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Das in Österreich am leichtesten verfügbare Rauschmittel kann verheerende Folgen haben, wie der Prozess gegen einen 50-jährigen Suchtkranken zeigt.

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Wien – Wie langjährige Alkoholabhängigkeit Menschen zerstören kann, ist beim Prozess gegen Michael W. nicht nur beim 50-jährigen Angeklagten, sondern auch bei einem seiner Opfer zu beobachten. Richter Stefan Apostol muss im Verfahren gegen den vierfach Vorbestraften darüber entscheiden, ob W. zwei Körperverletzungen begangen und im vergangenen Oktober eine 14-Jährige "sittlich gefährdet" hat, indem er auf der Straße ihr Gesäß berührte.

Das Verfahren beginnt eine Viertelstunde verspätet, da der Staatsanwalt irrtümlich an einen anderen Verhandlungstermin glaubte und Apostol ihn erst informieren lassen muss. Dann bekennt sich der von Dino Srndic verteidigte Angeklagte in allen Punkten nicht schuldig. Mit teils seltsamen Begründungen.

Glaube an Intrige der Mitbewohner

"Sie ist von hinten an mir vorbeigegangen, ich habe ihr nur gesagt, dass sie einen schönen Hintern hat", behauptet W. beispielsweise im Fall der Schülerin. "Wieso sagen Sie das zu einer Ihnen völlig Unbekannten?", fragt Apostol. "Das war unpassend, das weiß ich jetzt auch", gesteht der Angeklagte zu. "Das Mädl sagt aber aus, dass Sie sie am Gesäß berührt hätten", hält der Vorsitzende W. vor. Das stimme nicht, lautet die Antwort. "Warum sollte die Zeugin lügen?" – "Ich nehme an, dass sie im selben Bau wie ich wohnt. Dort sind viele Leute ein bissi böse auf mich wegen dem Trinken", mutmaßt der Angeklagte.

Der weiß, dass er zu viel Alkohol konsumiert. Er sei ein Spiegeltrinker, einen Liter des hochprozentigen Magenbitters Guter Stern verbrauche er im Laufe des Tages, daher sei plausibel, dass er, wie damals, bei Einbruch der Dunkelheit betrunken gewesen sei. "Bei der Polizei haben Sie noch gesagt, Sie hätten keine Erinnerung an den Vorfall, da sie so betrunken gewesen seien? Wieso wissen Sie jetzt, was passiert ist?", hinterfragt der Vorsitzende. "Eine Woche später ist es mir wieder eingefallen, wie es wirklich war", behauptet der Angeklagte.

Angeblich versuchter Handydiebstahl

Auch seine damalige Partnerin will er in der Wohnung nicht attackiert haben. Woher die fotografisch festgehaltenen Würgespuren an ihrem Hals kommen, kann W. sich nicht erklären. Genauso bestreitet er, an einem Tag betrunken versucht zu haben, eine Straßenbahn aufzuhalten, indem er sich vor das Gefährt auf die Gleise stellte und mit der Faust drohte, sowie anschließend einem Passanten mehrere Faustschläge ins Gesicht verpasst zu haben. "Ich habe den Müll rausgetragen – und der wollte mir mein Handy wegnehmen", stellt er eine Opferrolle in den Raum.

Der psychiatrische Sachverständige Peter Hofmann hält es in seinem Gutachten durchaus für möglich, dass W. seine Aussagen tatsächlich glaubt. Durch die jahrzehntelange Suchtproblematik des Angeklagten sei ein Korsakow-Syndrom möglich: eine Hirnerkrankung, die zu Gedächtnisverlust führt, wobei die Erinnerungslücken durch Konfabulation aufgefüllt werden. Bei entsprechender Behandlung verbunden mit Alkoholentzug könne eine gewisse Besserung auftreten, daher spricht sich der Fachmann für W.s Einweisung in eine Anstalt für entwöhnungsbedürftige Rechtsbrecher aus.

Pizza und Alkohol zum Frühstück

Seine frühere Lebensgefährtin, für die Michaela Schmotzer als Privatbeteiligtenvertreterin fungiert, schildert den Tag, als W. sie angriff. "Wir hatten eine Pizza zum Frühstück und waren schon leicht beschwipst. Ich habe geweint, da ich erfahren hatte, dass mein Bruder Krebs hat, da hat er zu schreien begonnen. Später, auf dem Balkon, hat er mich mit Pizzaresten beworfen. Ich habe ihm gesagt: 'Du Drecksau, jetzt schleichst di!.'" Als sie ihn aus der Wohnung weisen wollte, habe er sie viermal fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, behauptet die Zeugin.

Deren Glaubwürdigkeit Verteidiger Srndic allerdings erheblich anzweifelt. Denn die 48-Jährige erzählt auch, bis Ende März habe der Angeklagte acht Tage lang jede Nacht an ihre Tür geklopft und sie geängstigt. Jedes Mal habe sie die Polizei alarmiert, nur W. komme dafür infrage. Die mehrmaligen Hinweise von Richter Apostol, dass das faktisch ein Ding der Unmöglichkeit sei, da er selbst verfügt habe, dass W. seit Weihnachten in Untersuchungshaft ist, ignoriert die Zeugin. Sie bleibt felsenfest überzeugt, dass der Angeklagte sie in der Nacht terrorisiert habe.

Unheimliche Begegnung auf dem Heimweg

Die 14-Jährige, die übrigens keine Nachbarin des Angeklagten ist, schildert als Zeugin, sie sei gegen 20.30 Uhr auf dem Heimweg vom Fitnessstudio gewesen, als W. sie angesprochen habe. "Er hat gefragt, ob ich die Stadt ausmessen möchte", erinnert sie sich. Der offensichtlich beeinträchtigte Mann sei ihr unheimlich vorgekommen, daher ging sie rasch weiter. Der Angeklagte sei ihr dann nachgegangen, "dann habe ich es gespürt", sagt die Teenagerin. Auf Nachfrage Apostols präzisiert sie dann, W. habe ihr kurz mit der Hand auf ihr Hinterteil gegriffen und sei dann davongelaufen.

Von diesem Vorwurf spricht der Richter W. schließlich rechtskräftig frei, da aus seiner Sicht kein strafrechtlicher Tatbestand erfüllt sei. Die von der Anklagebehörde angenommene "sittliche Gefährdung von Personen unter 16 Jahren" sieht er nicht. Doch auch die Bedingungen für das als "Pograpsch-Paragraf" bekannte Delikt der sexuellen Belästigung seien nicht erfüllt, da die Berührung zu kurz gewesen sei, meint Apostol.

Für die versuchte schwere Körperverletzung am Passanten verurteilt der Richter W. dagegen ebenso wie für die Körperverletzung an der Ex-Partnerin zu einem Jahr unbedingter Haft, darüber hinaus schließt er sich Hofmann an und verfügt die Einweisung zur Entwöhnung. Auch diese Entscheidung ist bereits rechtskräftig. (Michael Möseneder, 8.4.2022)