierig, etwas über das Spiel zu sagen", erklärte der Teamtrainer, der vor nur neun Monaten in der "Nacht von Wembley", beim Sieg der Azzurri im EM-Final, noch der große Held gewesen war. Als er sich etwas gefasst hatte, sagte Mancini immerhin noch Folgendes: "So wie der EM-Sieg im Juli das schönste Erlebnis in meiner beruflichen Karriere war, ist das Ausscheiden nun meine größte Enttäuschung." Vor dem Spiel war der Commissario tecnico noch sehr zuversichtlich gewesen: Man werde nicht nur zur Endrunde nach Katar fahren, sondern sie auch gewinnen.

Stattdessen hat der italienische Fußball im mit 35.000 Zuschauern vollbesetzten Stadion von Palermo am Donnerstagabend die bitterste Niederlage seiner 112-jährigen Geschichte eingefahren – durch das 0:1 in der Nachspielzeit, erzielt von einem gewissen Aleksandar Trajkovski. Dieser hatte, Ironie der Geschichte, früher einmal in der Serie B für Palermo gespielt. Es war erst der zweite Torschuss der bescheidenen nordmazedonischen Mannschaft gewesen. Die Italiener hatten es 34-mal versucht. Nach Eckbällen stand es 16:0 für die drückend überlegenen, aber ineffizienten und vorhersehbaren Azzurri, die zu mehr als 65 Prozent der Spielzeit den Ball hatten. "Was zählt, ist das Resultat", stellte die Gazzetta dello Sport lakonisch fest.

Ein Desaster, das nicht unerwartet kam

Es ist bereits das zweite Mal en suite, dass die Squadra die Barrage für eine WM nicht übersteht. 2017 waren die Italiener an Schweden gescheitert – aber nicht als regierende Europameister. Der vierfache Weltmeister wird somit frühestens 2026 wieder um den WM-Titel spielen. Das letzte Mal war Italien vor acht Jahren in Brasilien dabei. "Derzeit wächst eine ganze Generation von italienischen Kindern auf, ohne ihre Mannschaft je bei einer WM-Endrunde gesehen zu haben", schrieb der Corriere della Sera.

Der für den Corriere "absolute Tiefpunkt des Calcio" kam freilich nicht unerwartet, trotz des Sommermärchens 2021. Mancinis Europameister hatten nach dem Sieg in Wembley gegen England den Faden verloren. Hinzu kamen Verletzungspech und die Unform einiger Stützen. Der Sturm war, was er im Grunde schon vor neun Monaten gewesen war – eine Problemzone, vergrößert noch durch den Ausfall von Federico Chiesa wegen eines Kreuzbandrisses Ende Jänner.

Die Krise geht freilich viel tiefer. Den letzten italienischen Triumph in der Champions League feierte Inter Mailand 2010. "Was mit der Nationalmannschaft in Palermo passiert ist, das passiert auf Vereinsebene seit zwölf Jahren – wir gewinnen in Europa nichts mehr. Der EM-Titel war die schöne Ausnahme, die die Regel bestätigte", sagte Arrigo Sacchi. Der ehemalige Teamchef geht hart ins Gericht mit dem Calcio: "Unser Fußball ist kulturell rückständig, hat keine Ideen."

Langsamer Fußball in der Serie A

Die Vereine suchten das Heil immer noch in der Verpflichtung von Ausländern, die in der Serie A inzwischen 70 Prozent der Spieler ausmachten. Selbst im Nachwuchs würden ausländische Spieler eingesetzt, eingekauft "wie Früchte und Gemüse" im Großmarkt. Eigene Talente könnten nicht nachwachsen, die Vereine seien verschuldet. "Hinzu kommt, dass unser Fußball langsam ist." Im Vergleich zur englischen oder der spanischen Liga sei der Rhythmus in der Seria A geradezu lächerlich.

"Der EM-Sieg wird durch die Blamage von Palermo nicht ausgelöscht", tröstet sich der Corriere della Sera. Aber der italienische Fußball müsse vollständig neu gedacht werden. Das bedeute aber nicht, dass Trainer Mancini ausgewechselt werden müsse. Der habe im Sommer ja vorgemacht, was moderner und schöner Fußball sein könne – schnelles Spiel, Mut, Cleverness, Mannschaftsgeist. Das sieht auch Sacchi so: "Die Letzten, die man verantwortlich machen kann, sind der Trainer und die Spieler." (Dominik Straub aus Rom, 25.3.2022)