Herta Müller: "Ich kann niemandem Trost geben, aber ich muss davon erzählen was ich erlebt habe."

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Herta Müller fühlt sich immer noch, als hätte sie "ein Aquarium im Kopf". Sie erholt sich gerade von einer Covid-Infektion und arbeitet am Montagnachmittag dieser Woche noch an ihrem Festvortrag zur Eröffnung der Erich-Fried-Tage in Wien. In ihrer Wohnung, wenige Schritte vom Kurfürstendamm in Westberlin, nimmt sie sich zwischendurch eine Stunde Zeit, um dem STANDARD einen kleinen Vorgeschmack darauf zu geben, was sie im Moment gedanklich beschäftigt. Ausgangspunkt ist, wie es sich für eine Nobelpreisträgerin in Literatur gehört, die Sprache.

Herta Müller: Ich habe während meiner Krankheit zum ersten Mal das Wort Ohrenreißen verstanden. Es war, als würde etwas von innen an mir ziehen. Ein Wort aus dem Dialekt hat es am besten getroffen.

STANDARD: Und dann noch jeden Tag die Nachrichten vom Krieg.

Müller: Durch den Krieg bin ich so gehemmt, das geht einem richtig in den Körper, diese Ohnmacht des Zuschauens, diese Infamie, dieses Zerstören. Ich habe den Eindruck, dass man sich zu diesem Krieg nicht verhalten kann. Ich lese die Zeitungen wie verrückt und schaue die Nachrichten. Man wird ja schon irre, wenn man das nachempfinden will, was passiert. Ich habe sowieso keine guten Nerven. Und dieser Putin, mir ist diese Person schon immer körperlich abstoßend gewesen, unbegreiflich, dass niemand ihn stoppt, dass ihn niemand stürzt.

STANDARD: Im Moment scheint das schwer vorstellbar.

Müller: Putin ist seiner selbst überdrüssig, das ist die Verödung in der Zeit der Macht. Er ist auch kriminell begabt. Das konnte man schon sehen, als er noch beim Geheimdienst war. Kriminelle Energie ist dort eine Voraussetzung.

STANDARD: "Ich stand auf der Liste der Russen", so steht es am Beginn Ihres Romans "Atemschaukel". Ihre Mutter wurde 1945 in die heutige Ukraine deportiert. Sie sind also auch familiär mit diesem Raum verbunden.

Müller: Das hat nicht nur mit der Deportation 1945 zu tun. In ganz Osteuropa gibt es diese Angst vor den Russen. Die osteuropäischen Diktaturen waren als Repressionsapparate alle nach dem Muster der Sowjetunion gebaut, die Funktionäre mussten auch regelmäßig zur Kaderkontrolle nach Moskau. Rumänien hat immer Angst vor Russland gehabt.

STANDARD: Wie haben Sie die Ukraine erlebt, als Sie gemeinsam mit dem Dichter Oskar Pastior für "Atemschaukel" recherchierten?

Müller: Da war die Ukraine kurz davor unabhängig geworden. Man hat es fast noch nicht gemerkt. Es war alles noch sowjetisch. Alle osteuropäischen Länder hatten keine eigene Identität, weil die Sowjetunion es nicht zugelassen hat. In der Ukraine sah man damals als öffentliche Denkmäler überall diese Kriegspanzer, auf Hochglanz gepflegt. Und alte Menschen, die hatten Kriegsorden an den Jacken, keine Zähne, keine Schuhe, aber Orden. Das war ihre einzige Würde. Über all die Jahre hat man ihnen nicht mehr gegeben.

STANDARD: Den Zweiten Weltkrieg versucht Putin immer noch für seine Propaganda auszuschlachten.

