Jürgen Melzer ist davon überzeugt, dass Dominic Thiem irgendwann die Handbremse lösen wird.

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Thiems Weg zurück an die Weltspitze wird kein leichter.

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Nach neun Monaten Pause wegen einer hartnäckigen Handgelenksverletzung ist Österreichs Tennisstar Dominic Thiem auf die Profitour zurückgekehrt. Gegen den Argentinier Pedro Cachin, die Nummer 228, setzte es am Dienstag eine 3:6, 4:6-Niederlage beim Challenger von Marbella. Jürgen Melzer, der Sportdirektor des Tennisverbands ÖTV und Kapitän des Daviscup-Teams, überraschte das nicht. Der 40-Jährige glaubt, dass es bei Thiem irgendwann Klick machen wird, und weiß aus eigener Erfahrung, dass der Weg zurück zu alter Form ein steiniger ist. Das Comeback ist übrigens unterbrochen. Thiem wurde am Mittwoch positiv auf Corona getestet.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das erste Match von Dominic Thiem nach seiner langen Verletzungspause?

Jürgen Melzer: Ich würde das gestrige Match nicht überbewerten. Man hat gesehen, dass ihm die Matchpraxis und die Selbstverständlichkeit im Spiel fehlt. Dass er in manchen Situationen noch nicht weiß, wo er den Ball hinspielen soll. Das ist ganz normal. Er hat noch nicht viele Trainingsmatches gespielt, aber selbst die können keine Wettkampfpraxis ersetzen. Die braucht er jetzt vor Paris, dann wird er dort wesentlich besser dastehen.

STANDARD: Thiems Vorhandschläge wirkten vorsichtig, selten druckvoll. Ist das die Schranke im Kopf?

Melzer: Ich kann nicht in Dominic hineinschauen. Aber wenn man es von außen betrachtet, war die Vorhand vor der Verletzung natürlich dominanter. Er wird das Vertrauen in seine Schläge und den Rhythmus in den nächsten Wochen wieder finden.

STANDARD: Welche Herausforderung ist nach einer so langen Verletzungspause größer: die physische oder die mentale?

Melzer: Wenn zu zurückkommst, und du weißt, es tut dir nichts mehr weh, dann ist es nur mehr ein Reinkommen in gewohnte Abläufe. Du lässt irgendwann im Zuge der Matches die Handbremse los. Das kannst du dir aber nur bei Turnieren erarbeiten. Im Training geht es womöglich etwas leichter, da ist es aber auch nicht schlimm, wenn du ein paar Fehler machst. Die entscheidenden Punkte hat Dominic gestern noch nicht so gut gespielt, wie man das aus der Vergangenheit von ihm kennt. Aber das ist normal nach so einer langen Pause. Das hat man bei Stan Wawrinkas Comeback-Niederlage gegen Elias Ymer im Match davor gesehen. Auch Stan hatte Probleme.

STANDARD: Thiem sprach davon, dass er bei jedem Schlag nachdenken musste, wohin er den Ball spielen möchte. Ist Spitzentennis nicht genau das Gegenteil davon? Stichwort: Automatismen.

Melzer: Wenn es ohne Training und Wettkampfpraxis gehen würde, wäre Tennis ein sehr einfacher Sport. Die Konkurrenz ist nicht stehen geblieben, man merkt, wie hoch die Dichte im Tennissport ist. Ohne Rhythmus kann man eben auch gegen die Nummer 228 der Welt verlieren. Das ist aber auch das Schöne an diesem Sport.

STANDARD: Thiem hat in seiner Karriere bereits 16 Siege gegen Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer gefeiert, gewann ein Grand Slam-Turnier, war die Nummer drei der Weltrangliste. Wie schwierig ist es, seine eigene Erwartungshaltung herunterzuschrauben?

Melzer: Nach meiner Schulterverletzung wusste ich, dass ich Zeit brauche. Das ist dann oft ein Match, wo es Klick macht. Du musst vielleicht auch über eine klassische Schweinspartie drüber, mit einem 7:5-Sieg im dritten Satz, und dann bist du wieder voll dabei und kannst dir gar nicht mehr vorstellen, wie schwierig der Anfang war. Aber da muss Dominic jetzt durch. Solange ihm nichts wehtut, ist alles gut.

STANDARD: Sie kämpften während Ihrer aktiven Karriere jahrelang mit einer Schulterverletzung. Wie haben Sie diesen Rückschlag verarbeitet?

Melzer: Es gab Tage, wo Fortschritt spürbar war, die Schulter hat mich aber auch immer wieder zurückgeworfen. Du musst die Dinge richtig einordnen können. Dominic hat erfahrene Leute um sich, du musst dich auch auf andere Meinungen verlassen können.

STANDARD: Lernt man bei manchen Verletzungen auch, damit zu leben, dass es körperlich nie wieder so sein wird wie vorher?

Melzer: Bei meiner Schulter wusste ich, dass es nie wieder so sein wird wie früher. Ich habe zehn bis 15 km/h beim Aufschlag verloren. Generell glaube ich, dass es im Leben eines Profisportlers nur wenige Tage gibt, wo dir gar nichts wehtut. Manchmal zwickt es mehr, manchmal weniger. Man lernt, damit umzugehen. Das ist Teil des Berufs.

STANDARD: Auch Nadal, Djokovic oder Federer mussten körperlich Federn lassen in ihren langen Karrieren, feierten nach Verletzungen aber auch Grand-Slam-Triumphe.

Melzer: Djokovic hatte mit Ellbogenproblemen zu kämpfen, bis er sich operieren ließ. Nadal hat über seine gesamte Karriere hinweg immer wieder körperlich Probleme, lernte aber, damit umzugehen. Er ist der Beste, wenn es darum geht, Wehwechen wegzustecken. Da kann sich jeder Tennisspieler eine Scheibe von Rafa abschneiden. (Florian Vetter, 30.3.2022)