Wolfgang Daniel neben einem Gasrohr, in dem Druck und Temperatur angepasst werden

Foto: Andy Urban

Am Rand des Areals stehen die vier Gasometer, die früher als Gasbehälter dienten

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"Odor-Kammerl"

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Wenige Gerüche versetzen die Wienerinnen und Wiener derart in Alarm wie jener von Erdgas: Er ist markant stechend, faulig, stinkt ähnlich wie verdorbene Eier. Den Gestank nimmt man meist wahr, wenn er nicht da sein sollte – wenn eine Leitung undicht ist etwa.

Dabei riecht Gas eigentlich nach gar nichts – zumindest solange der Rohstoff in den unterirdischen Fundstätten liegt. Es kommt auch duftfrei in den großen, leuchtend gelben Rohren auf dem Gelände der Wiener Netze an. Das städtische Unternehmen versorgt die Hauptstadt und ihre Umgebung mit Energie. Ehe das Gas durch die Leitungen in die Häuser und Gebäude strömt, legt es in der Zentrale in Simmering einen wichtigen Zwischenstopp ein. 220.000 Quadratmeter ist das Gelände groß, es verfügt über eigene Straßen und Werkstätten, 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werken hier.

Odor-Kammerl

In der abgeriegelten "Gaskernzone", einem zwischen Zählerstraße und Hauptstraße gelegenen, durch ein Eingangstor mit dem Hinweisschild "Odor-Tor" gelegenen Gebäude, kommt das Gas zu seinem Gestank. In der großen Halle wird es zunächst in zwei großen gelben Rohren auf die richtige Temperatur und den richtigen Druck gebracht. Die zehn Grad Celsius sind notwendig, damit sich das Gas und der Duftstoff später vermengen können. Und die knapp vier Bar, damit es anschließend den "weiten Weg in dünnen Röhren zu den Kundinnen und Kunden machen kann", wie Wolfgang Daniel, Leiter der Abteilung Netzbetrieb Gas, ausführt.

Nächster Halt ist die Odorierungsstation, intern auch als "Odor-Kammerl" bekannt. Der Raum ist rund zehn Quadratmeter groß. Hier stehen die Metallbehälter mit dem Duftstoff, Nachschub wird im Raum nebenan gelagert. Das Gas bewegt sich hier in dicken Rohren unter dem Gitterboden. Diese sind wiederum über dünne Rohre mit den Metallkesseln über ihnen verbunden. Sie beinhalten den Odor, eine nach Schwelgas riechende farblose Flüssigkeit: Tetrahydrothiophen, kurz THT. Sie wird über eine kleine Öffnung mittels Pumpe ins Gas gespritzt. Mit einem lauten Klacken verlässt das parfümierte Gas schließlich die Anlage – ein Kubikmeter pro Klick.

Die Wiener Netze sind der größte sogenannte Kombinetzbetreiber des Landes. Über ihre Leitungen beliefern sie mehr als zwei Millionen Kundinnen und Kunden in ganz Wien, Teilen Niederösterreichs und des Burgenlands mit Strom, Gas, Fernwärme und Telekommunikation. Ihr Energienetz hat eine Länge von 28.500 Kilometern, was der Distanz von Wien nach Sydney und wieder retour entspricht. 1899 wurden das städtische Gaswerk und das dazugehörige Rohrnetz in Betrieb genommen. 1912 kam das zweite Gaskraftwerk in der Leopoldau hinzu, in den 1980er-Jahren wurde die Hochdruck-Ringleitung rund um Wien fertiggestellt.

Zukunft des Gases

Wolfgang Daniel hat als Werkmeister angefangen. In seinen Anfangsjahren waren 90 Personen im Schichtbetrieb für die Überwachung und Steuerung des Gasnetzes zuständig. Durch die Digitalisierung und die Zusammenlegung von drei Standorten auf einen sind es ein paar Jahrzehnte später 18. Jede Armatur, jedes Gerät arbeitet vollautomatisch, wird ferngesteuert und überwacht. Und auch der Rohstoff hat sich geändert: Zu Beginn wurde Stadtgas eingesetzt, ein durch Kohlevergasung erzeugtes Brenngas. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts stellte man europaweit auf Erdgas um. Dass dieses zu beträchtlichen Teilen aus Russland stammt, erweist sich spätestens seit der Invasion in die Ukraine als Schwäche der europäischen Energieversorgung.

Auch in Österreich steht die Regierung dieser Tage unter Druck, rasch für Alternativen zu sorgen. Hinzu kommt der Klimaaspekt: Der schrittweise Ausstieg aus Gas ist im Regierungsprogramm verankert. Daniel sagt: "Wir verfolgen die Situation natürlich permanent." Er aber blicke der Zukunft entspannt entgegen. Schließlich passe man sich auch bei den Wiener Netzen der Zeit an, an Zukunftstechnologien werde stets gearbeitet. So sei die Produktion von Wasserstoff in Planung. Der Energiebedarf des Campus in der Zentrale in Simmering ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, vollständig mit Photovoltaikanlagen, Grundwassernutzung und Solarthermie gedeckt. "Wir versorgen die Wienerinnen und Wiener seit 120 Jahren mit Energie, und ich gehe davon aus, dass wir das auch die nächsten 120 Jahre machen werden", sagt Wolfgang Daniel.

Was sich hingegen nicht so bald ändern dürfte, ist der Gasgeruch. Gas riecht nicht überall auf der Welt gleich, selbst in Österreich nicht. "S Free" ist ein weiterer Duftstoff im Sortiment, der hierzulande ebenfalls eingesetzt wird, wenn auch wesentlich seltener. Man habe schon einmal über einen Umstieg nachgedacht, sagt Daniel, habe den Geruch verglichen ("S Free" riecht nach Kleber), auch die Preise (sind etwa gleich), aber: "Die Menschen haben sich an den markanten Geruch gewöhnt." Würde er geändert werden, würde die Gefahr nicht mehr erkannt werden. (Anna Giulia Fink, 1.4.2022)