Clarence und Virginia Thomas im Oktober 2021 bei einer Veranstaltung zu Ehren seines 30-Jahr-Dienstjubiläums.

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Die Frau klang aufgewühlt. "Hilf diesem großen Führer standzuhalten, Mark!!!", schrieb sie am 10. November 2020 in einer SMS an Mark Meadows, den damaligen Stabschef des Weißen Hauses. Kurz zuvor hatten die US-Sender Joe Biden zum Sieger der Wahl erklärt. Donald Trump weigerte sich, das Ergebnis anzuerkennen. Dabei wurden seine Mitarbeiter von der Frau regelrecht angefeuert. "Wenn ihr einknickt, wird sich das Böse rasch unter euch ausbreiten", warnte sie Meadows in einer anderen Kurznachricht.

Absender der bizarren Botschaften war Virginia Thomas, eine ultrarechte Aktivistin. Sie ist nicht irgendwer. Seit 1987 ist die fanatische Linkenhasserin mit dem US-Verfassungsrichter Clarence Thomas verheiratet. Zwei Dutzend Kurznachrichten, die dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Kapitolssturm vorliegen und am Freitag in US-Medien veröffentlicht wurden, belegen, dass die Ehefrau des dienstältesten Richters am Supreme Court aktiv gedrängt hat, das rechtmäßige Ergebnis der Präsidentschaftswahl zu kippen.

Immer wieder zweifelt sie die Stimmauszählung an und verbreitet widerlegte Verschwörungserzählungen. Ziel dieser Kampagne war, das Wahlergebnis vor dem Supreme Court anzufechten. Tatsächlich sollte sich das Oberste Gericht im Februar 2021 mit dem Ansinnen einiger Republikaner aus Pennsylvania zur Annullierung bestimmter Stimmen beschäftigen. Doch die Mehrheit lehnte ab. Clarence Thomas gab eine pointierte Gegenmeinung ab und nannte die Entscheidung "rätselhaft" und "unerklärlich".

Release the Kraken!

Zwar betont Virginia Thomas ihre Unabhängigkeit: "Clarence diskutiert seine Arbeit nicht mit mir, und ich beziehe ihn nicht in meine Arbeit ein." Wie weit jedoch die problematische Verquickung reicht, zeigt das Schicksal der nun bekannt gewordenen SMS: Sie gehören zu 2.300 Botschaften des Ex-Stabschefs Meadows, deren Herausgabe der Untersuchungsausschuss forderte. Trump hatte gegen die Bereitstellung von Regierungsunterlagen geklagt, war im Jänner 2021 jedoch vor dem Supreme Court unterlegen. Nur ein einziger der neun Richter wollte die Akten unter Verschluss halten: Clarence Thomas.

Während der 1991 von George Bush Nominierte im November 2020 auf mögliche Eingaben gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl wartete, wiegelte seine Ehefrau den Medienberichten zufolge Vertreter von Regierung und Parlament für eine Anfechtung auf. Auch mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner soll sie in Verbindung gestanden sein. Kurz nach der Wahl drängte sie Meadows: "Setze die Kraken frei, und rette uns davor, dass die Linke Amerika zerstört!" Der Spruch "Release the Kraken", entnommen aus dem Filmschinken "Kampf der Titanen", steht bei den rechten QAnon-Verschwörungsfanatikern für die Freisetzung von Lügengeschichten über Wahlbetrug.

"Ich kann es nicht ertragen, wie die Amerikaner den offensichtlichen Wahlbetrug schlucken", schrieb Virginia Thomas Wochen später. "Wollen wir einfach einknicken vor den Leuten, die Biden salben wollen?" Ebenso eindringlich wie unfreiwillig grotesk mahnte sie den Stabschef des Weißen Hauses, "nicht vor den Eliten" klein beizugeben.

Interessenskonflikt im Hause Thomas

Auch an Trumps Kundgebung am 6. Jänner 2021 nahm die Aktivistin teil, ging nach eigenen Angaben aber vorzeitig nach Hause, weil ihr kalt wurde. Bei Facebook kommentierte sie: "Ich liebe MAGA-Leute" und "Gott segne jeden, der aufbegehrt". Später unterzeichnete sie einen Aufruf, der den Ausschluss der Abgeordneten Liz Cheney und Adam Kinzinger aus der republikanischen Fraktion forderte, weil diese im Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses mitarbeiten.

Liberale Beobachter halten den Interessenkonflikt im Hause Thomas für evident: Der lebenslang gewählte Verfassungsrichter könne "nicht mehr über irgendeinen Fall beraten, der im Entferntesten mit der Durchführung der Wahl, der Abstimmung des Kongresses am 6. Jänner oder den Versuchen des Untersuchungsausschusses zu tun hat, Informationen zu beschaffen", sagte der New Yorker Jurist Stephen Gillers der "New York Times". Bislang schweigt Clarence Thomas. Dass er sich selbst für befangen erklärt, gilt als höchst unwahrscheinlich. (Karl Doemens aus Washington, 25.3.2022)