Am Morgen des 24. Februar, als russische Panzer über die ukrainische Grenze rollten, begriff Maria Schawschenko, dass nun die Politik in ihr Leben geplatzt war. Sie wählte die Nummer ihrer Mutter, die schon seit Jahren in Polen lebt. "Mama sagte, ich solle alles stehen und liegen lassen und zu ihr kommen", erinnert sich die 24-jährige Schawschenko, "doch ich wollte erst einmal verstehen, was überhaupt los ist."

Maria Schawschenko: von "Ukraine’s Next Topmodel" in die Suppenküche für Soldaten.
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Gut einen Monat später weiß sie: Russlands Überfall ist ein Angriff auf die Freiheit, auf ihre Art zu leben. Maria Schawschenko will ihren Teil beitragen, diese Freiheit zu verteidigen, wenn auch nicht mit der Waffe in der Hand.

Koch im Café Mates in Kiew.
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Das Café Mates unweit des Goldenen Tors im Zentrum Kiews ist ein Lokal mit hellen Wänden, hellen Tischen und üppigen Topfpflanzen, das man so oder so ähnlich auch in Mailand, Madrid oder Münster finden könnte. Auf der Theke steht ein Tablett mit Brownies, auf den Tischen Vasen mit frischen Tulpen. Die Google-Bewertung: 4,4 Sterne.

Schawschenko erklärt beim Milchkaffee, wie sie kurz nach Beginn des Krieges hierher fand und warum sie nun im Keller des Cafés für Soldaten kocht: "Erst einmal saß ich mit meinem Bruder Roman in unserer gemeinsamen Wohnung, wusste nicht, was wird, und wurde immer nervöser." In den Vororten wurde gekämpft, immer wieder auch Kiew beschossen, die Meldungen aus anderen Teilen der Ukraine klangen mindestens ebenso bedrohlich. Bei Instagram erfuhr Maria Schawschenko, dass bei Mates Kleider und Lebensmittel gesammelt werden für Flüchtlinge und Soldaten. "Ich hatte noch ein paar Salzgurken und eingelegte Tomaten, die ich dann mitgebracht habe. Seitdem geht es mir besser", sagt sie. Am 3. März hatte Maria Schawschenko ihren ersten Einsatz an der Heimatfront.

In Kiew gehörte zur Freiheit auch das Feiern

Bis dahin hatte sie in ihrem Leben mit den großen Problemen der Gesellschaft kaum etwas zu tun. "Bei den Maidan-Protesten 2014 war ich noch zu jung", sagt Schawschenko, "meine Mutter ließ mich nicht aus dem Haus." Sie habe damals aber bereits verstanden, dass die mit Russland verbündeten Politiker "uns bestohlen hatten", sagt sie, "und dass wir unseren ukrainischen Weg gehen müssen". In Kiew gehörte zu dieser eigenständigen Freiheit bis vor ein paar Wochen auch das Feiern. Nicht wenige verglichen die Clubszene der ukrainischen Hauptstadt mit dem Neunzigerjahre-Berlin: viele Freiräume und ein noch größerer Drang zum Protest als in der ehemaligen DDR. Endlich ausbrechen aus der bleiernen Post-Sowjetzeit.

Schawschenko in der Küche des Café Mates.
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Die radikale Art, sich dem Feiern und Vergessen zu widmen, ist an Maria Schawschenkos Kopf abzulesen: Links und rechts zieren Blumen und geometrische Muster ihr Gesicht. Face-Tattoos als unübersehbares Zeichen einer hedonistischen Gegenkultur. Ihre erste Gesichtstätowierung ließ sich Schawschenko im Alter von 18 Jahren stechen. "Meine Mutter war schockiert, hatte Sorgen, dass ich damit keinen Job finden werde", sagt Schawschenko. Sie schmiss das Studium der sozialen Arbeit, jobbte in einer Shishabar und einem Yoga-Studio als Sekretärin. Bei "Ukraine’s Next Topmodel" kam sie in eine der letzten Runden. "Vor allem aber habe ich gefeiert", sagt sie.