Müller: Ich habe mich in der Ukraine ein bisschen geniert wegen meiner Familiengeschichte, die ich nicht ändern kann. Mein Vater war in der SS. Rumänien war unter dem Diktator Antonescu an der Seite von Hitler. Man kommt irgendwo hin, und man weiß, dass die Nazis dort waren, überall, wo ich hinkomme, war mein Vater schon gewesen. Er hat manchmal von den Windmühlen und Tulpen in Holland geschwärmt, als wäre es ein touristisches Reiseziel gewesen. Man lernt dann auch Leute kennen, die in ihrer Familiengeschichte auf der anderen Seite standen, dann kommt man in eine innere Zwickmühle. Wenn ich Celan lese, werde ich vollkommen hilflos, weil ich wusste, diese Lager, die Eltern von Celan in Transnistrien, das war unter rumänischer Leitung. Ich nehme die Diktatur, in der ich aufgewachsen bin, als eine Warnung. Man darf sich nicht arrangieren. Man darf nichts auf Kosten anderer Leute machen. Mein Vater war unbelehrbar und Alkoholiker und hat sich nicht distanziert von irgendetwas, dazu war er zu einfach gestrickt. Besser ist es, von Anfang an darauf achten, dass man sich nicht schuldig macht, als später auszusteigen. Wer sich einmal arrangiert hat, den hat es oft noch schlimmer getroffen. Auch für Putin sind Verräter das Allerschlimmste, schlimmer als der Feind.

STANDARD: Wenn Sie in Wien sprechen, werden sich die Menschen Orientierung von Ihnen erhoffen, vielleicht auch Trost. Kann eine Schriftstellerin das leisten?

Müller: Ich kann niemandem Trost geben, aber ich muss davon erzählen, was ich erlebt habe. Dass Diktaturen ein Muster haben, das sich immer wiederholt, dass sie den Menschen kaputt machen. Dass es eine totale Willkür gibt und dass man zerbricht. Ich habe viele Menschen zerbrechen sehen. Eine Demokratie muss man deswegen auch ständig analysieren. Wir brauchen die Apparate, Geheimdienst, Armee, aber sie müssen durch das Parlament kontrolliert werden. Es muss ein humanes Menschenbild auch in diesen Institutionen existieren. Das Individuum gab es in der Diktatur nur als Feind.

STANDARD: In einem Sammelband haben Sie sich zuletzt über die Demokratie Gedanken gemacht.

Müller: Ich glaube, dass das, was Putin jetzt anrichtet, auch unser Denken erschüttert. Wir müssen uns Rechenschaft geben, was es bedeutet, dass wir nicht in so einer Gesellschaft leben. Freiheit ist konkret. Entweder man darf, oder man darf nicht. Man muss eine Haltung zu etwas einnehmen. In den Demokratien sind die Fragen viel komplizierter. Die Fragen müssen auch gestellt werden, bevor etwas entgleist. Ich hoffe, dieses Fiasko auch in Bezug auf den Umgang mit Putin lässt uns merken, wie leichtsinnig wir waren. In der russischen Gesellschaft besteht keine Möglichkeit auf Opposition, bis hin zu Morden und Vergiftungen, was für gruselige Dinge! Putin hat sein eigenes Land ausgeraubt und völlig kaputt gemacht. Und entsetzlicherweise gibt es in Westeuropa Leute, die das nicht wissen wollen oder sich einen Despoten wünschen. Wie kann man in einer Demokratie so verwahrlosen?

STANDARD: In Österreich oder auch Deutschland fehlt oft ein Bewusstsein für das Privileg, in einem freien Land zu leben?

Müller: Ich kenne so viele zerstörte Lebensläufe, wenn die Leute nicht begreifen, wie viel Freiheit sie hier haben, dann werde ich richtig wütend. Diktatoren wissen ja, was sie ihrem Volk antun. Deswegen haben sie so Angst. Sie nehmen sich ganze Generationen.

STANDARD: In Ihren Büchern verbinden Sie einen eigenwilligen Umgang mit Sprache mit Sprachskepsis. Welches Motiv ist stärker?

Müller: Es gibt immer zwei Sprachen: die Staatssprache, die leere, nach Blech scheppernde Ideologie, die man fast nicht aushält; und es gibt die Sprache der Menschen. Die banatdeutsche Minderheit, aus der ich komme, war sehr reaktionär, das Nachdenken über den Nationalsozialismus haben sie nicht ertragen. Rumänien hat seine Geschichte gefälscht, es ist ja erst am vorletzten Kriegstag auf die Seite der Sowjetunion gewechselt. Man musste ständig darauf achten, dass man Ideologiesprache nicht nachbetet. Ich habe auch nie gesagt, dass mir die deutsche Sprache gefällt. Ein Wort von Jorge Semprún hat mich begleitet: Nicht Sprache ist Heimat, sondern das, was gesprochen wird.

