In den Frauenkörper hineinhören: Noch gibt es im Bereich der geschlechtersensiblen Medizin einen entsprechenden Aufholbedarf.

Getty Images/iStockphoto

Die SPÖ-Frauen plädieren für einen deutlich stärkeren Fokus auf die weibliche Seite am Krankenbett: Mireille Ngosso, Renate Heitz, Eva-Maria Holzleitner (von links).

MecGreenie Production

Linz – Auch wenn Frauen in Österreich eine statistische Lebenserwartung von 84 Jahren erreichen – und somit im Durchschnitt um 4,7 Jahre länger als Männer leben –, liegen sie bei den gesunden Jahren gleichauf. Die Gründe dafür sind vielfältig, mit individueller Gendermedizin könnten viele Risikofaktoren minimiert werden. Doch längst ist der geschlechterspezifische Zugang im Bereich der Prävention und Behandlung noch nicht in allen Arztpraxen angekommen und der Mann meist das Maß der Dinge in der Medizin. Ein Umstand, den Oberösterreichs SPÖ-Frauen jetzt so nicht länger hinnehmen wollen. Gefordert wird von den Genossinnen ein eigener Lehrstuhl für Gendermedizin an der Linzer Med-Uni.

Weibliche Infarktsymptome

Am Beispiel von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt sich etwa die Dramatik einer "Männermedizin": Sie sind in Österreich Todesursache Nummer eins. Ein besonderes Augenmerk kommt dabei aber den Frauen zu. Mit zunehmendem Alter ist nämlich eher das weibliche als das männliche Geschlecht betroffen. In jungen Jahren haben Frauen zwar seltener Probleme, jedoch haben sie in diesem Alter eine besonders hohe Sterblichkeit.

Betroffene Frauen sind in der Diagnose und Behandlung oft schlechter dran. Kommt es etwa zu einem Infarkt, werden bei Frauen die Symptome oft nicht richtig gedeutet, weil sie sich anders als bei Männern präsentieren. Neben den "klassischen" Infarktsymptomen sind es bei Frauen vielfach – und manchmal ausschließlich – unspezifische Anzeichen wie Atemnot, Müdigkeit, Rücken- oder Bauchschmerzen, geschwollene Beine, die das kardiale Ereignis ankündigen. Diese werden jedoch mangels Wissens oft von den weiblichen Betroffenen bagatellisiert – manchmal mit fatalen Folgen.

Schmerzen nicht ernst genommen

"Frauen sind durch wirtschaftliche und soziale Krisen, wie sich auch in der aktuellen Pandemie zeigt, hinsichtlich finanzieller, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Faktoren stärker als Männer betroffen. Auch in hochentwickelten und modernen Gesundheitssystemen wie dem österreichischen werden Krankheiten bei Frauen oft spät oder gar falsch diagnostiziert, Schmerzen und andere Beschwerden nicht ernst genommen", kritisiert Oberösterreichs SPÖ-Frauen-Vorsitzende Renate Heitz.

Der Begriff Gendermedizin sei von einigen Missverständnissen, Auslassungen und Ungenauigkeiten geprägt, ist die Wiener SPÖ-Landtagsabgeordnete und Ärztin Mireille Ngosso überzeugt. "Es geht nicht nur darum, wie gesund ein bestimmtes Geschlecht ist, sondern darum, wie der weibliche Körper im Bereich der medizinischen Forschung vorkommt, wie ernst Schmerzen genommen werden, wenn sie von Frauen geäußert werden, wie unterschiedlich sich die Verabreichung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmazeutika gestaltet." Das Männliche werde zur menschlichen Norm und bilde die Grundlage für Forschung, Behandlung und Therapiemöglichkeiten, und das kann für Frauen schwerwiegende Folgen haben, führt Ngosso an.

Frauen haben größeres Long-Covid-Risiko

SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Eva-Maria Holzleitner bringt in diesem Zusammenhang Long Covid ins Spiel: "Vor gut einem Monat waren es circa 200.000 Menschen, die von der Krankheit betroffen sind, und es werden laufend mehr. Aber das Problem wird großteils ignoriert." Laut Studien hätten Männer ein zwischen 35 und 55 Prozent geringeres Risiko, an Long Covid zu erkranken. Daher müsse man bei der Bekämpfung der Krankheit auch den gendermedizinischen Aspekt im Auge behalten, fordert Holzleitner.

Aktuell gibt es einzelne Studien von Kliniken und private Initiativen zum Thema Long Covid – ein koordinierter, interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt fehlt jedoch. Außerdem braucht es dringend eine Verbesserung der Datenlage zu Long Covid sowie einen gendermedizinischen Aspekt zur Bekämpfung der Langzeitfolgen einer Covid-Infektion, fordert die Bundesfrauenvorsitzende. (Markus Rohrhofer, 6.4.2022)