Zuletzt hatte Maria Schawschenko diesen Lebenswandel sogar zum Beruf gemacht, war im Club Arsenal XXII als Selektorin dafür verantwortlich, an der Tür die richtigen Partygäste auszuwählen. Die Szene in Kiew sei wilder, aber auch herzlicher als in jeder anderen Stadt, die sie besucht hat. Wodka gab es meist direkt aus der Flasche. Und Drogen? "Natürlich", lacht sie hell und formt mit beiden Händen Pistolen, um in die Luft zu schießen. "Wenn ich high war, wollte ich tanzen und vergessen, sicher nicht über Politik reden", sagt Schawschenko. Meist hätten sie noch gefeiert, wenn die Putzfrau schon da war. Auf ihren Hals hat sie sich einen Spruch tätowieren lassen: "Last night I dreamed that somebody loved me." Die Nacht als Verheißung und Lebensinhalt.

Zwölf Freiwillige kochen bis zu 1.500 Mahlzeiten pro Tag

Maria Schawschenko steigt hinab in den Keller, um in der Küche Hühnerbeine zu marinieren. Cafébesitzerin Ola Babensowa setzt sich oben an den Tisch, nippt an ihrem aufgeschäumten Matchatee und erklärt, wie aus ihrem Lokal eine Feldküche wurde. Auch ihr Freund habe sie zu Kriegsbeginn aufgefordert, das Land zu verlassen, zu ihm nach Georgien zu ziehen. "Aber ich wollte meine Stadt und meine Leute nicht verlassen", sagt sie. Am dritten Kriegstag merkten sie, wie viele Lebensmittel noch da waren im Keller. "Also begannen wir für die Territorialverteidigung zu kochen." Mittlerweile bereiten zwölf Freiwillige 850 bis 1.500 Mahlzeiten pro Tag zu. "Wenn es wirklich schlimm werden sollte, sind wir da unten gut aufgehoben", sagt Babensowa, "im Keller gibt es Matratzen, eine Dusche, viel Essen."

Von der Kiewer Fashion-Week zum Unterstützer der Truppen: Walera Topal.
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Auch Walera Topal kocht im Restaurant seines Freundes für die kämpfende Truppe. Das vegane Lokal ist in einer alten Tuchfabrik Tür an Tür mit einem Technoclub untergebracht. Die Steinplatten im Hof sind mit öligem Ruß verschmiert. In einem der Räume mixen die Clubangestellten Molotowcocktails aus Benzin, Styropor, Nitroverdünner und Aluminiumsplittern. Vor der Tür wird die Flammdauer der Mischungen geprüft. Mittlerweile steht an jedem Checkpoint der Stadt eine Kiste Brandsätze aus Manufakturen wie dieser.

Abgeschnittene Haare und Rübenschälen

Topal aber hat auch mit solchen improvisierten Waffen nichts im Sinn, er möchte einen friedlichen Kriegsbeitrag leisten. Der 39-Jährige hat früher die Kiewer Fashion-Week mitorganisiert, ein Modelabel gegründet und dann als Eremit in einem Karpatenwaldhäuschen gelebt. "Ich habe vieles ausprobiert", sagt er und zieht die Hände zurück in die Ärmel seines Kapuzenpullovers, "von Ayahuasca bis Ayurveda."

Walera Topal: "So kann ich meinen ruhigen Geist auf sie übertragen."
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Zuletzt war er nach Kiew zurückgekehrt, hatte sich die langen Haare abschneiden lassen und war damit beschäftigt, andere Künstler zu beraten – ganzheitlich. "Ich hatte das Gefühl, Podil könnte mich immer noch brauchen", sagt er über das Szeneviertel zwischen Andreassteig und Dnjepr-Ufer. Hier liegt das vegane Restaurant seines Freundes, in dem er gerade Rüben geschält hat und nun unter Herzen und Peace-Zeichen aus Glasperlen sitzt. Der Name des Lokals soll nicht genannt werden, sagt er: "Wir wollen keine Werbung machen, sondern Hilfe leisten."

Später am Nachmittag lädt Walera Topal in seine Wohnung, um zu erklären, was er sonst noch darunter versteht. Der zweite Stock eines Altbaus, es duftet nach Räucherstäbchen. Topal hat wie viele andere Menschen in Kiew die Fenster seiner Wohnung für den Fall eines Einschlags in der Nähe mit Klebeband verstärkt. In einem oberen Fenster kreuzen sich viele Streifen des Tapes. "Meine Sonne", sagt er. Zunächst einmal, so erklärt der frühere Modemacher, helfe er durch Verbindungen: "Indem ich Leute in Kontakt bringe. Solche, die schusssichere Westen vertreiben und solche, die diese brauchen, zum Beispiel." Manchmal nehme er auch einfach Leute, denen er begegnet, in den Arm, im Supermarkt zum Beispiel, ganz spontan. "So kann ich meinen ruhigen Geist auf sie übertragen."