STANDARD: Warum hat die Politik oft ein so verkrampftes Verhältnis zur Sprache?

Müller: Wenn Politiker ihre Individualität verlieren, sprechen sie nur noch in Klischees. Dadurch werden sie auch bedeutungslos. Menschen spüren intuitiv, welche Sprache wahrhaftig ist. Fast in jedem Satz merkt man, wie jemand denkt. Schon wie die Adjektive gesetzt werden, das verrät auch in der Politik so vieles. Sprache müsste das erste Interesse der Politiker sein. Viele wissen gar nicht, wie viel das ausmacht, welche Glaubwürdigkeit sie durch eine eigene Sprache erreichen könnten.

STANDARD: Stattdessen regiert überall die Message-Control.

Müller: Hinter solchen Leuten steckt doch nur eine Art von Größenwahn, eine Unverantwortlichkeit. Bei Sebastian Kurz wusste man nie, ist er ein Greis oder ist er infantil? Wenn Politiker die moralischen Maßstäbe verlieren, wenn sie ins Getriebene hineinkommen, dann geht es immer weiter. Innehalten ist dann nicht mehr möglich.

STANDARD: Sie haben gelegentlich gesagt, dass Ihnen die österreichische Sprache nahe ist.

Müller: Der Humor oder die Ironie, Artmann, Jandl, diese Art von Sinnlichkeit geht mir näher, das kommt bei mir aus einem Vertrauten. Wenn meine Mutter Dialekt gesprochen hat, war das Österreichisch, sie hat Tuchent gesagt. Ich hatte als Kind keine Bücher, die Sprache hat mich angesprungen, als ich zu lesen begann. Ich hatte überhaupt keinen Schutz.

STANDARD: Würden Sie sich als sprachexperimentell bezeichnen?

Müller: Nein. Ich suche nichts Kompliziertes, es soll dem Mündlichen ähnlich sein, es soll aussehen, als wäre es ganz leicht dahergekommen. Das kostet dann die viel Arbeit. Das kommt schon von dem Mitgebrachten.

STANDARD: In "Atemschaukel" verwenden Sie das Wort Wildwechsel als Metapher für Formen der Sexualität. Das erscheint mir ein gutes Beispiel für Ihren Umgang mit Sprache.

Müller: Das verweist auf Sexualität als Kompensation für alles andere. In Rumänien gab es eine Promiskuität, die war unglaublich, das war ein Ersatz für alles, was man nicht durfte. Das war nicht liberal, das war Verzweiflung. Es hat so viel Unglück gebracht und Zerstörung in den Gefühlen. In einem bedrängten, verelendeten Land ist eine feste Beziehung die einzige Sicherheit, das haben so viele Leute durch Affären in Gefahr gebracht. Dazu war Abtreibung verboten, Ceaușescu hatte fünf Kinder pro Frau verordnet, wenn jemand ungewollt schwanger wurde, war das eine Katastrophe. Der Geheimdienst hat dann aus den Waisenhäusern rekrutiert. Das hatte etwas Diabolisches.

STANDARD: Sie machen derzeit viele Collagen. Was sagt Ihnen an dieser Form zu?

Müller: Das ist ein Nachholbedürfnis, das Nachholen von Freiheit. Ich hatte oft Hausdurchsuchungen, ich musste Texte verstecken, oft sogar im Garten vergraben oder zu unverdächtigen Freunden bringen. Dass man zu Hause etwas liegen hat, ist nicht selbstverständlich. Ich habe auch immer den Eindruck gehabt, ich setze zusammen, weil ich so viel Zerbrochenes kenne. Wenn es die Vorgeschichte aus Rumänien nicht gegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht darauf gekommen.

STANDARD: Die literarische Öffentlichkeit wartet vermutlich auf einen weiteren großen Roman.

Müller: Das höre ich ständig. Ich habe gesagt, nein, solange ich diese Collagen mache, geht das nicht. Ich kann nicht mehreres zugleich, ich bin zu einfach gestrickt. Ich habe gern Gedichte als tragbares Gepäck im Kopf oder Lieder von Biermann, das hat mich immer behütet. (Bert Rebhandl, 30.3.2022)