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Nur die letzten Meter zum Sitzplatz ging Königin Elisabeth II. alleine. Zuvor stütze sie sich auf ihren Gehstock und auf Prinz Andrew (rechts).

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Vorab hatte nur eine Frage im Mittelpunkt gestanden: Würde die Queen überhaupt dabeisein können? Oder müsste die knapp 96-jährige Königin wegen ihrer Gesundheitsprobleme darauf verzichten, am Dankgottesdienst für ihren vor Jahresfrist verstorbenen Prinzgemahl Philip teilzunehmen?

Als sich am späten Dienstagvormittag hinter dem Thronfolger Charles und seiner Gattin Camilla das berühmte Westportal von Westminster Abbey schloss, mögen manche der vielen Hundert Schaulustigen für einen Moment Zweifel gehegt haben. Denn das royale Protokoll sieht eindeutig vor: Ihre Majestät kommt stets als Letzte und schreitet den langen Gang zu den Ehrenplätzen vor dem Altar hinab, an der stehenden Gemeinde vorbei.

Diesmal fiel die Normalität ins Wasser zugunsten einer pragmatischen Lösung. Weil der hochbetagten Dame das Gehen zunehmend schwerfällt, kam Elisabeth II. durch einen Seiteneingang ins gotische Gotteshaus. Praktischerweise hatten sich die Anwesenden, wie in der anglikanischen Kirche üblich, bereits zum Gesang des ersten Gemeindeliedes erhoben. Am Arm ihres zweiten Sohnes Andrew, in der rechten Hand einen Gehstock, legte sie sehr langsam die kurze Strecke zurück. Nur die allerletzten Schritte zu ihrem Ehrensessel ging die Queen allein.

"Mobilitätsprobleme"

Für das britische Staatsoberhaupt war dies der erste öffentliche Auftritt seit vielen Wochen. Nach einem Krankenhausaufenthalt im Herbst, den der Palast vergeblich zu vertuschen versuchte, hat Elisabeth II. wegen "Mobilitätsproblemen" immer wieder Termine absagen oder per Zoom absolvieren müssen. Mehrfach war sie mit einem Gehstock zu sehen, beklagte sich auch darüber, sie könne sich "nicht bewegen". Eine Covid-Erkrankung im Februar hingegen schien die bisher stets rüstige Königin gut überstanden zu haben. Zu ihrem Wohlbefinden trägt auch der endgültige Umzug aus dem seit langem ungeliebten Buckingham-Palast in London nach Schloss Windsor bei.

Wie Philips Witwe trugen auch dessen Tochter Anne und Schwiegertochter Camilla Kleider in Dunkelgrün, der Farbe der offiziellen Amtstracht eines Herzogs von Edinburgh. Auch schottische Stimmen kamen prominent zu Wort. So las der Moderator der presbyterianischen Generalsynode, Jim Wallace, einen Abschnitt des Propheten Jesaja. Gebete sprachen die Pfarrer von Kirchen nahe der Königsschlösser von Balmoral, Sandringham und Windsor, in denen Prinz Philip an der Seite seiner Frau jahrzehntelang zum Sonntagsgottesdienst erschienen war. Kurioserweise erschien im offiziellen Programm Sarah Mullally als "Dekanin der royalen Kirchen"; im Hauptberuf ist die Geistliche Bischöfin von London und steht damit auf Platz drei der Hierarchie innerhalb der englischen Staatskirche.

Fehler wie die ganze Menschheit

Die Queen erzählt in ihren Weihnachtsansprachen immer wieder von der christlichen Botschaft – Hinweis auf ihre tiefe Religiosität –, Prinz Charles führt gern theologische Fachgespräche. Der Glaube des Prinzgemahls hingegen sei eher praktischer Natur gewesen, berichtete der Domdekan von Windsor, Bischof John Conner, in seiner kurzen Ansprache: "niemals dogmatisch, sentimental oder zur Schau getragen". Theologische Debatten habe er für "Zeitverschwendung" gehalten. Neben allerlei positiven Charaktereigenschaften sprach der Bischof auch offen die Kratzbürstigkeit des Prinzen an. Der Verstorbene sei "wie die ganze Menschheit mit Fehlern behaftet" gewesen.

Die feierliche Zusammenkunft von mehreren Hundert Gästen in der traditionellen Krönungskirche im Herzen Londons stand mit imperialer Grandezza in der Tradition royaler Anlässe. Hingegen war der Trauergottesdienst im April letzten Jahres in der Schlosskirche St. Georg von Windsor stark von den damals herrschenden Corona-Regeln betroffen gewesen. Lediglich 30 Trauergäste durften damals von dem 99-jährig Verstorbenen Abschied nehmen; die Gefährtin seiner 73 Ehejahre musste allein und mit schwarzer Maske in einer Kirchenbank Platz nehmen. Das Bild der einsamen Queen ging damals um die Welt.

Diesmal war nicht nur politische Prominenz, angeführt von Premierminister Boris Johnson und Oppositionsführer Keir Starmer, vertreten. Zu Dutzenden war auch der europäische Hochadel ins frühlingshafte London gereist, angeführt von den gekrönten Staatsoberhäuptern einer Reihe von EU-Mitgliedern, darunter Spanien, Dänemark und die Niederlande, sowie Norwegens.

An Prinz Andrews Arm

Unumstrittene Stargäste aber waren die Urenkel des toten Prinzen, allen voran die beiden ältesten Kinder von Prinz William und seiner Frau Catherine, George und Charlotte. Der Achtjährige und die Sechsjährige nehmen Platz drei und vier in der britischen Thronfolge ein. Artig schüttelten die Kinder am Eingang zur Kirche einem halben Dutzend Geistlichen im bunten Ornat die Hand; Charlotte entzückte den Erzbischof von Canterbury, das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche, durch ein liebenswürdiges Lächeln, ehe sie an der Hand ihrer Mutter den langen Kirchengang mehr hopsend als gehend absolvierte.

Dass die Königin am Arm ihres durch einen Sexskandal diskreditierten Sohnes Andrew in der Abbey erschien, sorgte bei manchen Beobachtern für Stirnrunzeln. Erst vergangenen Monat hatte der Herzog von York den drohenden Rechtsstreit mit einem Opfer des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein durch eine Millionenzahlung abgewendet. Öffentliche Auftritte absolviert der 62-Jährige bereits seit zwei Jahren nicht mehr. Die Teilnahme am Dankgottesdienst für seinen Vater dürften ihm auch die ärgsten Kritiker nachsehen, zumal er – als einziger prominenter Royal ohne Frau an seiner Seite – umso leichter seiner hinfälligen Mutter behilflich sein konnte. (Sebastian Borger aus London, 30.3.2022)