Vom DJ zum Kämpfer

Topal setzt sich im Schneidersitz auf den Teppich und erklärt die vor ihm ausgebreiteten Utensilien: Schnittmusterschablonen, ein geblümtes Hemd, aus dem er kleine Formen schneidet, Nadel und Faden, Reis und ein aufgerissenes Kissen für die Füllung. Die letzte seiner hier geschaffenen Puppen hat er einem Flüchtlingsmädchen geschenkt, deren Vater im Donbass kämpft. "Ich selbst könnte das nicht", sagt Walera Topal, "ich bin bloß ein Krieger des Lichts."

Der ehemalige DJ Daniel Detcom kämpft nun bei der Territorialverteidigung.
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Der DJ Daniel Detcom, dessen bürgerlicher Name hier nicht erwähnt werden soll, hätte sich im Gegensatz zu Walera Topal lieber früher als später der kämpfenden Truppe angeschlossen. "Ich hatte mich schon 2014, nach Beginn des Kriegs im Donbass, freiwillig gemeldet", sagt er. Damals habe er aber noch unter Augenproblemen gelitten, kämpfen konnte er deshalb nicht. Zunächst engagierte sich der DJ, der im Zivilberuf Experte für Suchmaschinenoptimierung ist, beim Geldsammeln für Kinderkrankenhäuser und Flüchtlinge. Auch eine Partyreihe, deren Erlöse der Armee zugutekamen, geht auf ihn zurück.

DJ Daniel Detcom mit Kameraden der Territorialverteidigung.
Foto: Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Detcom sitzt an einem großen Kartentisch im ersten Stock einer Kaserne der Territorialverteidigung in Kiews Nordwesten. Um ihn sind Männer gruppiert, die eben noch Automechaniker, Wachleute, Immobilienunternehmer oder Parlamentsabgeordnete waren. Ihr Stützpunkt war vor kurzem noch ein Fuhrplatz der Müllabfuhr. Obwohl die Fenster der Stube mit Sandsäcken und Pappen verdeckt sind, klingt das Geschützfeuer aus den Vororten bedrohlich nah. In einer Ecke steht ein Karton mit der Aufschrift "Reste"; darin die Überbleibsel einer russischen Boden-Boden-Rakete.

Kätzchen namens Jawelin

Am 24. Februar unterschrieb Daniel Detcom seine Verpflichtungserklärung bei der Territorialverteidigung. "Ich hatte sowieso vor, mich zu melden, zufällig bin ich dann am Tag des Überfalls dran gewesen", sagt er. Zunächst wurden ihm eine Kalaschnikow und 120 Schuss Munition ausgehändigt. Seitdem trainiert er fast täglich, die Ausbildung am Raketenwerfer mittels Augmented Reality. "Das ist so ähnlich wie im Flugsimulator oder im Videospiel", sagt er. Vor allem muss er Wach- und Baudienste schieben. Beim Einsatz an einem Außenposten ist ihm ein schwarzes Kätzchen zugelaufen, das er Jawelin getauft hat – wie die Antipanzerwaffe aus US-Produktion.

Wenn Detcom von seinem Einsatz erzählt, klingt der Krieg fast wie ein günstiger Moment, den eigenen Idealismus zur Schau zu stellen. "Natürlich ist das nicht so, ich mache mir keine Illusionen", sagt er, "dafür habe ich in den vergangenen Wochen schon zu viel gesehen: Zerstörung, Tote auf beiden Seiten, vor Schmerzen stöhnende Kameraden." Aber gerade deshalb sei es richtig gewesen, sich freiwillig zu melden.

Auch der Einsatz ohne Waffe sei wichtig. Wütend macht ihn allerdings, wenn er Partyfotos von Bekannten sieht, die sich noch vor dem Krieg nach Berlin abgesetzt hätten. "Die Zeit des Egoismus ist nun wirklich vorbei", sagt Daniel Detcom. (Thore Schröder aus Kiew, 8.4.2022)