Am Eröffnungstag ging es vorrangig ums Kennenlernen und um die Einstufung der Jugendlichen.

Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Iryna Khamayko koordiniert das Projekt vor Ort.

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Fenster hat das kleine Besprechungszimmer im fünften Stockwerk des Gebäudes mitten im ersten Bezirk keine. Dafür zeigen die Fototapeten an den Wänden links und rechts des großen Besprechungstischs eine idyllische Bergseeszenerie. Zwischen den blau-grünen Gewässern herrscht Betriebsamkeit. Jugendliche ziehen, noch in ihre dicken Winterjacken gehüllt, die Masken unter die Nasen und stierln unter der Anweisung einer Lehrerin in diesen herum, rühren das Stäbchen danach in einem mit Flüssigkeit gefüllten kleinen Behälter und tropfen es auf den Teststeifen. Bevor es im neuen "Ukrainian Educational Center Vienna", das die Stadt gemeinsam mit der Raiffeisen Centrobank am Freitag eröffnet hat, losgehen kann, müssen sich die Jugendlichen sich testen.

Vlad ist einer jener Teenager, die gerade noch auf das Testergebnis warten, bevor es in die weit größeren und fensterreicheren Räume auf der anderen Seite des Stockwerks geht. Auf seinem iPhone hat der 17-Jährige seinen Vor- und Nachnamen in lateinischer Schrift eingespeichert. So schreibe man das, sagt er in gutem Englisch. Der junge Bursche ist mit seiner Familie nach Ausbruch des Krieges aus der Westukraine nach Österreich geflohen. Ab kommendem Montag wird er sich mit rund 60 Jugendlichen im Bildungszentrum auf die Matura vorbereiten. Insgesamt gibt es Plätze für 120 Personen.

Unterricht in der Muttersprache

Das Zentrum ist auf ukrainische Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 18 Jahren ausgerichtet. Viele von ihnen standen in ihrem Heimatland eigentlich kurz vor der Matura. Im Bildungszentrum sollen sie auf die Abschlussprüfung vorbereitet werden und zusätzlich ihre Deutschkenntnisse verbessern. "Diese Jugendlichen hätten keine Chance, in Österreich die Matura in nur wenigen Wochen und auf Deutsch zu schaffen", sagt Iryna Khamayko, die das Projekt vor Ort koordiniert. Stattdessen werden sie hier in ihrer Muttersprache in den Maturafächern von Lehrerinnen, die selbst aus der Ukraine geflohen sind, unterrichtet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Hauptfächern Ukrainisch, Mathematik und Englisch. Gepaukt wird ab Montag ganztägig.

Im Juni oder Juli – das müsse man noch mit den lokalen Bildungsdirektionen in der Ukraine abklären – sollen die Jugendlichen dann online und unter Aufsicht der Lehrenden in Wien im Bildungszentrum die ukrainische Matura absolvieren können.

Einstufung in Gruppen

Das ist am ersten Tag aber noch Zukunftsmusik. Erst einmal steht das Kennenlernen sowie die Einteilung in Gruppen an. Dafür wird ein kleiner Test gemacht, je 15 Jugendliche werden dann nach ihrem Wissensstand in eine Klasse eingeteilt. Die Räumlichkeiten in der Tegetthoffstraße mit rund 1.600 Quadratmeter Fläche werden von der Raffeisen Centrobank zur Verfügung gestellt; ebenso die Lernunterlagen und Verpflegung der Jugendlichen. Interface Wien als Bildungspartnerin der Stadt betreibt das Zentrum. Rund 360.000 Euro an Gesamtkosten fallen für das Projekt bis Ende August an. Die Kosten werden zwischen Bank, einer Stiftung und Stadt gedrittelt. 120.000 Euro entfallen demnach auf die Stadt.

Darin inbegriffen sind auch die Personalkosten. Die geflohenen Lehrenden werden von Interface angestellt, sobald sie ihren Aufenthaltstitel für Vertriebene haben, erklärt die Geschäftsführerin von Interface Wien, Margit Wolf, das Prozedere. Die ersten von ihnen haben bereits Verträge.

Deutschkurse im Sommer

Nach der Matura wird dann im Sommer noch ein stärkerer Fokus aufs Deutschlernen gelegt. Am Ende sollen die Jugendlichen den Sprachlevel A2 bis B1 erreichen, also die Sprache selbstständig in Alltagssituationen anwenden können. "Es handelt sich bei diesen jungen Menschen um eine sehr bildungsaffine Gruppe", sagt Wolf. Die Jugendlichen würden bereits gut Englisch sprechen und auch schreiben. Durch den Englischunterricht in ihrem Heimatland beherrschen sie bereits das lateinische Alphabet, Ukrainisch wird mit einer Variante des kyrillischen Alphabets geschrieben.

Mehr als 12.000 Geflüchtete haben sich in Wien laut dem Integrations- und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) bereits registriert. Ein großer Teil davon sind Junge. Mehr als 40 Prozent seien jünger als 18. Rund 1.100 Schulkinder hätten bereits einen Platz in einer Bildungseinrichtung. Nun gehe es um jene Jugendlichen, die nicht mehr schulpflichtig sind. "Es ist wichtig, den jungen Menschen hier eine Chance auf Bildung und eine Zukunftsperspektive zu bieten", sagte Wiederkehr am Freitag. Das Bildungszentrum solle aber nicht nur Lernort, sondern auch ein Ort für sozialen Austausch sein: "Gerade in dieser schwierigen und belastenden Situation brauchen Jugendliche ein soziales Miteinander mit Gleichaltrigen und ein Stückchen ihres Alltags zurück." Denn mit der Flucht vor dem Krieg dürfe die Bildungslaufbahn der Jugendlichen nicht enden.

Ob und wann Vlad zurück in die Ukraine geht, ist noch offen. Vielleicht wird er auch in Wien studieren, sagt er. Zuerst muss er sich noch auf die Matura vorbereiten. Dem steht nichts mehr im Weg. Der Antigentest zeigt nur ein Stricherl an. Negativ. Muss also nur noch der Einstufungstest gut laufen. (Oona Kroisleitner, 1.4.2022)