Auf der Schattenseite des Lebens steht die Seele auf dem Spiel: Schlemihl (Marius Zernatto, re.) und der ominöse "graue Herr" (Florian Stohr).

Foto: Rita Newman

Vor nicht allzu langer Zeit feierte Peter Schlemihl, das weltberühmte Geschöpf des Romantikers Adelbert von Chamisso, ein Comeback. Der Ärmste, der aus lauter Not seinen Schatten gegen einen Goldsäckel eintauscht, der niemals leer wird, tauchte 2014 in dem Roman Pfaueninsel des Autors Thomas Hettche auf. Dort verfertigte er, in der Zwischenzeit offenbar grillenhaft geworden, Schattenrisse von Zwerginnen.

Jetzt ist Peter Schlemihls wundersame Geschichte kaum weniger unverhofft im Wiener Renaissancetheater gelandet. Mit einem Mal scheint das Theater der Jugend ein Filialbetrieb geworden zu sein: Schlemihls Schattendouble gleicht nicht nur seinem Besitzer aufs Haar. Beide, der faszinierend spröde Schlemihl (Marius Zernatto) und sein Ebenbild, könnten direkt aus der Werkstätte des US-Regisseurs Robert Wilson nach Wien-Neubau geflüchtet sein. Wo sie jetzt mit einem stark traumähnlichen Biedermeier konfrontiert sind (Ausstattung: Friedrich Eggert).

Recht bald versprühen die beiden aufgrund der merkantilen Umtriebe eines "grauen Herrn" (Florian Stohr) schlechte Laune. Der Autor höchstselbst (Valentin Späth als Chamisso) mengt sich ins Geschehen. Die Handlung, von Gerald Maria Bauer (Regie) und Sebastian von Lagiewski auseinandergezwirbelt, schreitet in Siebenmeilenstiefeln voran – und tritt doch merkwürdig auf der Stelle. Wenn da nicht die kostbaren Bob-Wilson-Augenblicke wären, voller Schatten vor hellem Grund.

Kleinere Proben romantischer Ironie müssen aufgrund des jugendlichen Alters der Zuschauerinnen unbemerkt bleiben. Aus Anlass von Schlemihls Ankunft in der Arktis hat man sich an den Eigenmächtigkeiten des Schattens (Stefan Rosenthal) einigermaßen sattgesehen. Es gilt das Motto: Schatten machen Leute! Kunstmärchen hingegen taugen nicht unbedingt als Dramen. (Ronald Pohl, 4.4.2022)