Die Grazer Synagoge wird für die zahlreichen Aktivitäten zu klein, jetzt soll angrenzend ein eigenes jüdisches Kulturzentrum eingerichtet werden.

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Da scheint einiges in der Kommunikation schiefgelaufen zu sein. Die Aufregung war jedenfalls erheblich. Es geht um ein altes Versprechen des ehemaligen Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl (ÖVP) an die Grazer jüdische Kultusgemeinde. Diese plant die Expansion ihres Kulturzentrums, neue Räumlichkeiten neben der Synagoge sollen dafür adaptiert werden. Kosten: rund eine Million Euro, Stadt und Land Steiermark werden sich den Aufwand teilen – so das Paktum.

Erste Vorarbeiten für die Adaptierungen sind bereits angelaufen. Zwei Mieter seien ausgekauft, Böden neu verlegt worden. 60.000 Euro seien nun nötig, um mit den Arbeiten zügig weiterzukommen, "aber die sind nicht da, jetzt steht das Werkl sozusagen, die Arbeiten mussten gestoppt werden", sagt der Präsident der Kultusgemeinde, Elie Rosen. Um hinzuzufügen: "Ich will jetzt aber keine Politiksache daraus machen."

Attacke auf "Linksregierung"

Aus der neuen rot-grün-roten Stadtregierung habe es geheißen – so sei es ihm mitgeteilt worden –, dass noch entsprechende Beschlüsse abgewartet werden müssten. Was Rosen nicht ganz verstehen kann, denn an sich sei ja alles mit dem ehemaligen Bürgermeister Siegfried Nagl paktiert worden. Die Zeit dränge jedenfalls, zumal die Baukosten mit der Teuerung zusätzlich steigen. Die Gebäude- und Baumanagement Graz GmbH (GBG), ein Unternehmen der Stadt Graz, soll prinzipiell die Umsetzung des Kulturzentrums übernehmen. Was bisher noch nicht geschehen ist.

Die steirische Ausgabe der Kronen Zeitung nahm den Baustopp zum Anlass, um der neuen "Linksregierung", wie es hieß, die in den lokalen Medien ohnehin noch Akzeptanzprobleme hat, eine gepfefferte Schlagzeile auf den Tisch zu knallen: "Übles Polittheater um jüdisches Kulturzentrum", hieß es dieser Tage. Man stelle sich taub, die rot-grün-rote Rathauskoalition halte sich nicht an Versprechen, die Nagl der jüdischen Gemeinde gegeben habe, wonach das Kulturzentrum finanziert werde.

Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) vertröste nur, und Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne) verzögere die Sache.

Dabei: Es sei ein österreichweit außergewöhnliches Projekt, sagt Rosen, "denn nicht einmal Wien hat ein Kulturzentrum dieser Art, wie es in Graz geplant ist". Es sei aber auch notwendig geworden, weil der sakrale Raum in der Synagoge allmählich zu klein geworden sei für all die kulturellen Aktivitäten der Gemeinde, "das hat den Rahmen längst gesprengt", sagt Rosen.

Es seien das ganze Jahr über Aktivitäten in Planung. Ein Gutteil widmet sich pädagogischen Programmen, wo mit Kindern und Eltern gearbeitet werde – im Sinne einer Kulturvermittlung des Judentums, "wir wollen die Synagoge erlebbar machen", sagt Rosen.

Es werden auch eigene Gruppen-Apps und auch Comics entwickelt. Der Bogen spannt sich zum vielschichtigen Schwerpunkt Antisemitismusprogramm bis zum kulturell-wissenschaftlichen und künstlerischen Part. "Auch für all die Vorträge und Konzerte brauchen wir einfach dringend neue größere Räumlichkeiten", sagt Rosen.

Kooperation mit Slowenien

Hinzu komme die geografische Expansion im Sinn einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn Slowenien, weil Graz sozusagen expandiere und mit der Gemeinde in Ljubljana zusammengefunden habe.

Um das jüdische Leben in der Steiermark und Slowenien wiederzubeleben und zu stärken, haben die Jüdische Gemeinde von Graz und die Jüdische Gemeinde Sloweniens den Verband der Jüdischen Gemeinden Graz und Ljubljana gegründet. Damit wurde eine in dieser Form bisher einmalige supranationale Föderation ins Leben gerufen, sagt Rosen. Die Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinden Ljubljana und Graz kann auf ein gemeinsames historisches Erbe zurückblicken. Ljubljana war zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie eine sehr überschaubare Gemeinde. Von den 1880er-Jahren bis zum Zusammenbruch der Donaumonarchie gehörten die Juden der Krain, zu der auch Laibach zählte, offiziell zur Jüdischen Gemeinde Graz. Der Oberrabbiner versah auch die rabbinischen Funktionen in der heutigen slowenischen Hauptstadt. Die Standesregister der Juden Ljubljanas werden bis heute im Archiv der Jüdischen Gemeinde Graz aufbewahrt.

Alles nur ein Irrtum?

Dass die neue Stadtregierung die Finanzierung dieses geplanten jüdischen Kulturzentrums auf die lange Bank schieben will, wird im Rathaus engagiert bestritten. Alles nur ein Kommunikationsproblem? Vizebürgermeisterin Schwentner kann die entstandene Aufregung überhaupt nicht nachvollziehen: "Es ist zwar nicht mein Ressort, aber ich weiß, es ist ohnehin alles auf Schiene. Es war immer klar, dass die Stadt die Verantwortung für die Finanzierung übernimmt."

Bürgermeisterin Kahr sagt im Gespräch mit dem STANDARD, dass "der Pakt, den die Kultusgemeinde und Präsident Rosen mit Nagl geschlossen haben, natürlich eingehalten wird". Bei der nächsten Gemeinderatssitzung werde alles unter Dach und Fach gebracht werden.

"Ein Missverständnis"

Noch arbeite die Stadtregierung ja mit einem provisorischen Budget, die Budgetverhandlungen seien noch nicht abgeschlossen. "Aber selbstverständlich stehen wir voll zu diesem jüdischen Kulturzentrum und leisten auch die Finanzierung. Ich habe auch schon mit dem Land gesprochen – und auch von dort gibt es eine klare Zusage der Kofinanzierung", sagt Kahr. "Ich glaube, das Ganze war ein riesiges Missverständnis. Und ein Knoten in der Kommunikation." (Walter Müller, 5.4.2022)