Erwachsene und Jugendliche berichten nach Infektion von einem subjektiv schlechteren Gesundheitszustand, Kinder unter 14 kaum.

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Geschmacks- und Geruchsstörungen, extreme Erschöpfung, Atemnot, Herzrasen. Etwa zehn bis 20 Prozent aller Corona-Infizierten berichten auch Monate nach ihrer Covid-Erkrankung von einer Vielzahl an Symptomen, schätzt die WHO. Nach wie vor ist die Studienlage zu persistierenden Problemen nach einer Corona-Infektion dünn, aber immer mehr Forschungen geben Aufschlüsse darüber, wer eher von langanhaltenden Symptomen betroffen ist.

Nur: Was bedeuten langanhaltende Symptome genau? Bis heute wissen Fachleute das komplexe Krankheitsbild zu Long Covid nicht richtig einzuordnen – eben weil die Symptome so unterschiedlich sein können. "Es gibt nicht das eine Long Covid", stellt Roland Elling klar. Er ist Funktionsoberarzt am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen hat er seit Frühjahr 2020 mehrere Haushaltsstudien durchgeführt, um die Übertragung des Virus und die langanhaltenden Symptome in den Familien zu untersuchen.

Unzureichende Definition von Long Covid

Zu dem Zeitpunkt, als Elling zu Beginn der Pandemie die Studien startete, war das Wissen zu Long Covid noch fragmentierter. Dass manche Menschen auch nach einer Infektion persistierende Schmerzen haben, beobachtete man bald, aber eine Definition zum Krankheitsbild gab es von der WHO noch nicht. Mittlerweile gibt es die: Long Covid, das sind Symptome, die innerhalb von drei Monaten nach einer Corona-Infektion auftreten und mindestens zwei Monate lang anhalten und nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden können.

Trotzdem bleibt ein zentrales Problem: Die Definition ist zu ungenau und vermischt Symptome unterschiedlicher Schwere: "Es ist ein großer Unterschied, ob man eine Geruchs- und Geschmacksstörung hat oder körperlich nicht mehr so belastbar ist wie vor der Infektion. Das kann man nicht miteinander vergleichen", sagt Elling. Es gibt keine zureichende Definition von Long Covid, die bei allen Studien konsistent herangezogen wird und Long Covid von gängigen Symptomen in Rehabilitationsphasen abgrenzt.

Mädchen eher von Langzeitfolgen betroffen

Für Ellings Studie, aktuell auf dem Preprint-Server der Lancet-Fachjournalgruppe veröffentlicht, wurden die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung in 340 Haushalten erhoben. Die 1.267 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden zwei Monate und ein Jahr nach der Infektion untersucht und nach persistierenden Symptomen gefragt. Die untersuchten Personen hatten sich alle im Frühjahr 2020 mit Covid-19 infiziert, waren demnach zum Zeitpunkt der Erkrankung alle ungeimpft. In der Kontrollgruppe sind Personen, die ebenfalls exponiert waren, sich aber nicht angesteckt haben. Dabei geht es auch zentral um die Frage: Was unterscheidet die Immunreaktion von Kindern von jener der Erwachsenen?

Erwachsene und Jugendliche berichten nach Infektion von einem subjektiv schlechteren Gesundheitszustand, Kinder unter 14 kaum. Dabei zeigte sich zudem ein massiver Geschlechterunterschied: Frauen berichten zu 36 Prozent, weibliche Jugendliche zu 32 Prozent von anhaltenden moderaten oder schweren Symptomen. Bei der exponierten Kontrollgruppe sind es 14 bzw. neun Prozent. Infizierte Männer hingegen berichten in 22 Prozent der Fälle von diesen Symptomen, bei exponierten Männern sind es zehn Prozent. Bei männlichen Jugendlichen und allen Kindern zeigt sich kein erhöhtes Risiko.

Long Covid betrifft Körper und Seele

Das ist auch deshalb eine wichtige Erkenntnis, weil die Forschung Long Covid bei Kindern und Jugendlichen bis dato noch schlechter versteht als bei Erwachsenen. Die Haushaltsstudie macht nicht nur körperliche Folgen der Covid-Erkrankung, sondern auch psychische Belastungen von jungen Menschen während Corona sichtbar: "Gerade Jugendliche und Kinder haben wahnsinnig unter der Situation gelitten", sagt Elling. Das beobachte er auch in der Praxis: "Wir sehen viele Jugendliche mit psychosomatischen Erkrankungen, die wir in der Schwere und Häufigkeit vor Corona nicht gesehen haben."

In den Ergebnissen der Haushaltsstudie spiegeln sich seine Beobachtungen wider. Familienmitglieder sind eine gute Kontrollgruppe, weil sie den genau gleichen Stressoren ausgesetzt waren. Mama verliert den Job, Papa wird krank: Geschwister hatten vergleichbare Belastungen im Laufe der Pandemie.

Familiäre Faktoren entscheidend

Am Ende zeigt sich: Das Risiko für individuelle Symptome korreliert mit der Anzahl von Symptomen bei anderen Haushaltsmitgliedern. Manche Haushalte haben eher langanhaltende Symptome nach einer Corona-Infektion als andere. Das macht deutlich, wie multifaktoriell die Folgen einer Corona-Erkrankung sind. Covid-19 greift nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche an und führt neben physischen Schmerzen und Schäden auch zu psychischen Belastungen und Ängsten in Familien.

Eltern, die berichtet haben, dass ihr Gesundheitsstatus zwei Monate nach der Infektion schlechter oder viel schlechter war als vor der Pandemie, berichteten dreimal so häufig, dass auch ihr Kind persistierende Symptome habe. Der Arzt kennt den Effekt aus der Kindermedizin: "Wenn in der Familie jemand chronische Beschwerden hat, kann das das gesamte Familiensystem beeinflussen."

Aber auch jene, die nicht mit Covid-19 infiziert waren, klagten über Symptome: Einer von vier Erwachsenen hatte nach einem Jahr mäßige oder schwere Symptome, obwohl er oder sie nicht infiziert war: "Es geht also auch um ganz viel, das gar nicht mit der Infektion zusammenhängt", analysiert Elling. Das bedeute aber keineswegs, dass Long Covid keine ernstzunehmende Erkrankung sei, betont er: "Aber es ist eben sehr komplex, und man darf die familiären und psychischen Faktoren nicht unterschätzen." (Magdalena Pötsch, 9.4.2022)