Der Halbleiterhersteller Infineon in Villach gehört zu den Großen in der österreichischen Elektronikindustrie.

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Wien – Damit sich beim nächsten Verhandlungstermin etwas bewegt, gibt es am 25. April Betriebsräteversammlungen in den Bundesländern. Da munitionieren sich die Lohnverhandler der Gewerkschaft gemeinsam mit den Betriebsräten der Elektro- und Elektronikindustrie auf. Diesen Schritt erachten sie als notwendig, weil sich die Arbeitgebervertreter in der Verhandlungsrunde am Montag nicht bewegt hätten.

Rechnerisch sind die von Produktions- und Angestelltengewerkschaft geforderten sechs Prozent mehr für Löhne und Gehälter in der Elektro- und Elektronikindustrie nachvollziehbar. Ob sie realistisch sind, steht auf einem anderen Blatt.

Die Inflation lag in den maßgeblichen zwölf Monaten (ab April 2021) bei 2,5 Prozent höher und der für Mindest- und Ist-Lohnerhöhung maßgebliche Produktivitätsfortschritt belief sich auf 3,5 Prozent. Der Industrie sind die Forderungen erklärtermaßen viel zu hoch,

Mit Blick auf die aktuelle Inflationsentwicklung, die IHS und Wifo im Gesamtjahr 2022 auf 5,5 und 5,8 Prozent taxieren, könnten derartige Berechnungen freilich Makulatur sein. Denn im Fall eines Gasboykotts – von welcher Seite auch immer ausgerufen – würde die Teuerungsrate wohl zweistellig ausfallen – und das nicht nur vorübergehend – und das wäre in einer Lohnerhöhung nicht mehr abzubilden..

Problem Kerninflation

Nicht viel besser sieht es bei der sogenannten Kerninflation aus, also der Teuerungsrate ohne Energie und Lebensmittel, die von Arbeitgebern immer dann ins Spiel gebracht wurde, wenn die Energiekosten hoch waren. Auch diese Kerninflation ist seit November nicht mehr wirklich niedrig – sie stieg aufgrund von Lieferengpässen von 2,5 auf 3,8 Prozent im Februar 2022.

Öffentliche Aufträge wie U-Bahn- oder Elektrotriebzüge sorgen bei Siemens und Co für volle Auftragsbücher.
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Bei der Forderung der Arbeitnehmer von sechs Prozent Erhöhung von Löhnen und Gehältern – die Zahl der Arbeiter und Angestellten unter den rund 67.000 Beschäftigten hält sich ungefähr die Waage – fällt darüber hinaus ins Gewicht, dass der Abschluss 2021 mit 2,0 Prozent einen Bruttoreallohnverlust darstellte. Die Jahresinflation belief sich seit April 2020 auf 2,8 Prozent. Dieser Gefahr wollen sich die Lohnverhandler heuer nicht erneut aussetzen.

Energiekostendilemma

Wie man es auch wendet, die Energiekosten sind Dreh- und Angelpunkt in der Frühjahrslohnrunde. Für die Betriebe vom Kraftwerksbauer Andritz über Infineon und Siemens bis zum Lichtkonzern Zumtobel ist das Match kaum zu gewinnen. Sie müssen versuchen, Energiepreissteigerungen eins zu eins weiterzugeben beziehungsweise durch Produktivitätssteigerung einzuarbeiten, skizziert Benjamin Bittschi vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo die Zwangslage. Vor allem Ersteres gelingt in einer unter enormem Kostendruck stehenden Branche naturgemäß nur teilweise.

Ein wenig dämpfend wirken sollten die von der Regierung in Aussicht gestellte Energieabgabensenkung und die Steuerreform, die heuer zumindest teilweise Wirkung entfaltet. Berechnen lässt sich das Ausmaß der staatlichen Stütze allerdings kaum. "Staatliche Maßnahmen helfen bei der Nettolohnentwicklung schon", sagt der Wifo-Einkommensexperte.

Nicht viel zu verteilen

Viel an Produktivitätsgewinnen zum Verteilen sieht der Konjunkturexperte des Instituts für Höhere Studien (IHS), Helmut Hofer, allerdings nicht. Wohl sähen die Wachstumsraten auf dem Papier gut aus, die Post-Covid-Erträge würden das Bild aber verzerren. Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 sehe der Produktivitätsfortschritt deutlich magerer aus. "Was nicht im Land erwirtschaftet wird, kann ich nicht verteilen", stellt Hofer mit Verweis auf die importierte Inflation klar. Das Geld sei schließlich bereits für höhere Energierechnungen ins Ausland geflossen. Somit steige der Druck zur Rationalisierung, was für die Beschäftigung in einer von Lieferengpässen, Abwanderung und hoher Konzentration geprägten Branche eher unvorteilhaft sei.

Erholung und Aufwärtstrend

Die Arbeiterkammer attestiert in ihrer im Auftrag der Gewerkschaft erstellten Branchenanalyse eine deutliche Erholung in der Branche samt Aufwärtstrend – obwohl Chip- und Corona-Krise den Aufschwung bremsten. Der Produktionswert in den ersten drei Quartalen 2021 stieg gegenüber dem Vergleichszeitraum 2020 um 11,4 Prozent, die Auftragseingänge gar um 25 Prozent. In den Büchern standen Aufträge über rund elf Milliarden Euro – um neun Prozent mehr als im Jahr davor.

Stichwort Konzentration in der Branche: Das Bild ist insofern verzerrt, als allein die drei umsatzstärksten Unternehmen (Infineon, Siemens und Siemens Mobility) mit 5,5 Milliarden Euro 32 Prozent des Umsatzes der 88 untersuchten Branchenunternehmen erwirtschafteten.

Verhaltener Optimismus

Der Wifo-Konjunkturtest der Branche fiel entsprechend optimistisch aus. Das freilich ist auch im Lichte des Horrorjahres 2020 zu sehen, da brachen die kumulierten operativen Gewinne um 32 Prozent ein, nach einem Rückgang 2019 um fast neun Prozent. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine sorgt auch hier für Verunsicherung.

Allerdings erwirtschaftete nur die Hälfte der Unternehmen ein höheres Betriebsergebnis (Ebit), wobei kleinere Unternehmen tendenziell eine bessere Ertragsentwicklung aufwiesen. Bei den Dividenden gab es dennoch keine Zurückhaltung. Die Gewinnausschüttungen der 88 untersuchten Unternehmen an ihre Eigentümer bzw. Mutterkonzerne stiegen um 57 Prozent. (Luise Ungerboeck, 5.4.2022)